Das Durcheinander ist eine Technik, die der Mensch erst erwerben musste. Sie war ihm nicht in die Wiege gelegt worden, ganz abgesehen davon, dass für diese Wiege das Bewusstsein geschärft und die Werkzeuge stark verfeinert werden mussten. Beides dauerte.
„4,2 Milliarden Jahre“, daran erinnert Alexander Kluge, „ist unser Gefährte, der Planet, alt. Wir tragen in unseren Körpern 4,2 Milliarden Jahre Schatzbildung.“ Zu dieser Schatzbildung hat Alexander Kluge beigetragen wie nur wenige Menschen. So kommen auch in seinem jüngsten Buch, es heißt „Das fünfte Buch“, es umfasst 402 Geschichten, das Naheliegende und das Abseitige zusammen, stoßen sich Gegenwart und Vergangenheit hart im Raum. Und plötzlich, wie von einer geheimnisvollen Macht gelenkt, stellen sich, dutzende Seiten Distanz mögen zwischen den Episoden, Geschichten, Legenden, Bildern liegen, Beziehungen her. Zwischen dem Leuchtturm von Alexandria und dem Meiler von Fukushima. Es sind keine Verwandtschaften, die praktisch auf der Hand liegen, vielmehr Strategien verblüffender Überzeugungsarbeit. Der Soldat im Schützengraben – das im Packeis steckende Segelschiff.
Vollversammlung der Texte
Kluges Bücher sind universale Vollversammlungen von Texten, die antike Militärdoktrinen und postmoderne Medientheorien reflektieren, die Anthropologie und Marxismus miteinander konfrontieren, Technikgeschichte, Katastrophentheorie, Amphibienkunde, dazu Opernpraxis, fixe Ideen und mobile Passionen, unzähliges mehr. Alexander Kluge, Leidenschaft und Augenmaß zusammenbringend, ist der größte Kombinationskünstler, den wir haben. Heute vor 80 Jahren wurde er in Halberstadt geboren.
Von den Sätzen des Selbstdenkers Kluge über den Systemdenker Hegel ist dieser besonders aufschlussreich: „Der Philosoph las außer den Berliner Blättern täglich die Edinburgh Review. Er war auf das Detail kapriziert. Das findet sich im Rohmaterial der Nachricht, nicht in der Meinung.“ Was Kluge hier über Hegels Hunger auf Rohmaterialien erzählt, ist eine Geschichte, die Aufschluss gibt über Kluge: „Er las nicht, er produzierte. Stets neugierig auf die Wirklichkeit, bestehend aus unbezwinglicher EINZELHEIT, dem BESONDEREN und dem ALLGEMEINEN. Diese Dreiheit ist als Durcheinander und nicht als Nebeneinander wirklich.“
Alexander Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt geboren. Am 8. April 1945 überlebte er den „Luftangriff auf Halberstadt“, wie er 1977 einen seiner zentralen literarischen Texte in dem Band „Unheimlichkeit der Zeit“ überschrieb. Kluge ist promovierter Jurist, am Institut für Sozialforschung in Frankfurt arbeitete er 1958 als Referendar. Im selben Jahr absolvierte er ein Filmvolontariat bei Fritz Lang. 1962 gehörte er zu den Unterzeichnern des „Oberhausener Manifests“ für ein Autorenkino.
Soeben erschienen: „Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe“. Suhrkamp Verlag 2012, 564 S., 34,90 Euro; „Personen und Reden“. Wagenbach Verlag 2012, 144 S., 15,90 Euro.
Das „Durcheinander“ als Produktivkraft. Auf dass die Einzelheiten ein Recht auf Eigenleben haben, das Ich gegenüber dem Wir, die Freiheit der (!) Einzelnen gegenüber der Masse, das Subjekt in der Gesellschaft, haben die Geschichten und die Filme immer wieder das unveräußerliche Besondere gegenüber dem Allgemeinen hochgehalten – und das heißt ja nicht zuletzt: die Fiktion gegenüber der Wirklichkeit. Kluge hat sich dem „Durcheinander“ verschrieben, mit aller List und dialektischer Lust setzt er es in seinen Büchern, Filmen und TV-Produktionen zusammen zu einem gewaltigen Puzzle. Denn Puzzle heißt ja: Geduldspiel.
List und dialektische Lust des Geduldspielers Kluge bringen seit einem guten halben Jahrhundert Sätze hervor wie: „Jeder Mensch ist so etwas wie eine russische Puppe. In ihm sind alle Alter, Erfahrungen, Redesorten ineinander verschachtelt. Besser ist, man deckt das auf und verdeckt es nicht.“ Auch Halberstadt durfte nicht verdeckt werden, aufgedeckt werden musste der „Angriff auf Halberstadt“, es geschah in seiner Montage, die den Bomberpiloten und das Bombenopfer sprechen ließ, mit Schaubildern und Statistiken arbeitete, Rede und Gegenrede aufeinanderprallen ließ, das historische Subjekt und das Objekt der Geschichte – und diese „merkwürdige“ Geschichte begann ja nicht von ungefähr mit dem Bericht von der Zerstörung des Kinos von Halberstadt. Der Geschichte vorangestellt ein Filmplakat der Defa-Produktion „Heimkehr“.
Niemals nur auf die Gegenwart fixiert, sondern von der Geschichte fasziniert, war er unter den verschiedenen Regisseuren, die 1978 „Deutschland im Herbst“ drehten der kühlste Kopf, einmal mehr ein Einflüsterer, dessen suggestive Erzählerstimme, märchenerzählersanft, seine Protagonistin begleitete. Der Autorenfilmer Kluge, Anfang der 60er-Jahre einer der Rebellen des deutschen Kinos, ließ die Erzähler in seinen Filmen sagenhaft lakonische Dinge von sich geben. So hieß es über Roswitha, die Hauptperson in seinem Film „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“: „Um sich mehr Kinder leisten zu können, betreibt Roswitha eine Abtreibungspraxis.“
Meldegänger des Anekdotischen
Gabi Teichert, Protagonistin in „Die Patriotin“, schickte er Ende der 1970er-Jahre auf einen SPD-Parteitag, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, wie sich die deutsche Geschichte „verbessern“ lasse. Die Antwort der führenden Genossen: Verständnislosigkeit, Gefühllosigkeit. Oder, wie Kluges „Durcheinander“ aus Doku und Fiktion verdichtete: Kopflosigkeit, Herzlosigkeit. Darauf hat er gezoomt, diese hat er im Zeitraffer, von Musik, seiner großen Leidenschaft, unterlegt, komprimiert. Kluge, dem Artisten des assoziativen Montageverfahrens, verdankte der Autorenkinobesucher damals die Gewissheit, dass der Politikzirkus ratlos ist. Oder noch kürzlich, in seinen „133 Geschichten von der Unverwüstlichkeit des Politischen“, dass das Kanzleramt ein „Bundesamt des Zögerns“ ist, von seiner ganzen Sache her, nein, keine Schaltzelle des Agierens, sondern im Gegenteil, ein Ort biberartiger Produktivität von Reaktionen.
Um zu zeigen, wie sehr Geschichte ein Prozess der Mobilisierung von Reaktionen ist, steckte er mit Oskar Negt die Köpfe zusammen, und das Resultat, Ende der 1970er-Jahre, war ein gewaltiges Buch, Satz für Satz gemeinsam entstanden, so wurde es kolportiert.
Das Kleinstkollektiv Negt/Kluge als gesellschaftliche Utopie, vierhändiges Schreiben als Anfang der Aufhebung der Arbeitsteilung, so war man losgegangen auf die marxistische Weltanschauung, um sie um eine Geschichte der materialistischen Ichanschauung zu erweitern, um eine der fünf Sinne, um eine Gefühlsgeschichte des Menschen, das wurde von dem intellektuellen Doppelkopf Negt/Kluge mit Haut und Haaren verteidigt. „Geschichte und Eigensinn“ hieß das legendäre Buch, ein Rohstofflieferant mit seiner Fülle an Geschichten und Anekdoten, seiner Bilderproduktion. Mit dem gezielten Durcheinander, der Konfrontation der Natur- und der Kulturgeschichte wurde das Projekt der Moderne als Dialektik der Aufklärung fortgeschrieben.
Über Kluge, der gesagt hat, „mein Hauptwerk sind meine Bücher“, gibt es keine Autobiografie. Er ist eine öffentliche Figur durch seine Fernsehinterviews, in seinen Gesprächspartnern hat er sich gespiegelt, ein Dompteur in der Manege der Medien, furchtlos. Das Kluge-Ich, mal die berühmte, vorgebeugte Kluge-Schulter, mal das offene Kluge-Gesicht, war in Hunderten TV-Produktionen präsent. In seinem letzten Buch sehen wir, plötzlich, den Kopf Kluges schwer lädiert. Alexander Kluge, der Erzählstratege in der dritten Person, sagt doch tatsächlich: „Ich.“
Seine Filme haben in den Köpfen der Zuschauer Wortbildungen hinterlegt. Seine Bücher erst recht. „Zeiträuber“ oder „Lebensläufer“. Mancher Filmtitel, darunter „Die Macht der Gefühle“, wurde populär bis zum Kalauer. Seine Bücher sind Fundgruben gestochener Sätze: „Gefühl ist sozusagen der Patriotismus der Empfindungen“ ist so ein Satz.
Mit seinen Enttarnungen der historischen Fakten wurde er zum Meldegänger des Anekdotischen, in der Tradition eines Kleist, eines Johann Peter Hebel. Seine Prosaminiaturen leben von der Assoziation, vom Film hat er die Schnitte und Überblendungen übernommen, die der Film vorfand im Roman. Seine Filme nehmen die Verfremdungseffekte des epischen Theaters auf, das der Stummfilm lehrte. Dazu reicherte Kluge die Menetekel einer überkomplexen Moderne mit dem Metaphernrepertoire der Mythen an.
Nicht zuletzt wurde er zum Strukturumwandler einer eingehegten Öffentlichkeit. Mit seinen „merkwürdigen“ Fernsehbeiträgen gegen Mitternacht, die seine Firma DCTP seit 1988 für das Privatfernsehen produzierte, vermachte der „Quotenkiller“ (so ein längst vergessener Intendant) dem Fernsehen eine Enzyklopädie der Aufklärung. Auf Sendung gingen Beiträge über: die Guillotine als humanitärer Fortschritt in der Geschichte der Exekutionen; Christos Reichstagsverhüllung im Zeitraffer; Hannelore Hoger, zu Tränen gerührt; Christoph Schlingensief am Anfang seiner Karriere; den Fotografen von Tschernobyl; den Kalten Krieg in der Affenwelt; den Weltwirtschaftsgipfel, den Ameisenstaat; Lulu als Oper; Herbert Wehner als Verschwörer; Atlantropa – oder die Trockenlegung des Mittelmeers; Lenins Knochen; die Schlachtfelder Napoleons; die Stasi auf kapitalistischer Kaffeefahrt; die Bühnenbilder Eric Wonders. Denn „merkwürdig“ bedeutet ja so eigensinnig wie erinnerungsträchtig, so wunderlich wie beharrlich.
Landmann und Seemann
Alexander Kluge, um einen Gedanken Walter Benjamins zu variieren, ist wohl beides, Landmann und Seemann zugleich, wie dieser ein Fremdforscher, gleich jenem ein Heimatkundler, sesshafter Sammler und mobiler Jäger in einer Person, seine Gesprächspartner anspornend, ihnen ins Wort fallend, sie animierend. Wer den stets unaufgeregten, den Kammerton Kluges auch nur einmal gehört hat, wird ihn im Ohr behalten wie die Stimme der Callas oder Billie Holidays.
Alexander Kluge ist vielfach ausgezeichnet worden, mit dem medienkritischen Adorno-Preis und, Dialektik der Bewusstseinsindustrie, dem medienaffinen Grimme-Preis. Immer wieder, besonders schön in seinem „Dezember“-Buch, das er 2010 gemeinsam mit Gerhard Richter herausbrachte, gelangen dem Büchner-Preisträger die tollkühnsten Kunststücke der historischen Kombinatorik und sinnfälligen Kontextualisierung. Kluge, die Geschichte sezierend, liest in deren Eingeweiden wie die (antiken) Auguren in denjenigen ihrer Opfertiere. Motto: „Wir pfeifen auf die Realität, wenn sie sich aufführt wie die Gegenwart.“
Großuhrmacher von Beruf waren seine Vorfahren, seit fünf Jahrzehnten hat Alexander Kluge, uhrmachergleich, Lebensläufe und Geschichten konstruiert und rekonstruiert – stets vor dem „Hintergrund“ eines beunruhigenden Wissens: „4,2 Milliarden Jahre ist unser Gefährte, der Planet, alt. Wir tragen in unseren Körpern 4,2 Milliarden Jahre Schatzbildung, Traditionen, Mutationen, aus vielen Irrtümern Zusammengespeistes, Unwahrscheinliches mit uns.“ Alexander Kluge ist nicht nur der Chronist einer verschwindend geringen Planetenphase. Er ist, in seiner Literatur, im Kino, im Fernsehen, ein Patriot kosmopolitischer Schatzbildung.
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