Das Mikrophon knackte und die Techniker, mit den Schulternd zuckend und den Armen rudernd, signalisierten einen Kabelbruch. Ob er, die Wartezeit ausfüllend, ans Pult als Vorleser sich begeben solle, fragte er, der Grass. Applaus. Moderator Denis Scheck gab den Jauch am Donnerstagabend im Literarischen Colloquium Berlin (LCB), in das er Günter Grass und einige von dessen Übersetzern eingeladen hatte. 50 Jahre nach Erscheinen des Originals ist der Erstlingsroman des Nobelpreisträgers in mehrere Sprachen neu übertragen worden.
Warum, so fragte Scheck, altern Übersetzungen? Und wie es um die Joghurtablaufzeit des Originals stehe? Grass, der für das Publikum, aber wegen des Kabelbruchs noch nicht fürs Radio auf der Blechtrommel gerührt hatte, gab die Antwort als Vortragender. Mit einer Stimme, die nie jugendlich gewesen sein mag, aber noch immer jung ist, dramatisierte und rhythmisierte er einen Text, den man zu kennen meinte und der doch klang, als trete er zum ersten Mal vors Publikum. Auf der Wannseeterrasse, auf der die Stimmen aus dem Saal zu hören waren, lasen einige vor aufgeklappten Laptops oder auch in zerlesenen Ausgaben verschiedener Sprachen mit.
Das literarische Ereignis Grass wird gerade auch durch den Vorleser Grass belebt. Wie es denn sein könne, fragte Scheck, dass ein so junger, weitgehend unbekannter Mann sich im fernen Paris daran mache und einen so selbstsicheren 800-Seiten-Roman schreibe? Talent im richtigen Mischungsverhältnis zu Größenwahn, so Günter Grass, wird schon dabei gewesen sein.
Die Grass-Übersetzer Breon Mitchell, Per Oergaard, Oili Suominen sowie sein langjähriger Lektor Helmut Frielinghaus attestierten dem Autor indes die Begabung zum Zuhören. Geduldig habe er bei den vielen Übersetzertreffen Fragen zum Text beantwortet, auch wenn sie gar nicht gestellt worden waren. Grass, der Autor der Weltliteratur, habe sie dazu aufgefordert, selbst zu dichten, wo es mit dem bloßen Übersetzen schwierig sei. Warum, fragte Scheck, habe sich der Eindruck verfestigt, dass der Roman überwiegend von Danzig handele, obwohl dessen Schauplatz über weite Strecken doch Düsseldorf sei. Das, so Grass, habe mit restaurativen Kräften und dem Wegsehen der Adenauerzeit zu tun. Man habe den Roman nicht als zeitgenössisches Werk betrachten wollen. Ist der große Roman des großen Grass also nie wirklich in der alten Bundesrepublik angekommen? Grass sagte es nicht so, aber noch immer schien ihn die Feindseligkeit der 60er Jahre zu berühren.
Einen Teil seiner performativen Energie bezieht der Fabulierkünstler Grass aus dem Zugang zu den giftigen Substanzen des Ressentiments. Fast scheint es, als habe der Vorleser Grass über Jahrzehnte die zersetzende Kraft der Verkennung erfahren und abwehren müssen. An diesem Abend im Literarischen Colloquium aber hatte der knurrige Grass Pause. 50 Jahre Blechtrommel. Ein Buch für ein halbes Jahrhundert und einen Abend gute Unterhaltung.
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