Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

20. November 2014

Afghanistan: Krieg als Terrorzucht-Programm

 Von Jürgen Todenhöfer
Teeverkäuferinnen vertreiben sich die Zeit. Selbst nach US-Angaben, schreibt Jürgen Todenhöfer, gehen lediglich 40 Prozent der afghanischen Mädchen auf eine Schule.  Foto: REUTERS

Das unfriedlichste Land der Welt: Die Nato hat keines ihrer Ziele in Afghanistan erreicht, aber wer übernimmt dafür die Verantwortung? Die Afghanen starben in einem Krieg, der nicht ihr Krieg war.

Drucken per Mail

Nach seiner Bewertung des Afghanistan-Krieges befragt, antwortete Ex-Präsident Hamid Karzai der „Washington Post“: „Die Afghanen starben in einem Krieg, der nicht unser Krieg war. Wie kann dies unser Krieg sein, wenn ein US-Flugzeug einen Lastwagen bombardiert, der eine Familie transportiert? Würde man das in den USA tun? Richten Sie dem amerikanischen Volk meine besten Wünsche aus. Richten Sie der US-Regierung meine Wut aus, meine extreme Wut.“

Das sind die Fakten, die uns westliche Politiker verschweigen:

1 Insgesamt 100 000 Afghanen wurden getötet (Ärzte gegen den Atomkrieg). Karzai sagte mir unter vier Augen, die Hälfte der Toten gehe auf das Konto der USA und der Nato. Allein im ersten Kriegsjahr wurden 1228 Streubomben mit je 250 000 Einzel-Sprengsätzen eingesetzt. Die Zahl der Verkrüppelten kennt niemand. Auch 3476 westliche Soldaten wurden sinnlos verheizt. Wofür sind sie gestorben? Welcher Politiker übernimmt dafür die Verantwortung?

2 Ähnlich wie beim Abzug der Sowjets beherrschen die Taliban die ländlichen Regionen des Landes. Die afghanischen Truppen aber sitzen verunsichert in den großen Städten. Jedes Jahr desertieren nach offiziellen Angaben 18 Prozent der Soldaten. Angesehene afghanische Analysten gehen von bis zu 47 Prozent aus. Die Taliban können fast überall nach Belieben zuschlagen. Anders als konventionelle Armeen müssen Guerillas und Partisanen einen Krieg nur ungeschlagen überleben, dann haben sie ihn gewonnen.

3 Der Afghanistankrieg war ein verhängnisvolles Terrorzucht-Programm. Vor 9/11 gab es einige 100 internationale Terroristen. Heute sind es weltweit Zigtausende. Sie haben eigene Armeen, gründen eigene Staaten.

4 Von Frieden kann in Afghanistan keine Rede sein. Nach dem Weltfriedens-Index der angesehenen britischen Zeitschrift „The Economist“ war Afghanistan 2013 das unfriedlichste Land der Welt. Unfriedlicher als der Irak, Syrien und Somalia.

5 Unter den „gescheiterten Staaten“ nimmt Afghanistan in Asien Platz 1 und weltweit Platz 7 ein. („Failed States Index“ der Organisation „Fund for Peace“, Washington).

6 Gemeinsam mit Nordkorea und Somalia gilt Afghanistan nach Angaben von Transparency International als das korrupteste Land der Welt. Auf dem Geldwäsche-Index des Basler Instituts ICAR liegt Afghanistan unangefochten auf Platz 1. In Afghanistan trifft sich die Geldwäscher-Elite der Welt.

Jürgen Todenhöfer.  Foto: imago stock&people

7 Laut der Reuters Foundation ist Afghanistan für Frauen in Sachen Gewalt, Gesundheit und extremer Armut das gefährlichste Land der Welt. Noch vor der Demokratischen Republik Kongo.

8 Auf der internationalen Kriminalitäts-Skala schoss Afghanistan nach dem Sturz der rigoros strengen Taliban in Asien auf Platz 1 und weltweit auf Platz 10.

9 In vielen Provinzen treiben kriminelle Privatarmeen nie entwaffneter, sondern neu und modern bewaffneter Warlords ihr Unwesen. Mit heimlicher Zustimmung der Nato. Kriegsverbrecher wie der blutrünstige Dostum sind beste Freunde der USA. Amerikanische Morde an afghanischen Zivilisten und Gefangenen werden nicht verfolgt. Folter ohnehin nicht. Trotz aller Reden des US-Präsidenten. Der afghanische Justizapparat gilt als der korrupteste Bereich des Staates. Gerechtigkeit ist in Afghanistan ein Fremdwort.

10 Die Lage auf dem Bildungssektor ist nach UN-Angaben katastrophal. 47 Prozent der Schulen haben kein Schulgebäude, 75 Prozent keine Toiletten.

Keinen Zugang zu Trinkwasser

11 Noch immer gehen selbst nach US-Angaben lediglich 40 Prozent der Mädchen auf eine Schule. Nur 30 Prozent schaffen es bis zur 6. Klasse. Nur 13 Prozent beenden die Schule. Lediglich 50 Prozent der 416 Distrikte haben überhaupt eine Haupt- oder Realschule für Mädchen. Nur 20 Prozent ein Mädchen-Gymnasium. Dort wo es Schulen gibt, schicken laut UN-Quellen und Berichten der „New York Times“ auch Talibanführer ihre Töchter zur Schule. Seit Jahren. Selbst in Gebieten, die die Taliban alleine kontrollieren. Ein Krieg war hierzu nie nötig.

12 Drei Viertel der Afghanen haben laut Weltbank keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. In keinem anderen Land der Welt leiden so viele Kinder unter fünf Jahren an schwerster Mangelernährung. Afghanistan hat in Asien in dieser Altersgruppe die höchste Sterblichkeitsrate. Bei der Säuglings-Sterblichkeit liegt das Land weltweit auf Platz 1 (Quelle: CIA World Factbook, Prognose 2014).

13 Im Jahr 2001 hatten die Taliban den Anbau von Schlafmohn, dem Rohstoff für Heroin, fast auf null verringert. Die weltweite Versorgung mit Heroin sank um 65 Prozent. Jetzt stammen fast 90 Prozent des Heroins aus Afghanistan.

14 Auch wirkliche Demokratie gibt es in Afghanistan nicht. Präsidentschaftswahlen werden in der Regel von allen Kandidaten gefälscht. Anschließend wird der Sieger in einem unwürdigen „Kuhhandel“ unter maßgeblicher Mitwirkung der USA ausgemauschelt.

15 Trotz internationaler Entwicklungshilfe und kaufkräftiger GIs gehört Afghanistan nach allen Studien zu den 20 Staaten mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Ein deutscher Entwicklungs-Minister, der heute seiner Kopfbekleidung entsprechend für die Rüstungsindustrie arbeitet, hatte behauptet, der zivile Wiederaufbau habe Vorrang vor dem militärischen Einsatz. Die Wahrheit ist: Im Falle Deutschlands beträgt das Verhältnis Militärausgaben zu Entwicklungshilfe mindestens 4:1. Im Fall der USA 20:1. Über die Hälfte der US-Entwicklungshilfe wurde in die afghanischen Sicherheitskräfte investiert. Mindestens 40 Prozent der „zivilen“ US-Entwicklungshilfe flossen als Gewinne und Honorare in die USA zurück.

16 Die USA gaben für den Afghanistankrieg bis zum Jahr 2013 offiziell insgesamt 640 Mrd. Dollar aus (ohne Entwicklungshilfe). Ende dieses Jahres dürften die gesamten Militärausgaben der USA in Wirklickkeit bei rund 770 Mrd. USD liegen (Quelle: Cost of National Security). Mit diesem Geld hätte man Afghanistan zu einem gesunden, wohlhabenden Staat entwickeln können.

17 Stattdessen haben sich die USA in Afghanistan gigantische Luftwaffen-Stützpunkte gebaut. Unter anderem in Bagram, Kandahar und Shindand. Von hier aus werden die USA in Zukunft ihre Kriege in Asien und im Mittleren Osten führen. Von hier werden ihre Drohnen zu tödlichen Missionen starten. Ein Großteil der in Afghanistan verbleibenden 9800 US-Soldaten wird hierzu eingesetzt werden. Und nicht wie behauptet zur Ausbildung und zum Training afghanischer Truppen. Der Afghanistankrieg bleibt ein Krieg der Lügen. Afghanistan, dem die USA angeblich Frieden und Freiheit bringen wollten, wird die zentrale asiatische Drehscheibe amerikanischer Bombenkriege.

Mehr dazu

18 Gescheitert zieht die Nato Ende dieses Jahres ihre Truppen bis auf 12 000 Mann aus Afghanistan ab. Die riesige CIA-Belegschaft nicht mitgezählt. Sie hat keines ihrer Kriegsziele erreicht. Die Taliban sind heute mindestens so stark wie vor 13 Jahren. Sie können das Land nach dem Abzug der Nato jederzeit überrennen. Die Nato hat den Krieg in Afghanistan verloren. Nicht anders als seinerzeit die Sowjetunion. Es ist die erste Niederlage der größten Militär-Streitmacht aller Zeiten.

19 Für die meisten Afghanen war der Krieg eine Tragödie. Ein befreundeter Anwalt, der afghanische Kriegsopfer betreut, schrieb mir vor ein paar Tagen: „Die meisten Waisenkinder gehen nicht mehr zur Schule. Kaum jemand kümmert sich um sie. Die Nachbarn und Verwandten müssen selbst kämpfen, um zu überleben. Vor allem die Lage der Mädchen ist tragisch. Mittellose Verwandte versuchen, sie spätestens mit 15 Jahren an heiratswillige Männer zu verkaufen. Für 1000 Dollar Brautgeld. Um den Lebensunterhalt ihrer Familie und den der Mädchen zu sichern. Manchmal können wir im letzten Augenblick eingreifen. Aber wir wissen nicht, wie die Kinder überleben sollen. Alle leben in bitterster Armut. Jetzt vor dem Winter fehlt es wieder an allem.“

Es ist leider wahr: „Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen.“

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Times mager

Fischfinder

Von  |
„Das passiert, wenn man Papa mit dem Baby alleine lässt.“

Da stellt sich die Frage, ob man wirklich einen Fischfinder zu Hause haben muss, wenn man nicht Eigentümer eines entsprechenden Gewässers in unmittelbarer Wohnungsnähe ist. Mehr...

Kalenderblatt 2016: 28. Mai

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 28. Mai 2016: Mehr...

Krimi-Hitliste 2015

Anspruchsvoll fürchten

Klarkommen im Ungewissen: Das gilt für die Auswahl des nächsten Krimis, für die Ermittler gilt es erst recht.

Die besten Krimis des Jahres 2015, die sonderbarsten Ermittler der Saison, gefunden mit Schwarmintelligenz einer Jury, die aus zwanzig Literaturkritikerinnen und -kritikern besteht. Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps