Brasília war das anregendste, aufregendste Projekt der Moderne. Vor fünfzig Jahren wurde die "Stadt der Hoffnung" eingeweiht - und heute? Ist Brasília immer noch modern, schön, grün, zukunftsfroh. Aber auch verbaut, hässlich, korrupt, deprimierend. Eigentlich ein ganz normales Stück Brasilien.
Das Foto ist natürlich schwarz-weiß. Es zeigt zwei parallele Fahrspuren, die durch dürres, niedriges Buschwerk dem Horizont entgegenstreben. Im Vordergrund, wo eine weitere Spur rechtwinklig kreuzt, sind vier weiße Pfähle in den Boden gerammt. Wie eine Eskorte umgeben sie den fünften, an dem ein Schild angebracht ist. Auf dem stehen nur vier Buchstaben: Zero - Null. Der Nullpunkt.
Von der werdenden Hauptstadt Brasília gibt es stärkere, gefälligere Bilder als die Pfähle in der Wildnis: Wichtig dreinschauende Herren in Anzug, Krawatte und Hut, die sich in freier Natur über roh gezimmerte Kartentische beugen. Die nackten Stahlskelette der parallel in die leere Landschaft gelegten späteren Ministerien zum Beispiel. Die noch verschalten Zwillingstürme des Parlaments mit der Kuppel und der Schüssel davor. Die feierliche Einweihung am 21. April 1960, mit Messe, Militärparade und Massenaufmarsch unter dem vor lauter Fahnen grüngelben Himmel.
Aber das Zero-Foto zeigt den Ursprung. Die Wegkreuzung im Busch ist die Parabel für die Eroberung, Erschließung und Entwicklung des riesigen Landes, dessen Inneres auch 460 Jahre nach der Entdeckung durch Pedro Álvares Cabral noch wild, kaum besiedelt, rückständig war. Brasília "entstand aus der elementaren Geste der Besitzergreifung, der Markierung eines Ortes: Zwei Achsen, die sich rechtwinklig überschneiden - das Zeichen des Kreuzes", formulierte später Lúcio Costa, der 1957 mit seinem eher poetischen als technischen Entwurf den Stadtplanungswettbewerb für Brasília gewonnen hatte. Der Architekt Oscar Niemeyer, der als Baumeister Brasílias Weltruhm gewann, war Costas Schüler.
Am Anfang war die Hauptachse
Später Nachmittag, ideales Fotowetter für die Unterwäsche-Modenschau des Conjunto Nacional, eines in die Jahre gekommenen Einkaufszentrums. Eine Schlange schöner, junger Musterkörper zieht sich über die breiten Bürgersteige vor dem Eingang, windet zwischen den Reihen parkender Autos hindurch bis zum Busbahnhof. Nichts besonderes eigentlich: Autos aus allen Himmelsrichtungen, viele Busse, viele Menschen, viel Beton, viele Hochhäuser.
Die schönen Menschen steuern die Brüstung an, damit sie im Hintergrund das Postkarten-Motiv haben: Die endlos breite, von den Ministerien gesäumte Monumentalachse, die auf den Kongress und den Platz der drei Gewalten zuläuft. Sie schneidet die andere Hauptachse, die das von Costa geplante Brasília durchzieht, genau hier am Busbahnhof. Und genau hier stand einst das Zero-Schild.
Schon Tiradentes, der brasilianische Volksheld und Verschwörer gegen die portugiesische Kolonialmacht, schlug vor, die Hauptstadt ins Innere des Landes zu verlegen. 1789 war das, und seitdem stand das Projekt stets auf der Tagesordnung. Die Väter der Unabhängigkeit 1822 bekannten sich dazu, und als das Kaiserreich 1889 fiel, erhielt das Vorhaben Verfassungsrang. Dass das stets angestrebte, aber nie auch nur begonnene Projekt dann doch verwirklicht wurde, dieses Verdienst erkennen die Geschichtsbücher Juscelino Kubitschek zu.
Er war Präsident in diesem magischen Moment der Geschichte, in denen alles zu gelingen schien: Die Wirtschaft florierte, die nationale Industrie expandierte, die Bossa-Nova-Klänge gingen um die Welt, Brasiliens Kino und Theater revolutionierten sich. Und 1958 wurde Brasilien auch noch Fußball-Weltmeister. Heroische Jahre. 252 mal flog der Präsident zwischen der ersten Besichtigung des öden, wilden Hochplateaus im Oktober 1956 und der Einweihung mit seiner Douglas ein.
30.000 Bauarbeiter unternahmen, von Kubitschek angefeuert, gewaltige Anstrengungen, um rechtzeitig fertig zu werden. Der Schweiß, der Staub, der Whisky, die Kameradschaft, die Pflichterfüllung - das ist der Stoff, aus dem die Heldenmythen gewirkt sind. Zugleich hielt die Normalität Einzug: Das Hospital wird fertig. Brasília wählt eine Schönheitskönigin. Der Zoo bekommt einen Elefanten. Brasiliens Zahnärzteverband eröffnet eine Ortsgruppe.
Der Direktor wohnt neben seinem Fahrer
Die bis heute strahlend schönen, eleganten Staatsbauten Niemeyers sind durch die Wohngebiete ergänzt worden, die nach dem Prinzip der Gartenstadt gestaltet und entsprechend dem Geist der Zeit autofreundlich durch kreuzungsfreie Straßen verbunden wurden. Die Superquadras genannten Wohnquartiere waren von großbürgerlich-luxuriösen Zuschnitt, um die aus Rio de Janeiro zwangsverpflanzten Beamten zu entschädigen. Zunächst wurden sie vom Staat zugewiesen, und so kam es, dass der Direktor neben seinem Fahrer wohnte.
Aber im Laufe der Zeit zogen die kleinen Leute, weil ihnen die Nebenkosten zu hoch waren, in die Satellitenstädte. Das egalitäre Ideal machte der elitären Realität Platz. Und die Militärdiktatur verwandelte Brasília ab 1964 in ein "Versailles des 20. Jahrhunderts", sagt Alfredo Gastal, Chef der Denkmalschutzbehörde Iphan. In der Verwaltungsstadt konnten die Uniformierten Hof halten ohne murrendes Volk.
Der Nullpunkt und die Unendlichkeit: Im Jahr 2000, so hieß es bei Baubeginn, werde Brasília 600.000 Einwohner haben. Aber da waren es schon 2,4 Millionen. Die Stadt ist einfach in die Breite gegangen. 29 Satellitenstädte sind im Laufe der Jahrzehnte um den Plano Piloto, das von Costa erdachte Herzstück der Hauptstadt, herumgewuchert. Manche sehen aus wie Manhattan, so eng stehen die Hochhäuser aufeinander, in denen die Mittelschicht ihre Appartements hat. Andere sind auch nicht besser als die Favelas von Rio und São Paulo - Orte mit Supermärkten, die schon 30mal überfallen wurden. Orte, in denen morgens die Toten auf der Straße liegen, wenn die Drogenbanden mal wieder ihre Rivalitäten schießenderweise ausfechten.
"Brasília besteht aus mindestens zwei Welten", sagt die Soziologin Patricia Arruda, "die Segregation ist hier noch strikter als anderswo in Brasilien". Und der Geografie-Professor Aldo Paviani wirft Niemeyer und Costa vor, sie hätten sich "an der Schönheit des Plano Piloto begeistert, aber dass sie die Satellitenstädte praktisch mitgeschaffen haben, das haben sie nicht bedacht". Zwei Drittel der Arbeitsplätze liegen noch heute im Gebiet des Plano Piloto - "die Leute verbringen also ihr halbes Leben im Omnibus".
Nicht geplant, nur entworfen
Brasília, eine geplante Stadt? "Sie ist nicht geplant, sie wurde nur entworfen", sagt der Architekturprofessor Federico Flósculo. Über Entwicklungspläne hat man sich erst Gedanken gemacht, als es schon zu spät war: Als das aufs Auto ausgelegte Verkehrssystem begann, täglich von neuem zu kollabieren. Als das Wasser knapp wurde, weil zu viel und zu schnell gebaut wurde. Als die Umwelt in einem eher fragilen Naturraum bedenkenlos belastet wurde - Brasílias Müllkippe, die täglich 2000 Tonnen aufnimmt, liegt direkt neben einem für die Trinkwasserversorgung wichtigen Naturpark.
Die Stadt und ihr Umland erlebten eine Bonanza der Bodenspekulation, an der alle irgendwie teilnahmen. Die Baulöwen sowieso, die Politiker auch, wenn sie Ärmeren Land im Tausch gegen Wählerstimmen zuwiesen. Die Reichen siedelten sich in illegalen Wohnanlagen an, auf öffentlichem Land, das plötzlich privatisiert war, ohne dass der Staat einschritt. Über 500 solcher Condomínios gibt es in Brasília, klagt Gustavo Soto Maior, der oberste Umweltschützer, dessen Etat nicht einmal ein Viertelprozent des Gesamthaushalts ausmacht.
Nicolas Behr, deutschstämmiger Stadt-Poet und Gärtnereibesitzer, hat T-Shirts mit der Aufschrift "Ich bin aus Brasília, aber ich schwöre, ich bin unschuldig!" drucken lassen, die guten Absatz finden. Ein paar Monate vor dem 50. Geburtstag der Stadt wurde ihr Gouverneur wegen Bestechlichkeit ins Gefängnis gesteckt. "Die Stadt lebt von der Korruption, sie ist kulturell offenbar akzeptiert", klagt Behr.
Ihm schwebt eine Bürgerbewegung vor, die die Kreativität, die Innovation, den Wagemut der ersten Jahre zu neuem Leben erwecken solle. Vom "Bla-Bla-Blasília" zurück nach "Braxília", sagt Behr.
Mit einem x. So wie die Wegkreuzung auf dem Schwarzweißfoto - als alles Anfing.
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