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29. August 2012

Adorno-Preis: Ist Judith Butler Israel-Hasserin?

 Von Christian Schlüter
Die Philosophin Judith Butler.  Foto: ullstein

Israel-Hasserin, Nazis, „Halbjude“ – und alles viel schlimmer als ein bloßer Fehlgriff! Was ist da bloß passiert? Die Verleihung des Adorno-Preises an die Philosophin Judith Butler ruft harsche Kritik vom Zentralrat der Juden hervor.

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Thema: Umstrittene Preisverleihung an Judith Butler

Lesen Sie mehr über die Verleihung des Adorno-Preises an die Philosophin Judith Butler - und warum sie den Zentralrat der Juden auf den Plan ruft. 

Generalsekretäre müssen steil gehen und lärmig sein. Alexander Dobrindt von der CSU führt das mit seinen harschen Attacken gegen Griechenland zurzeit mustergültig vor. Niemand pöbelt so rückhaltlos stammtischnah wie er. Viel Lärm schafft Aufmerksamkeit und Meinungsführerschaft – dazu sind Generalsekretäre schließlich da. Auch Stephan J. Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland scheint diesem Amtsverständnis zu folgen, wenn er jetzt die Verleihung des Frankfurter Adorno-Preises an die amerikanische Philosophin, Gender- und Queer-Theoretikerin Judith Butler mit den Worten attackiert, hier eine „bekennende Israel-Hasserin mit einem Preis auszuzeichnen, der nach dem großen, von den Nazis als „Halbjude“ in die Emigration gezwungenen Philosophen benannt wurde, kann nicht als bloßer Fehlgriff gelten“.

Das ist einmal kräftig hingelangt: Israel-Hasserin, Nazis, „Halbjude“ – und alles viel schlimmer als ein bloßer Fehlgriff! Was ist da bloß passiert? Erzählen wir die Geschichte der Reihe nach. Bereits vor ein paar Monaten, da wurde die Vergabe des Preises gerade verkündet, gab es ein leichtes Rumoren.

Äußerung zu Hamas und Hisbollah

Judith Butler habe, so lautete die Kritik, im Jahre 2006 während einer Diskussion an der University of California, Berkeley, die palästinensische Hamas und auch die – dem klerikalfaschistischen Iran nahestehende – Hisbollah der „progressiven Linken“ zugerechnet. Überdies beteilige sich die jüdische Philosophin an „Boykottiert Israel“-Kampagnen und besuche sogar die „Israeli Apartheid Weeks“. Die Frage tauchte also bereits hier schon auf, ob sich dergleichen politisches Engagement mit dem Adorno-Preis überhaupt vereinbaren lasse.

Wer sich die Veranstaltung in Berkeley anschaut, wird bemerken, dass Butler keineswegs Stellung bezogen hat zu den politischen Zielen von Hamas und Hisbollah, sondern nur Begriffe aufgenommen hat, die in der Diskussion gefallen sind. Dabei hat sie zugestimmt, dass beide Organisationen als „soziale Bewegungen“ zu verstehen sind, die in gewisser Hinsicht auch der „globalen Linken“ zuzuordnen seien, und zwar als Perspektive der politischen Analyse.

Was Butler hingegen nicht tat, das ist, irgendwelche Sympathien für Hamas oder Hisbollah zu äußern, im Gegenteil, deutlich vernehmbar sprach sie von der notwendigen Kritik an beiden Organisationen. Später präzisierte sie, dass „ich keine der genannten Bewegungen jemals unterstützt habe, und mein eigenes Engagement gegen Gewalt macht es unmöglich, das zu tun“.

Judentum und Kritische Theorie

Selbstverständlich ließe sich Butlers politische Analyse kritisieren, etwa weil sie Hamas und Hisbollah wegen ihres Kampfes gegen Kolonialismus und Imperialismus als „linke Bewegungen“ beschreibt. Entsprechende politische Sympathien sind ihr indes nicht zu unterstellen. Und schon gar nicht, dass sie eine „Israel-Hasserin“ sei. Vielmehr sieht sie sich in der „starken kritischen Tradition“ des Judentums – in Hinblick auf die Kritische Theorie Adornos vollkommen zu Recht.

Was immer nun Stephan J. Kramer treibt, er hat sich mit seiner rüpelhaften, eigentlich nur von der Nie-wieder-Deutschland-Linken her bekannten Rhetorik kräftig verhoben, umso mehr, als er auch dem Kuratorium des Adorno-Preises, dem unter anderem die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz und der Philosoph Rainer Forst angehören, jede „moralische Festigkeit“ abspricht.

Zu hoffen bleibt da nur auf die Besonnenheit des Zentralrats. Immerhin hat der sich 2009 schon einmal von seinem Generalsekretär distanziert – da hatte Kramer den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert der Lüge bezichtigt. Zu wünschen wäre dagegen eine sachliche Diskussion, der übrigens auch gut täte, sich etwas eingehender mit dem philosophischen und essayistischen Werk Butlers zu befassen.

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