Es geschah am helllichten Tage. Nicht nur die Erwachsenen konnten sehen, was geschah, auch Kinder und Jugendliche, alle konnten, alle sollten es mitbekommen. An jenem Tage und in der auf ihn folgenden Nacht ging es darum, Schrecken zu verbreiten. Hitler und seine Parteigenossen - der spätere Bundeskanzler Kiesinger war seit Februar 1933 auch einer - wollten ein Deutschland ohne Juden. Vielleicht hatten die Deutschen 1938 an die Vernichtung des Judentums noch nicht gedacht. Aber sie betrieben mit - oft im wahrsten Sinne - Feuereifer seine Entrechtung und Vertreibung. Das konnte damals niemandem entgehen. Der jüdische Anwalt durfte nur noch jüdische Mandanten vertreten, der jüdische Arzt nur noch jüdische Patienten haben - bis beiden auch das verwehrt wurde, bis beide mitsamt ihrer Mandanten und Patienten in die Gaskammern geschoben wurden.
Damals, am 9. November 1938, war von Gaskammern noch keine Rede. Aber den finanziellen, den bürgerlichen Garaus machte man den deutschen Juden schon. Es gab auch hier, wie bei all den anderen Pogromen der Weltgeschichte: Opfer, Täter, Zuschauer und Profiteure. Was den einen genommen wurde, landete in den Taschen, in den Wohnungen der anderen. Wer seine Großeltern von der Pracht reden hört, in der sie aufwuchsen, der muss fürchten, dass es auch eine arisierte Pracht war, dass zum Beispiel das wunderbare Service, von dem Oma als Kind aß, ein aus jüdischem Besitz günstig erworbenes war. So manche Trauer über Bombenverluste schließt die über verloren gegangenen Raub mit ein.
Dergleichen fällt uns heute ein. Wir schämen uns angesichts dieser Möglichkeiten, wie wir uns auch darüber schämen, dass es nicht einmal eine Woche her ist, dass der deutsche Bundestag das erste Mal eine Erklärung gegen Antisemitismus abgegeben hat. Es hat also Jahrzehnte gedauert, bis der Hort der Demokratie sich dazu hat durchringen können. Kein wirklicher Grund zur Freude. Zumal uns wieder das Gefühl der Scham beschleicht, weil wir noch die schäbige, die borniert parteipolitische Auseinandersetzung darum im Ohr haben.
Wir freuen uns auch nicht mehr darüber, dass das Friedrich-Flick-Gymnasium in Kreuztal in Zukunft Städtisches Gymnasium heißen wird. Die Auseinandersetzung hat einfach zu lange gedauert. Wie hätten wir gejubelt, wenn das der 1972 gestorbene Friedrich Flick noch hätte erleben dürfen!
Es ist leider nicht zu spät
Aber so kommt es einem vor, als wäre es zu spät. Ist es aber - leider - nicht. In den ersten neun Monaten des Jahres gab es bundesweit 800 antisemitische Straftaten. 27 Personen wurden bei antijüdischen Angriffen verletzt. 471 Tatverdächtige wurden ermittelt, nur vier festgenommen. Es gab keinen einzigen Haftbefehl. Was ist zu tun? Die Polizei soll den Delikten nachgehen, soll nicht die Augen schließen, sie bagatellisieren. Die Politiker sollen aufhören, in den Hinterstuben rassistische Ressentiments zu bedienen.
Sie sollen auch aufhören, Stimmung zu machen gegen Ausländer. Wenn sie das tun, zündeln sie mit der lauernden Pogromlust eines - winzigen, aber zu Schlimmstem entschlossenen - Teiles der Bevölkerung. Wir, die Pendler in den S-Bahnen und Zügen, sollen achtgeben auf einander und den Mut finden, den wenigen - aber manchmal massiv auftretenden - Springerstiefeln entgegenzutreten und auch denen, die beim Sektempfang mit den anderen Honoratioren vom Leder ziehen gegen die Fremden, die uns unsere Kultur wegnehmen.
Wir müssen begreifen, dass wir nicht fertig werden werden mit dem Antisemitismus. Er gehört zu uns. Wir müssen ihn bekämpfen als einen Teil unserer Welt. Nicht als etwas, das uns äußerlich ist. Wir können uns nicht imprägnieren gegen ihn. Er kommt nicht von außen. Er steckt in uns. Er ist Produkt unserer Angst und unserer Wut.
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