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26. November 2014

Afghanistan: Wir wollten dieses Land nicht allein lassen

 Von Tom Koenigs
Eine „Einrichtung zur Förderung weiblicher Fähigkeiten“ (OPAWC) in Kabul.  Foto: REUTERS

Afghanistan-Debatte (Teil 3): Bildungsoffensive und zivile Institutionen sind Errungenschaften der Intervention.

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Es ist nicht leicht, Bilanz zu ziehen bei Afghanistan. Alljährlich verfasst die Bundesregierung ein Dokument, das „Fortschrittsbericht“ heißt, als hätte es immer nur Fortschritte gegeben. Dasselbe macht auch die afghanische Regierung. In den letzten Jahren habe die Polizei ihre Effektivität erheblich gesteigert und über zehn Prozent der jährlichen Opium-Produktion beschlagnahmt. Sie räumt dann aber ein, dass die Ernte allein im vergangenen Jahr um 49 Prozent auf ein Allzeit-Hoch von 550 000 Tonnen gestiegen ist. Fortschritt in Afghanistan ist relativ.

Das Ende des Mandats von ISAF legt Rückblick und Ausblick nahe. Am Anfang stand 9/11: Amerika musste reagieren, die Solidarität war einhellig. Sechs Millionen afghanische Flüchtlinge in Pakistan, drei Millionen im Iran, Kabul entvölkert, die uralten Kulturdenkmäler gesprengt, die Frauen aus den Schulen unter die Burka gezwungen. Es war richtig, dass die Amerikaner diesem Kalifat ein Ende gesetzt haben und es ist noch immer richtig, sich in Afghanistan zu engagieren.

Für Deutschland war dies nicht als Kampfeinsatz geplant. Die Jahre 2001 bis 2006 waren Jahre des Wiederaufbaus von Strukturen, Straßen, Schulen, auch des Wiederaufbaus der Afghanischen Nationalarmee und der Afghanischen Nationalpolizei. Der Krieg kehrte erst danach in den Norden zurück.

Diese „golden hour“, die Zeit der Stabilität, ist viel zu wenig genutzt worden, um eine zuverlässige Armee aufzubauen, das Polizeiprojekt kam nicht voran, der zivile Wiederaufbau stockte. Aber auch diplomatisch, im Verhältnis zu den Nachbarn, ist wenig passiert. Deren Stabilitätsinteressen sind nie so ernst genommen worden, dass man zu konstruktiven Gesprächen gefunden hätte.

Zur Person

Tom Koenigs, Jahrgang 1944, ist Bundestagsabgeordneter der Grünen und war mehrfach Sondergesandter der Vereinten Nationen. Er war UN-Chef in Kabul und stimmte gegen die Mehrheit der Fraktion stets für die Afghanistan-Mandate.

In einer Serie beleuchtet und bewertet das Feuilleton in den kommenden Wochen mit Gast-Beiträgen die deutsche und internationale Afghanistan-Politik aus verschiedenen Perspektiven.

Zum Auftakt erschien am 19. 11. ein Beitrag der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Am 21. 11. folgte eine Gegenrede des ehemaligen CDU-Bundestags-abgeordneten Jürgen Todenhöfer. (fr)

Die USA haben schon 2003 ihre Hauptaufmerksamkeit abgezogen und sie auf den Irak-Krieg gerichtet. Der Entschluss, mit dem Ende des Jahres 2014 die Kampftruppen aus Afghanistan abzuziehen, war einerseits der richtigen Erkenntnis geschuldet, dass sich die militärischen Möglichkeiten ausländischer Truppen im Lande erschöpft hatten, andererseits auf den Wahlkalender der USA.

Gemeinsam rein, gemeinsam raus, das war das Hauptargument für die Militärs, zu bleiben. Also auch für Deutschland. Die Reaktion der Afghanen auf den Abzugsbeschluss, der Mitte 2012 gefasst wurde, war typisch afghanisch: „Kein Land erträgt eine Besatzung mehr als zehn Jahre, am wenigsten Afghanistan.“ Man werde mit der Sicherheit selber zurechtkommen auf die eigene Weise, mit eigenen Fehlern und eigenen Erfolgen.

Das heißt nicht, dass die Afghanen auf unsere Hilfe verzichten – sie wollen nur eben keine neuen Truppen mehr im Land. Es geht auch nicht um ein Ausscheren aus der internationalen Zusammenarbeit und Gemeinschaft, oder gar die Rückkehr in die islamistische Isolation. Es ist ja bemerkenswert, dass die Kontrahenten, die sich im Präsidentschaftswahlkampf gegenüberstanden, liberale, westlich orientierte Intellektuelle sind. Beide haben bewiesen, dass sie ihr Land zusammen mit der internationalen Gemeinschaft in Ost und West weiterentwickeln wollen.

Als die ersten deutschen Soldaten 2002 nach Kabul kamen, waren die zivilen Aufbauhelfer schon da: internationale Organisationen der Vereinten Nationen aber auch deutsche NGOs. Deutsche Bildungseinrichtungen wie die berühmte Amani-Oberrealschule gab es schon seit 1924. Mit den Jahren wurden es mehr.

Fast 135 000 deutsche Soldaten sind im Laufe der Jahre in Afghanistan gewesen, einige nur für drei Monate, viele mehrfach und länger sowie Tausende von zivilen Helfern. Ich habe von all denen, Soldaten, Helfern, Diplomaten, Consultants, Reisenden und Berichtenden, kaum einen gefunden, der nicht vom Zauber dieses Landes berührt worden wäre, von der kargen grandiosen Landschaft und von der Würde und Freundlichkeit der Afghanen aller Schichten. Viele von uns haben Bücher geschrieben, Hunderte in vielen Sprachen. Wir waren willkommen und bleiben Freunde.

Seit 2001 hat sich Afghanistan verändert – überall. Nicht blühende Landschaften, die manche erwartet und sich versprochen hatten, aber doch Entwicklung. Kabul ist wieder eine Metropole, in Mazar-e-Sharif wird überall gebaut, auch in den armen Vierteln, der Handel in Herat blüht – allen Problemen zum Trotz. Die meisten Flüchtlinge sind aus Iran und Pakistan zurückgekehrt – auch wenn der Krieg jetzt von neuem bedroht und vertreibt. Die Sicherheit der ersten Jahre nach dem Ende des Taliban-Regimes ist vorbei – allen internationalen militärischen Anstrengungen zum Trotz. Mehr würde auch nicht mehr helfen.

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Afghanistan hat sich durch die Intervention aus dem Westen – militärisch und zivil – und durch die Integration in den Westen verändert, aber auch uns hat der Einsatz verändert.

Ich glaube nicht, dass unsere Sicherheit noch am Hindukusch verteidigt werden muss – wohl aber unsere gemeinsame Kultur, unsere gemeinsamen humanitären Werte, die Menschenrechte, für die es gerade in Afghanistan so viele mutige Kämpferinnen und Kämpfer gibt.

In dieser Mission waren wir uns alle, die wir nach Afghanistan gegangen sind und dem Land Monate oder auch Jahre unseres Lebens gewidmet haben, erstaunlich einig, Aufbauhelfer und Soldaten, alle: Wir wollten und werden dieses Land nicht allein lassen mit Fundamentalisten, scheinreligiösen Fanatikern und Terroristen. Das gilt auch und gerade nach dem Abzug der Truppen.

Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie in Afghanistan oder irgendwo in der Welt Völkermord und massive Menschenrechtsverletzungen begangen oder geplant werden, Staaten auf den Gräbern der Opfer gegründet werden, um immer mehr Menschen – vor allem Frauen – unter das theokratisch fundamentalistische Joch zu zwingen.

Wir haben in Afghanistan gelernt, dass das Militär in diesem Kampf nicht alles, nicht viel, nicht lange vermag, sondern nur ein letztes und keineswegs immer das entscheidende Mittel ist. Die Demokratie kommt eben nicht aus den Gewehrläufen, obwohl sie diese leider auch braucht.

Es bleibt, was wahr war, eine tiefe Verbundenheit der Länder und Bürger. Es bleibt auch der Hunger der Afghanen nach Bildung, Entwicklung, nach Chancen und der Freiheit, sie zu nutzen.

Ich kenne kein Land mit einem solchen Bildungshunger, in den Schulen, in Zelten, Lehm- oder Steinbauten, in Universitäten, auch wenn die Bedingungen beklagenswert sind, in allen Bildungsstätten, überall.

Bildung, Ausbildung, Fortbildung, Lehren, alles das, was die afghanischen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, so gierig aufnehmen, das können, das sollten wir auch in Afghanistan fördern. Wenn man fragt, wird man immer auf eine sehr partielle Partnerschaft mit der Berliner Humboldt Universität verwiesen. Warum gibt es nicht Dutzende von Bildungspartnerschaften mit allen afghanischen Universitäten? Warum verwenden wir nicht dauerhaft 50 Prozent des versprochenen Geldes (eine Menge ist da in Tokio versprochen worden) auf Bildungszusammenarbeit? Das wollen die Afghanen von uns und das können wir Deutschen für sie tun, viel besser als Truppen zu stellen. Das ist Soft Power, made in Germany, damit treten wir Taliban, Al Kaida, Boko Haram und Isis – und wie sie alle noch heißen mögen – entgegen, mit dem, was sie am meisten verachten: Bildung.

Es bleibt nur, was sich in den Köpfen verändert, bei ihnen und bei uns.

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