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24 Jahre Goldene Zitronen: Maximal komplex, maximal reichweit

Der Dokumentarfilm "Übriggebliebene Ausgereifte Haltungen" und die Schwierigkeit, in Deutschland eine linke Band zu sein.

Sänger Schorsch Kamerun und Gitarrist Ted Gaier von der Hamburger Punk Band Die Goldenen Zitronen  bei einem Galakonzert im Hamburger Schlachthof anlässlich des 18-jaehrigen Bestehens der Band (Archivbild vom 18.10.02).
Sänger Schorsch Kamerun und Gitarrist Ted Gaier von der Hamburger Punk Band "Die Goldenen Zitronen" bei einem Galakonzert im Hamburger Schlachthof anlässlich des 18-jaehrigen Bestehens der Band (Archivbild vom 18.10.02).
Foto: ddp

"Immer diese Widersprüche, ich bin mindestens ein Schurkenstaat und zwei Schuldmaschinen und eine Telefonzelle voller H&M people. Die schönste Zeit meines Lebens war leider ein Filmriss" ("Widersprüche" Die Goldenen Zitronen 2001)

Die Geschichte der Goldenen Zitronen ist eine Geschichte der Widersprüche. Wer 1984 als Funpunk-Band aus der Hamburger Autonomen-Szene anfängt und 2008 die überzeugendste linke Band weit und breit ist, der muss Widersprüche be- und verarbeitet haben.

Zur Sache

"Die Goldenen Zitronen Material" ist der Titel einer Doppel-DVD des Hamburger Buback-Labels. Die erste DVD enthält Peter Otts Dokumentarfilm "Übriggebliebene Ausgereifte Haltungen" und sämtliche Musikvideos. Die zweite DVD dokumentiert Albumaufnahmen in Rumänien, dazu allerlei Bonusmaterial.

Von dieser Arbeit und dem Spaß, den sie (manchmal) bringt, erzählt Peter Otts Dokumentarfilm "Übriggebliebene Ausgereifte Haltungen". Keine distanzlose Rockumentary von Fans für Fans sollte es werden. Ob das gelungen ist, darüber kann man sich streiten. Denn die Arbeit an Widersprüchen, die Reflexion der eigenen ästhetischen und politischen Praxis, das ist ja genau das, was Zitronen-Fans mögen an ihrer Band. Schließlich werden U2 von ihren Fans auch für Bonos Missionarsstellung geliebt. Und seine mächtigen Freunde.

Folgerichtig wird das Loblied auf die Zitronen nicht von verdienten Rolling Stone-Redakteuren gesungen, sondern von Daniel Richter, dem Malerfürsten, der mit seinem Kunstgeld das Hamburger Buback-Label am Leben hält. Von Diedrich Diederichsen, der über die Zitronen Sachen sagt, die selbst deren Mitgründer Ted Gaier nicht versteht. Und von Clara Drechsler.

Bei einem ihrer seltenen öffentlichen Auftritte findet die Spex-Mitgründerin passende Worte für die Strategie(n) der Zitronen. "Punk im Punk" seien sie anfangs gewesen. Fun-Punk war ein Unterlaufen verfestigter Codes im politmoralisch restriktiven Autonomen-Umfeld, damals in den Achtzigern, als es noch politisch korrekt war, politisch unkorrekt zu sein. Sie wollten immer maximale Komplexität bei gleichzeitig maximaler Reichweite, sagt Drechsler und stößt auf den Hauptwiderspruch der Goldenen Zitronen.

Mit albernem Funpunk bekämpfen sie den protestantischen An-der-Welt-Leiden-und-darüber-enthaltsam-und-bitter-werden-Gestus der Hardcore-Szene - und dringen damit in andere Milieus vor. "Am Tag als Thomas Anders starb!" Der mitgröltaugliche Modern Talking-Diss wird von Boulevard und Bravo skandalisiert, und plötzlich sind die Zitronen in der alten BRD so groß wie die Toten Hosen.

Anders als Campinos Altbiercombo finden sie aber einen Ausweg aus der Funpunk-& Dumpfrock-Sackgasse. Dazu muss man sich von falschen Freunden trennen. Also werden die Schnauzbärte brüskiert. Auf den Schnauzbart-Begriff bringen die Zitronen die Ballermann-Bundeswehr-Fraktion ihres Publikums. Männliche Mitmenschen, die dem Funpunk mit Gewalt den reinen Fun abringen: Sauf dich voll und fress dich dick und halt dein Maul von Politik. Aus diesem Stahlbad will die Band raus, also gibt es Anti-Schnauzbartsongs. Der Film illustriert die Malaise an der Grenze zur Denunziation, wenn ein Bilderbuchschnauzbart beim Mitgrölen vorgeführt wird.

Nach dem Fall der Mauer erleben die Zitronen ihr ganz eigenes Hoyerswerda. In dem beschaulichen Städtchen in der Oberlausitz beginnt im September 1991 die Nachwiedervereinigungs-Pogrom-Serie mit einem Brandanschlag auf eine Unterkunft von Asylbewerbern. Als Die Goldenen Zitronen in Hoyerswerda spielen wollen, landen sie aus Versehen im falschen Jugendzentrum. Neonazis empfangen sie mit Knüppeln, das Schlimmste verhindert ein beherzter Auto-Stunt. Jagdszenen in Ostdeutschland.

Auch die Bemühungen der (west-)deutschen Poplinken, mit den sogenannten Wohlsfahrtsausschüssen der handlungsunfähigen jungen Ostlinken pop-politisch auf die Beine zu helfen, dokumentiert der Film. Lange her, der heutige Feuilletonchef der taz trägt das Haar noch voll, und dass Schorsch Kamerun mal ein gefragter Theater-Regisseur werden sollte, konnte man ebenso wenig ahnen, wie den rasanten Aufstieg des Malers Daniel Richter. Vom Aufstieg und Fall einer Band namens Blumfeld gar nicht zu reden.

Um vermeintliche Klarheiten und verborgene Widersprüche, um die Tücken von Selbstvergewisserung und Selbstvergessenheit, ringen die Zitronen mit sich und der Welt inzwischen länger, als Helmut Kohl die Deutschländer regierte. Im neuen großen Deutschland mit seinem rassistisch aufgeladenen Nationalismus brauchen sie keine Schnauzbartsongs mehr, um falsche Freunde loszuwerden. Neue Mittel und Wege finden sie mit Degenhardt & Dylan, HipHop & Electro, Brecht & No Wave. Die Öffnung zu einem Postpunk der speziellen Zitronen-Art wie die Öffnung für neue Bandmitglieder und Gastmusiker erweitert die Wahl der Waffen.

Die Plausibilität dieser Entwicklung zu zeigen, ist eine der Stärken des Films, es wird mehr geredet als gesungen. Und man staunt über den Weitblick der Zitronen. Die wussten schon 1996, was manchem erst in diesem Herbst aufgeht: "Es war das Fin de Siecle, ein Mythos ohne Glanz. Man hatte sich so sehr an Schnelligkeit gewöhnt, dass sie nicht mehr leidenschaftlich und hoffnungsfroh beklatscht, sondern als Existenzgrundlage angesehen wurde. (…) Das Gewand, in dem die Zukunft daherkam, hatte nichts mehr von der Wunderhaftigkeit früherer Tage. Über Maschinen konnte man zwar mit jedem Winkel der Erde kommunizieren, und es war die Rede davon, dass es bald möglich wäre, ohne Körper zu reisen. Aber vieles im Leben der Menschen erinnerte doch an vergangene Epochen. Zum Beispiel, dass die Erde eine Scheibe sei, die von der einen Seite von der Sonne beschienen würde, während die andere für ewig im Dunklen läge." ("Fin de Millénaire" aus dem Album "Economy Class", 1996).

So früh haben sie erkannt, dass (vermeintlich) linke, emanzipatorische Errungenschaften von Punk, Techno und anderen künstlerischen Avantgarden von der Gegenseite genutzt werden: dass Schnelligkeit, Flexibilität und Mobilität, nicht mehr leidenschaftlich und hoffnungsfroh beklatscht, sondern als Existenzgrundlage angesehen werden. Heute kennen wir das aus dem prekären Alltag, aber 1996?

Begriffe wie Eigenverantwortung, Multitasking und Selbst-Optimierung waren noch nicht kontaminiert oder noch gar nicht erfunden. Linke Visionäre träumten davon, die Trennung von Arbeit und Freizeit aufzuheben. Von solchen Visionen - hallo Helmut Schmidt - sind sie geheilt, weil sie bezahlt haben mit immer mehr Arbeit für weniger Freizeit.

Oder weil sie nicht mehr bezahlt werden für ihre Arbeit. Wie die "Untertanmädchen, Subunternutzer, Zugeherinnen, Wachhundhalter", von denen die Zitronen 2006 im "Lied der Stimmungshochhalter" berichten.

Alle machen "Training in Unterwerfungskompetenz. Mit Aussicht auf Laufburschenschaft." Ted Gaier hat den Text geschrieben: "Ich finde es beunruhigend, dass man Praktika im Lotto gewinnen kann und froh sein muss, dass man da ausgebeutet wird. Dass in Hotels Leute in Fantasieuniformen stehen, die einem die Tür aufhalten. Dass es wieder Schuhputzer gibt. Im Kindergarten meines Sohnes arbeiten zwei Leute, die haben Sozialpädagogik studiert und machen da einen Ein-Euro-Job. Das ist die Vorbereitung einer Bismarckschen Klassengesellschaft."

Autor:  KLAUS WALTER
Datum:  14 | 11 | 2008
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