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21. Februar 2011

Ägypten: Freiheit von Diktatur und westlichen Zerrbildern

Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit Ägyptern während der Revolution in Kairo . Foto:  Julia Leeb

Im Interview mit der Frankfurter Rundschau spricht der Sachbuchautor und CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer über seine Erfahrungen in Kairo. Er hatte den Sturz  von Hosni Mubarak dort vor Ort erlebt.

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Zur Person
        

dpa

Jürgen Todenhöfer (70), ist seit 1970 Mitglied der CDU, für die er 18 Jahre lang auch (etwa als abrüstungspolitischer Sprecher) im Bundestag saß. Danach war er im Burda-Konzern tätig. Heute engagiert sich der studierte Jurist gegen die westliche Kriegsführung in Irak und Afghanistan; er veröffentlichte unter anderem „Warum tötest du, Zaid?“ und „Teile Dein Glück …“ . fr

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Herr Todenhöfer, warum sind Sie in dem Moment nach Kairo gefahren, als die meisten Journalisten abreisten, da sie von Mubarak-Schlägern bedroht wurden?

Ich habe die Geschichte der arabischen Freiheitsbewegung seit dem Algerienkrieg 1958 aktiv mitverfolgt und war seither oft in diesen Ländern. Vorvergangene Woche wusste ich, dass ich jetzt wieder fahren müsse. Und hatte Glück.

Wieso Glück?

Es gab auf dem Tahrir-Platz kaum noch westliche Journalisten. Die Mubarak-Truppe hatte die Medien aus dem Land geprügelt. Millionen Ägypter aber wollten, dass auch die westliche Welt ihre Revolution mitverfolgt. Deshalb habe ich dort besonders herzliche Zuwendung erfahren.

Haben Sie von der aggressiven Stimmung gegen Ausländer noch etwas bemerkt?

Nein, die Menschen haben demonstrativ versucht, mir und meinen Begleitern ihre Sympathie zu zeigen. Das hat zu rührenden Situationen geführt. Ich bin in meinem Leben noch nie von so vielen Menschen geküsst worden wie in den vier Tagen in Ägypten.

Das habe ich in der Woche davor ganz genauso erlebt.

Die haben mich sogar mehrmals auf die Schultern gehoben! Sie wollten mir damit sagen, wir sind Freunde, teilen Sie unser Glück! Am Abend, als Mubarak zurücktrat, drückte mir einer der Organisatoren auf einem Podium ein Mikrofon in die Hand und fragte, ob ich den Ägyptern etwas sagen wolle. Da waren über eine Million Menschen! Ich habe natürlich dankend abgelehnt. Das war ihre Revolution. Einmal kam ein junger Ägypter und fragte: „Sind Sie Mister Jürgen?“ Ich dachte, ich spinne und fragte ihn, wie er darauf komme. Er antwortete, er habe mich auf Youtube gesehen. Die Welt ist durch das Internet ganz eng zusammengerückt.

Hatten Sie schon vorher eine besondere Beziehung zu Ägypten?

Ich war in den letzten Jahren mehrfach dort. Ich hatte Kontakte zum Chef der Al Ahzar-Universität, der vielleicht bedeutendsten Stimme der Sunniten, und zum Religionsminister, mit dem ich mich über den Islam austauschte.

Was haben Sie von den vier Tagen als Wichtigstes mitgenommen?

Die Menschen wollten frei sein von der Diktatur Mubaraks, aber auch frei von den Zerrbildern, die der Westen von ihnen zeichnet. Manche tun ja so, als ob alle Araber Fanatiker, Gewalttäter, Terroristen seien. Es gibt in der arabischen Welt eine große Sehnsucht nach Anerkennung und Fairness.

Die Demonstranten haben viele Elemente der friedlichen Revolution von 1989 aufgegriffen, etwa den Ruf „Keine Gewalt!“.

Ich hatte ständig das Lied der Scorpions, „Wind of Change“ im Kopf. Der Wind des Wandels hat ja die ganze arabische Welt erfasst.

Das war das Lied von 1989.

Richtig. Als alle glaubten, Mubarak würde zurücktreten, sagte mir eine junge Frau strahlend: „Die Freiheit ist so nah!“ Doch dann erklärte Mubarak, er werde bleiben. Es entstand Mutlosigkeit. Die meisten Leute sind nach Hause gegangen. Die konnten gar nicht glauben, dass Mubarak weitermachen wollte. Nur eine kleine Minderheit junger Leute ist, wütende Parolen rufend, weiter durch die Straßen gezogen.

Das hat sich im Fernsehen anders dargestellt. Da waren immer wieder Bilder zu sehen von Männern, die ihre Schuhe in die Luft hielten oder wütend riefen: Mubarak muss weg!

Auf dem Platz war es nach der Rede Mubaraks sehr laut, aber diszipliniert. Nur gelegentlich sahen wir dreißig oder vierzig Leute, die wie in einer „Fan-Kurve“ wild brüllten und gestikulierten. Und wussten sofort, dort ist eine Kamera. Ich habe beobachtet, wie Kameraleute den Menschen Zeichen gaben, noch lauter zu brüllen. Das haben die auch getan, wie wir es im Westen gern sehen – bis die Scheinwerfer ausgingen.

Wie war es bei der Rede Mubaraks, die ja einen Wendepunkt der ägyptischen Revolution markiert?

Während er redete, war es mucksmäuschenstill. Als er von seiner Kindheit sprach, brach Gelächter aus. Aber sofort kamen Rufe, Ruhe, wir wollen wissen, was er sagt.

Hatte man große Leinwände aufgespannt wie bei der Revolution in Kiew 2004?

Es gab vorn am Platz eine Leinwand, weiter hinten waren Lautsprecher. Als Mubarak erklärte, er werde nicht zurücktreten, kam es zu heftigen Sprechchören. Aber das war Zorn, kein Fanatismus. Aber natürlich gibt es bei einer Kundgebung mit über einer Million Menschen auch Randalierer.

Hatten Sie Angst, dass wie in Peking 1989 Spezialkräfte auf die Menschen schießen könnten?

Nein. Ich bin am folgenden Freitag zum Informationsministerium gegangen. Dort hatte sich eine riesige Menge versammelt. Nur ein Stacheldraht trennte die Massen von einigen Soldaten und ein paar Panzern. Ich dachte, wenn die Leute den Stacheldraht durchschneiden, sind sie im Informationsministerium, und die Revolution ist entschieden. Ich habe einen der Soldaten gefragt: „Was geschieht, wenn die jetzt den Stacheldraht einreißen – werden Sie schießen?“ Er lächelte und sagte: „Das sind meine Landsleute, wir werden nicht schießen.“

Wie kam die Wende?

Am Freitagnachmittag war ich wie viele Ägypter unterwegs. Plötzlich waren Böllerschüsse zu hören, Frauen jubelten. Über Internet und Handy sickerte durch, dass Mubarak zurückgetreten war. In Minuten strömten Hunderttausende auf den Tahrir-Platz, um zu feiern.

Also ist es gelungen, die Vertreibung des Fernsehens vom Platz mit dem neuen Medium Internet zu kompensieren.

Medien sind, wenn sie sich richtig verstehen, Verbündete der Freiheit. Das Internet macht es autoritären Regimen schwer, spontane Demonstrationen zu verhindern.

Wenn man wie Mubarak das Internet abstellt, weichen die Menschen auf den Mobilfunk aus.

Auf dem Tahrir-Platz gab es mehrere 100 000 Handys. Die Menschen stimmten sich ständig mit ihren Freunden und Familien ab.

Was war Ihre Rolle auf dem Befreiungsplatz in Kairo?

Ich war Zeuge einer kollektiven Rückbesinnung: „Wir sind stolz, Ägypter zu sein. Wir sind ein junges, dynamisches Land mit einer Jahrtausende alten Geschichte! Wir wollen nicht mehr bevormundet werden, weder von Mubarak noch vom Westen.“

Wie haben Sie die Rolle des Islams empfunden?

Überall gab es gemeinsame Symbole des Islam und des Christentums. Immer wieder haben mir Menschen gesagt, Christen und Muslime gehören zusammen.

Könnte das die bei uns verbreitete Angst vor dem Islam abbauen?

Viele Menschen im Westen haben wahrgenommen, dass das eine friedliche arabische Revolution war. Aber manche westlichen Politiker brauchten für ihre aggressive Außenpolitik im Irak oder in Afghanistan offensichtlich Zerr- und Feindbilder.

Die Ägypter gelten in der arabischen Welt als lethargisch. Mir kamen sie ganz verwandelt vor. Vom Tahrir-Platz ging eine unglaubliche Energie aus.

Wenn man sich mit der Geschichte des Islams nicht nur polemisch beschäftigt, weiß man, dass Mohammed kein Fatalist und kein Fanatiker war. Mohammed war ein Dynamiker, ein Reformer. Daran haben sich viele erinnert. Die Araber haben, wie die Geschichte zeigt, ein großes Potential, das lange Zeit nicht abgerufen wurde.

Was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben von diesen vier Tagen der Revolution in Kairo?

Die Wiederentdeckung der eigenen Würde der Ägypter. Die Geburt einer Demokratie und hoffentlich auch eines Rechtsstaats. Und die Erkenntnis, dass es eine friedliche Alternative gibt zum Wegbomben autoritärer Regime.

Interview: Frank Nordhausen

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