Vor einigen Jahren hätte es in Frankfurt am Main noch den einen oder anderen Dezernenten gegeben, der sich in der Lage gezeigt hätte, mit einer Studie über die Zukunft der Stadt an die Öffentlichkeit zu gehen. Wenn jetzt, wie geschehen, der Architekt und Stadtplaner Albert Speer "Handlungsperspektiven für die internationale Bürgerstadt Frankfurt am Main" vorstellt, werden darin nicht nur 16 Thesen formuliert, darunter an erster Stelle die Aufforderung, Frankfurt brauche ein erheblich verbessertes Stadtimage.
Dass es mit diesem Renommee nicht gar so weit her ist, ist unbestritten. Gleichwohl unausgesprochen bleibt in der Untersuchung, dass Frankfurts Stadtgesellschaft von der Politik mit einem Vakuum an Konzepten versorgt wird. Speers Denkschrift ist zunächst das Dokument eines Dilemmas Frankfurter Politik.
Aufschlussreich ist ebenfalls, dass die Denkschrift "zur Modellstadt" von privater Seite finanziert wurde. Die Kommune begleitete handfeste Subventionen der Handwerkskammer, der Industrie- und Handelskammer, aus der Immobilienbranche und der Interessengemeinschaft Frankfurter Geldinstitute mit ideelem Engagement. Bemerkenswert ebenfalls, dass "Frankfurt für Alle" an ein sozialdemokratisch durchwirktes Ideal der 1970er Jahre anknüpft, nicht von ungefähr an das von dem Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann formulierte Leitbild "Kultur für alle". Ein Euphemismus war das bereits zu seiner Geburtsstunde, schließlich ein Kampfbegriff im ideologischen Handgemenge. Die Verheißung, das kulturelle Angebot einer ideell gedachten gesellschaftlichen Gesamtheit zur Verfügung zu stellen, wurde später eine der Antworten auf den zynischen Pragmatismus eines Heiner Geißler, der mit der Zweidrittelgesellschaft vertraut machte.
"Frankfurt für Alle": Dazu zählt der auf den ersten Blick abschweifende Gedanke an eine Airportcity ebenso wie das Kernthema Wohnen. Die Airportcity, weil das Büro Speer für die Fraport AG einen Masterplan entwickelt hat. Das Thema innerstädtisches Wohnen, weil der weltweit agierende Masterplaner Speer viel zu genau weiß, dass Frankfurter Stadtplanung es dem Wohnen im Zentrum der Global City lange Jahre schwer gemacht hat.
Vielerlei im Fokus der Studie, das auch von anderen Kommunen angeführt werden könnte, nicht weil es beliebig wäre, sondern weil es vielerorts als Imagefaktor glatt durchgeht, so die Investition in den Öffentlichen Raum, in einen fußgängerfreundlichen und fahrradförderlichen Nahverkehr. Dutzende Handlungsfelder, die die Studie auflistet, stark macht sie sich für eine "Freizeitlandschaft", oder aber sie empfiehlt dem Magistrat eine "Stadt der Künste". Der Kommune wird eine Sportstadt ans Herz gelegt ebenso wie ein Bildungs- und Wissenschaftsstandort zu bedenken gegeben - und allein an dieser Liste zeigt sich, dass sie keine Überraschung parat hält, vielmehr einen Kanon, den die Städtekonkurrenz diktiert, wenn man diesen Wettbewerb, abgesehen von allen ökonomischen Zwängen, mit ökologischer Vernunft, sozialer Verantwortung, und kultureller Umtriebigkeit aufnehmen will.
Speer, als Architekt und Stadtplaner so kompetent wie seriös, weltweit gefragt, anerkannt in Frankfurt und Köln, Riad und Shanghai, hat sich mit seiner Zukunftsstudie "Frankfurt 2030" zu allerlei Gemeinplätzen hinreißen lassen. Mit einem Label wie "Ökotropolis" ist so wenig gewonnen wie mit einer kommunalen Branding-Strategie, die auf Begriffe wie "Kreativwirtschaft" oder "Stadt der Kinder" setzt. Andererseits ist der Slogan "kinderfreundliche Wissenschaftsstadt" nicht nur eine Floskel, sondern bedarf sehr, sehr präziser Strategien.
Speer, unterstützt von der Polytechnischen Gesellschaft, hat mit "Frankfurt für Alle" so etwas wie ein Navi-System auf einem kommunalem Handlungsfeld eingerichtet. Ob die Frankfurter Politik, Magistrat und Verwaltung es installieren wollen? Ob Institutionen und Körperschaften, Verbände und Parteien sich daran orientieren werden? Und ob sich der Bürger bereit erklärt, das ihm immer wieder nahegelegte Bürgerbewusstsein zu kalibrieren?
Nicht zuletzt macht sich die Denkschrift stark für die Idee einer Internationalen Bauausstellung (IBA). Tatsächlich würde mit ihr die Vision einer gemeinsamen Region gefördert, denn eine IBA, abgesehen vom beträchtlichen Imagegewinn, würde die Politik in eine für sie prekäre Lage zwingen, jenseits ihrer rituellen Hingabe an parteipolitische Opportunitäten, jenseits bornierter Kirchturmpolitiken, jenseits rivalisierender Regionalgrößen.
In Speers Denkschrift ist viel von einer Modellstadt die Rede - und es sind annähernd 250 Seiten, die er Frankfurts Oberbürgermeisterin überreichte. Will sie auch nur einen Bruchteil der aufgelisteten Gedanken und ausgeführten Ideen zu einer Stadt der Wirtschaft und des Wohnens, der Bildung und der Kultur, der Internationalität und der Ökologie verwirklichen, stehen Frankfurt Magistrat und Verwaltung vor einem Umbau. Es wäre einer mit kaum absehbaren Folgen. Speers Denkschrift ist diplomatisch genug, um es nicht auszusprechen. Aber Speer ist viel zu sehr Architekt, um nicht zu wissen, dass es um die Mauer in den Köpfen seiner Frankfurter Adressaten geht.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen