Die Premiere von Oliver Klucks „Warteraum Zukunft“ im Rangfoyer des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg war gerade vorbei. Nur diese kleine Produktion war am Mittwochabend hier zu sehen gewesen. Das Publikum applaudierte noch. Da kamen die vier Schauspieler Markus John, Julia Nachtmann, Jana Schulz und Daniel Wahl auf die Bühne und teilten mit, dass der Senat soeben beschlossen habe, den Zuschuss des Schauspielhauses um 1,2 Million Euro zu kürzen. Das sei mehr als die Hälfte des künstlerischen Etats, das bedeute die Schließung aller Nebenspielstätten und des Jungen Schauspielhauses, das sei das Ende.
Da war es still. Die eben noch jubelnden Zuschauer waren platt. Niemand stand auf. Niemand sagte etwas, es war wie eine plötzliche Depression. In der Kantine brüllte später ein aufgebrachter Schauspieler eine Kellnerin an. Sonst war es leer hier, im großen Haus war keine weitere Vorstellung gewesen, es war still, es war gespenstisch, es war ein Vorgeschmack.
Kurz zuvor hatte der Hamburger Senat seine Sparbeschlüsse vorgelegt. Gut 500 Millionen sollen eingespart werden, bei gut 400 sind die Senatoren angekommen, der Rest soll durch höhere Steuereinnahmen in die Kassen fließen. 100 Millionen müssen die Beamten der Stadt durch Weihnachtsgeldverzicht beitragen. Um eine halbe Millionen wird der Zuschuss bei den Privattheatern gekürzt. Das Altonaer Museum wird geschlossen werden. Da wirken die 1,2 Millionen beim Schauspielhaus fast wie eine Lappalie. Ist sie aber nicht. Aber sie bedrohen das bedeutende Haus in seiner Existenz.
Ein Prüfstein der Möglichkeiten
Das Deutsche Schauspielhaus gleich neben dem Hamburger Hauptbahnhof ist nicht irgendein Theater. Es ist das größte deutsche Sprechbühne, ein Prüfstein der Möglichkeiten des Theaters. Gustaf Gründgens war hier in den Fünfziger Jahren Intendant, Peter Zadek in den Achtzigern, Frank Baumbauer in den Neunzigern. Das Haus ist sehr schwer zu bespielen, die 1300 roten Samtplätze muss man erst mal voll bekommen. 1900 eröffnet, eine Initiative von Hamburger Bürgern, erlebt es jetzt seine schwierigste und unglücklichste Phase.
Die Arbeit von Intendant Friedrich Schirmer war in den letzten Jahren nicht von Erfolg gekrönt. Die jetzige Krise wurde offenbar, als Schirmer vor gut einer Woche seinen sofortigen Rücktritt zum Ende dieses Monats bekannt gab. Als Grund gab er Sparauflagen von 330.000 Euro an. Seitdem rätselte die Theaterwelt, ob es neben sehr privaten Gründen noch weiteres gibt, die Schirmer zu diesem mehr als ungewöhnlichen Schritt veranlasst haben könnte – etwa der fehlende Rückhalt in der Hamburger Kulturbehörde. Ein so kurzfristiger Rücktritt wie der Schirmers ist in der Theatergeschichte nicht verzeichnet. Intendanten geben Rücktritte zwei oder mindestens ein Jahr vorher bekannt. Entsprechend wurde Schirmer für den Schritt, der das Haus vollkommen orientierungslos zurücklässt, von Intendanten-Kollegen schwer kritisiert.
Was blieb der Mannschaft des Schauspielhauses anderes übrig, als nach dem auch für sie überraschenden Schritt die Initiative zu ergreifen. Man installierte eine neue Interims-Leitung aus den vorhandenen Kräften, auch wenn darunter keine starken Persönlichkeiten sind. Man war dabei, sich zu berappeln.
Der Bürgermeister schießt aus der Hüfte
Genau da schoss der neue Hamburger Bürgermeister Christoph Ahlhaus in einem Interview mal schnell aus der Hüfte. Er warf den Vorschlag in die Runde, dass man doch die Intendanz des Thalia-Theaters und des Schauspielhauses zusammenlegen könne. Nicht bekannt wurde in diesem Zusammenhang, ob Ahlhaus bei seiner eigenen Berufung darüber nachgedacht hatte, dem Bremer Bürgermeister sein künftiges Amt in Personalunion anzutragen. Das Sparpotential wäre sicherlich beträchtlich gewesen. So zeigt Ahlhaus’ absurder Vorschlag lediglich, das er von keinerlei Sachkenntnis belastet ist und das Schauspielhaus ihm egal ist.
Und jetzt also die Kürzung der Zuschüsse um 1,2 Millionen für die kommende Spielzeit. Das sind sechs Prozent der Zuschüsse von 19,9 Millionen und ist mehr als die Hälfte des künstlerischen Etats. Es hat schlicht etwas Mieses: Treffsicher hat man in der Politik das führungslose Haus als zur Zeit schwächstes Glied der Hamburger Kulturkette ausgemacht und ist dabei, es endgültig sturmreif zu schießen. Geht es also wirklich, wie man jetzt überall befürchtet, um die Zerstörung eines großen Theaters? Oder agiert die Kulturbehörde unter dem neuen Senator Reinhard Stuth einfach nur planlos und inkompetent?
Ulrich Khuon, heute Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, war bis vor einem Jahr Intendant in Hamburg. Er kennt die Stadt. Für ihn liegt es zunächst auf der Hand, dass die Sparbeschlüsse am Schauspielhaus nicht umzusetzen sind, ohne die künstlerische Arbeit zu zerstören. „Der Begriff Todesstoß ist nicht von der Hand zu weisen. Guter Wille und Kompetenz reichen nicht aus, um diese Auflagen umzusetzen.“
Irritierendes Desinteresse der Politik
Besonders irritierend am Vorgehen der Politik ist die Mischung aus Desinteresse für die Kultur, verbalem Sperrfeuer und radikalen Sparauflagen. Es sieht so aus, als möchte man ein anderes Schauspielhaus, weiß aber nicht welches. Jugendtheatersparte ausbauen, Musicalbetrieb, Schließung, zur Zeit scheint alles möglich, nur keine vernünftige Lösung. „Was da geschieht, ist alles andere als ein positives Signal für einen neuen Intendanten“, sagt Khuon. Der muss ja immer noch gefunden werden – und zwar schnell. Khuon hält das mittlerweile für aussichtslos: „Mit diesen Sparauflagen einen halbwegs kompetenten Intendanten zu finden, ist unmöglich.“
Wird man also künftig in Hamburg aus dem Hauptbahnhof gehen und denken: Schau, das war mal ein wunderbares Theater? Eine gespenstische Vorstellung. 10 Millionen sollen durch die neue Kulturtaxe, die Hamburg erheben will, in die Kasse kommen. Einen Teil könnte man, wenn man wollte, für das Schauspielhaus verwenden. Übrigens, in diesem Artikel kam das Wort „Elbphilharmonie“ nicht vor.
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