12 Minuten sind keine Ewigkeit. Aber immerhin stirbt alle 12 Minuten eine weitere Tier- oder Pflanzenart aus. Einem gewissen Joey Chestnut reichten 12 Minuten, um die weltrekordwürdige Zahl von 59,5 Hotdogs zu verspeisen. Und 12 Minuten sind auch genug, um sämtliche, mehr als 70 Euro teuren Eintrittskarten für die sieben Termine der Konzertreise von AC/DC durch Deutschland im kommenden März auszuverkaufen.
35 Jahre dagegen sind im Popgeschäft mehr als eine Ewigkeit. So lange gibt es AC/DC nun schon. In dieser Zeit hat die australische Band ein knappes Dutzend Popstar-Generationen überlebt, gefühlte dreieinhalbtausend Trends und nicht zuletzt die wie ein Mantra immer gern wiederholte Behauptung, der Rock'n'Roll sei tot. Ganz nebenbei hat man mehr als 200 Millionen Platten verkauft. Auch das neue Album "Black Ice" wird, dazu braucht man nun wirklich kein Prophet zu sein, ohne Umschweife an die Spitze aller verfügbaren Charts stürmen.
Puristisches Schema
Doch wie haben AC/DC das geschafft? Die Antwort ist simpel: Mit sturem Beharren auf dem einmal Errungenen. Mit einem denkbar puristischen Schema, an dem sie stur festgehalten haben. In einem schnelllebigen Moden unterworfenen Geschäft präsentieren sich AC/DC als verlässliche Größe, als Fels in der Brandung, als Konstante in einem bröselnden Marktumfeld.
So beweisen AC/DC mit "Black Ice", ihrem mittlerweile 15. Studioalbum, dass der Rock'n'Roll womöglich etwas seltsam riecht, aber trotzdem noch lange nicht verschieden ist. Trotzig wird das bereits in der Titelgebung der Songs postuliert: Die Stücke heißen "Rock'n'Roll Train", "She Likes Rock'n'Roll", "Rock'n' Roll Dream" oder "Rocking All The Way". Und sie hören sich alle gleich an: Die klassisch verstärkte Gitarre spielt ein knochentrockenes Rock-Riff, das Schlagzeug haut immer voll auf die Eins im Vierviertel-Takt und der Gesang ist ein weitgehend schnörkelloses Grunzen. Oder, kurz gesagt: Es klingt halt wie AC/DC.
Die Leistung der Band ist es zweifelsohne, diesen spartanischen Sound durch die Zeiten hindurch so unbeschadet konserviert zu haben. Selbst vom Tod von Sänger Bon Scott im Jahr 1980 ließ man sich nur unwesentlich irritieren. Keine Experimente, kein Weicheier-Kram wie Neuerfinden, ja nicht einmal eine kleine, harmlose Ballade. So viel Sturheit, so konsequente Renitenz gegen alle Moden haben sonst keine Band, kein Künstler, ja nicht einmal Motörhead jemals an den Tag gelegt.
Dass Gitarrist und Vordenker Angus Young es selbst im Alter von 53 Jahren noch wagt, in der legendären Schuluniform aufzutreten und fürs Bandfoto zu posieren, ist nur Ausdruck von gnadenloser Konsequenz. Natürlich hat dieses Beharren sogar auf dem - im Vergleich zum acht Jahre alten und vergleichsweise blutleeren Vorgänger-Album "Stiff Upper Lip" - wieder knackigen "Black Ice" Züge einer Karikatur.
Oder, vielleicht genauer: Die sympathisch altmodischen Qualitäten eines klassischen Comic-Strips wie "Peanuts" oder "Donald Duck". Man kennt die Figuren und kann ihre Handlungsweisen längst vorhersagen, amüsiert sich aber im besten Falle dann doch immer wieder aufs Neue über Witze im vertrauten Muster. Der Erfolg - der solcher Comics wie der von AC/DC - erklärt sich vornehmlich dadurch, dass sie in unsicheren Zeiten Vertrautheit bieten. Und das nicht nur musikalisch: Einer digitalen Auswertung bei iTunes oder anderen Download-Shops verweigert sich die Band. Die Musik von AC/DC, auch den gesamten Back-Katalog, gibt es nur in ganzen Alben auf CD oder Vinyl zu kaufen. "Black Ice" wird in den USA sogar ausschließlich über die Einzelhandelskette Wal-Mart vertrieben. Zusätzliche Einnahmen garantierende Best-of-Zusammenstellungen hat die Band ihren Plattenfirmen ebenso untersagt wie das eine Zeitlang angesagte Beauftragen von Remixen. Das Sampling seiner prägnanten Riffs durch andere Künstler genehmigt Young aus Prinzip nicht, für Werbung werden Songs nur sehr selten freigegeben. Und der Rest der Band trägt seit drei Jahrzehnten dieselbe Uniform: Schwarzes T-Shirt und Blue Jeans.
Auf diese Band ist Verlass
Auf AC/DC, das ist die Botschaft, kann man sich noch verlassen. Die Jungs sind alte Schule, gaaanz alte Schule. Die Gentlemen des Rock'n'Roll sozusagen. Dass der Zahn der Zeit den Rock'n'Roll, wie ihn AC/DC interpretieren, längst entkleidet hat von allen aufrührerischen Elementen, ist dabei unvermeidlich. Nun ist er allein noch rebellische Pose, inhaltslose Struktur, reduziert auf die reine Form. Als solche hat er andere Aufgaben als früher, werden seine klassischen Versprechen, individuelle Selbstverwirklichung, sexuelle Befreiung und Eskapismus, doch längst von Fitnesswahn und Körperkultur, Porno- oder Wellness-Industrie eingelöst.
Stattdessen ist der Rock'n'Roll endgültig angekommen im Zeitalter seiner konservativen Verwertbarkeit. Kein republikanischer Präsidentschaftsanwärter, der nicht zu einem satten Gitarrenriff vors Wahlvolk tritt - und kein Song von AC/DC, der nicht eine heile Welt heraufbeschwört, in der Autos noch ohne Reue rollen dürfen ("Wheels") und man sich traut, die Musik aufzudrehen, ohne sich um den Nachbarn zu kümmern ("Decibel") - bis in alle Ewigkeit.
AC/DC: "Black Ice" (Columbia/ SonyBMG).
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