Weil aller guten Dinge drei sind, muss es auch drei Dimensionen geben. Vor allem gilt das in der zweidimensionalen Welt der Monitore, Flachbildschirme und Kinoleinwände, wo die Abbildung von drei Dimensionen in einem zweidimensionalen Medium zurzeit als der Technik letzter Schrei gefeiert wird. Dass schon vor über einem halben Jahrhundert die dritte Dimension im Kino entdeckte wurde, was das Aufsetzen merkwürdiger brillenartiger Nasengestelle notwenig machte, relativiert das Revolutionäre daran ein wenig. Einige Jahre später übrigens machte sich der Sozialphiolosoph Herbert Marcuse über die Gattung lustig in seinem Buch „Der eindimensionale Mensch“. Heute wissen wir, dass Marcuse im Großen und Ganzen richtig lag, sich nur um eine Dimension verschätzt hat: Der Mensch ist am liebsten ein zweidimensionales Wesen. Die dritte Dimension ist ihm immer ein Grenzfall und stets mit Stress verbunden.
Räumliche Wahrnehmung ist sinnvoll, wenn etwa ein Auto mit überhöhter Geschwindigkeit auf uns zufährt oder, in entwicklungsgeschichtlicher Perspektive, wenn unsere fernen Ahnen sich vor Mammuts und Säbelzahntigern in Sicherheit bringen mussten. Es könnte sein, dass das dreidimensionale Wahrnehmen das Überleben der Gattung begünstigt hat, weil es unseren Organismus in eine Stress-Situation zu versetzen vermag, die die zweite Dimension so nicht hinbekommt.
Dass drei Dimensionen nicht das Äußerste dessen sind, was die Welt sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Dreidimensionale Wahrnehmung ist biologisch hinreichend gewesen und hat den Hominiden ihren erheblichen Erfolg in der Evolution beschieden.
Nur: Warum soll sie jetzt auch im Kino stattfinden, wo Stress keinen biologischen Sinn ergibt? Wozu der ganze Fortschritt in den bildgebenden Verfahren bis hin zur Digitalisierung des Raumes und seiner Vorgaukelung auf einer zweidimensionalen Leinwand? Könnte es sein, dass niemand diesen Fortschritt braucht? Womöglich wäre es attraktiver, sowohl als technische Aufgabe wie als ästhetisches Ergebnis, an der zweidimensionalen Abbildung weiterer neun Dimensionen zu arbeiten. Aber bitte, ohne uns damit zu stressen.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen