Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

13. April 2012

Akademie der Künste: Poet der Noten und der Bilder: John Cage

 Von Ingeborg Ruthe
John Cage mit seiner schwarzen Katze 1990 im New Yorker Studio  Foto: Wulf Herzogenrath

Der Mann ist eine Legende und für alle, die zwischen den Kunstsparten und -gattungen keine Grenzen ertragen, bis heute eine Instanz des Freien, Unabhängigen und Vorurteilslosen. Die Akademie der Künste setzt ihren John-Cage-Zyklus fort und zeigt den Komponisten als Zeichner.

Drucken per Mail

John Cage war ein friedfertiger Avantgardist, der nicht an Stille glaubte, so sehr er dem Meditativen, gerade dem Zen-Buddhismus anhing. Der gebürtige Kalifornier behauptete, es geschähe immer etwas, das Klänge erzeuge. Und aus Klängen bestehen auch alle seine Blätter: grafische Arbeiten an der Grenze zwischen Partitur und Bildkunst: Rhythmisch gesetzte Striche, Noten, die wie Kalligrafien aussehen, Linien, die zu kringelnden, tanzenden, sich verknotenden oder sturmartig über den Karton wirbelnden Chiffren werden.

Bei Cage werden Töne zu Linien, Kringeln, Flecken: „17 Drawings by Thoreau“, Radierung, 1978.
Bei Cage werden Töne zu Linien, Kringeln, Flecken: „17 Drawings by Thoreau“, Radierung, 1978.
Foto: Lars Lohrisch

In einer Collage von 1990 stampfte Cage Maulbeeren, Bananen, Brennesselblätter, Hibiskusblüten und Nelkenblätter hinein ins selbstgemachte Büttenpapier und nannte das seltsam schöne Gebilde eine „Zeichnung der Wildnis“. Das war zwei Jahre vor seinem Tod in New York; den „80.“ hat er nicht mehr feiern können.

John Cage, Sohn eines Erfinders aus Los Angeles und eigentlich mit dem Berufsziel Prediger, wurde weltberühmt als radikal-experimenteller Komponist, Philosoph, auch Dichter. Er war zugleich ein fantasievoller, witziger Zeichner, der Partituren als Grafiken sah und umgekehrt. Außerdem war er ein origineller, fast kindlich naiver Installationskünstler. Intuition und Zufall waren seine innigsten Freunde.

Mit Kalkül gelangen ihm weder gute Notentexte noch lyrische, verspielte Bilder. Ihn einen „Konzeptkünstler“ zu nennen, ist also ein ziemlicher Irrtum. „Poet“, das passt schon viel besser.

Am 5. September jährt sich der 100. Geburtstag des amerikanischen Universalisten. Die Akademie der Künste zeigt – im Rahmen des schon seit September 2011 laufenden Zyklus’ „A Year from Monday. 365 Tage Cage“ – deutlich die Denk-und Arbeitsweise Cages. Akademiemitglieder kuratieren diese Ausstellungsreihe, selbige begann mit den engen Bindungen des Grenzgängers mit dem Avantgardisten des Ausdruckstanzes, Merce Cunningham und mit dem Komponisten Iannis Xenakis.

22 Jahre alt und finanziell klamm

Jetzt nun hat Wulf Herzogenrath die wichtigsten Zeichnungen, Collagen und Installationen Cages im alten Akademiehaus am Hanseatenweg versammelt und dazu Bilder und Objekte seiner wichtigsten Anreger: von Marcel Duchamp, Nam June Paik, dem futuristischen Architekten Buckminster Fuller, den Malern Klee, Kandinsky, Rauschenberg, Mark Tobey, Morris Graves, von dem in die USA emigrierten Bauhäusler Moholy-Nagy und dem Bauhaus-Künstlerpaar Anni und Josef Albers. Nicht zuletzt auch Objekte von Hans Arp.

Die erste Kunstliebe seines Lebens aber hieß Alexej Jawlensky, Cage war kaum 22 Jahre alt und finanziell klamm. Gerade bereitete er sich in L.A. mit dem Studium der Harmonielehre auf den Kontrapunkt-Unterricht bei Arnold Schönberg vor, das sah er das nur aus Strichen gemalte Bild „Meditation“ (1934) des russischen Expressionisten aus der Gruppe „Blaue Vier“. Einen US-Dollar zahlte Cage an, später stotterte er die 25-Dollar-Schuld mühsam ab.

Malerei war ihm zu beschränkt

Es ist berührend, dass es dem Kurator gelungen ist, gerade dieses dunkeltonige Bildchen aus Privatbesitz auszuleihen. Überhaupt hat Herzogenrath, bis 1994 Hauptkustos der Nationalgalerie Berlin, dann bis zur Pensionierung 2011 Chef der Bremer Kunsthalle, Bildwerke von Cage und seinen Anregern beschafft, die man so noch nie beisammen sah. Auf diese Weise verknüpft die Schau Cages visuelles Werk mit der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Bedauerlicherweise ging John Cages frühes Werk verloren und wahrscheinlich hat er daran Anteil, wohl, weil er diese Bilder nicht gelten ließ. Malerei im engeren Sinne war ihm zu beschränkt. Cage wollte interdisziplinär arbeiten, Grenzen niederreißen. Das gelang ihm wie keinem zweiten seines Fachs und das war denn auch der größte Beitrag eines Einzelnen zur Kunst der Klassischen und späten Moderne.

Kulturelle Wechselbeziehungen

So grenzenlos ist dann auch die Schau gebaut: „Ich begrüße, was immer als nächstes kommt“, ist ein bezeichnendes Cage-Zitat neben seinem Foto als Wandtext zu lesen. Skizzenhaft reflektiert das Arrangement wesentliche Einflüsse und Anregungen. Kulturelle Wechselbeziehungen stehen neu zur Diskussion, wie das Verhältnis zu Asien und dem Zen-Buddhismus, zur europäischen Kunst, zu den Spielarten der Nachkriegsavantgarde wie Happening, Fluxus, Zero und Konzeptkunst.

Aufschlussreich wie die Bilddialoge sind auch die dazugestellten Wandzitate des zeichnenden Komponisten: Nach Meister Eckhart, so interpretiert der malende Philosoph Cage den alten Kirchenvater und Mystiker, vervollkommne der Mensch sich nicht durch seine Taten, sondern durch das, was ihm im Leben zustoße.

Seelenverwandte Ästhetik

Und dieses „Zugestoßene“ füllt Wand für Wand, Vitrine für Vitrine . Herzogenrath schiebt – als handele er im Auftrag des Meisters selbst – Cages Blätter quasi zwischen die der anderen Künstler. Es entstehen geradezu harmonische Formgebäude, beinahe unmöglich, noch auszumachen, wer hier wem Impulse gab. Es ist auch egal, denn hier soll nicht Inhalt, sondern seelenverwandte Ästhetik sprechen.

Paul Klee aquarellierte 1934 mit „Träger für ein Schild“ eine eregiert tanzende Schnur. Anni Albers malte das „Menage trois“-Liebesspiel von drei farbigen Schnüren auf Papier, Cages „Strings“, eine Monotypie von 1980, nimmt das Ganze auf. Hier trollt sich eine Schnur, zieht ihrer Wege und lässt die beiden anderen in Ruhe, so als wolle das besagen: Der Klügere gibt nach.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Fotostrecken
Bambi 2014: Die Hin- und Weggucker

Ist sie frisch aus dem Dschungel entkommen? Nein, das soll wohl so. Das österreichische Model Larissa Marolt präsentiert - Mode. Mehr in unserer Fotostrecke: Die Hin- und Weggucker der Bambi-Verleihung.

Außerdem:
Fotostrecke: Die Bambi-Preisträger in Bildern
Fotostrecke: Prominente auf dem roten Teppich
Fotostrecke: Diese Preisträger standen schon fest

TV-Kritik
Anzeige
Videonachrichten Kultur
Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!