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17. Oktober 2012

Alexanderplatz Berlin: Ein ungeheures Kapitel

 Von Harald Jähner
Weltzeituhr und Kaufhaus Konsument am Alex, fotografiert 1980. Foto:  Reinhard Kaufhold

Mit dem tödlichen Überfall auf den 20-jährigen Jonny K. gerät der Berliner Alexanderplatz wieder einmal unrühmlich in die Schlagzeilen. Zur Geschichte eines Ortes, auf dem es immer nur hieß: „Weg damit!“

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Mit dem tödlichen Überfall auf den 20-jährigen Jonny K. gerät der Berliner Alexanderplatz wieder einmal unrühmlich in die Schlagzeilen. Zur Geschichte eines Ortes, auf dem es immer nur hieß: „Weg damit!“

Berlin –  

In der Berliner Rathausstraße ist ein 20-jähriger Mann erschlagen worden. In der heute unter brutalen Feiglingen üblichen Weise: am Boden liegend und von mehreren mit Füßen getreten. Wenige Schritte sind es von hier zum Roten Rathaus, wo über die Geschicke der Stadt entschieden wird. Jetzt müssen die Regierenden täglich an der Stelle vorbeilaufen, wo einer ihrer Bürger zu Tode getreten wurde.

Es heißt immer, die Tat sei auf dem Alexanderplatz passiert. Das stimmt nicht, der Alex endet nach Westen hin mit dem S-Bahnhof und der hoch gelegenen Gleistrasse, dennoch fällt der Schatten der Tat auf den für Berlin geradezu mythischen Platz.

Alexanderplatz 2009.
Alexanderplatz 2009.
Foto: imago stock&people

Eine Abriss- und Umbauwelle folgte der nächsten

Notorischer Umbau ist sein Wesen; eine Abriss- und Umbauwelle folgte der nächsten in der Geschichte des Platzes, der Dreh- und Angelpunkt zwischen höchst unterschiedlichen Quartieren ist. Ob Kaiserreich, Weimarer Republik oder DDR, die Häuser am einst ziemlich beengten Alex wichen immer allem, was gerade Neue Zeit hieß. Im Übergang zwischen Weimarer Republik und NS-Zeit wurde er umgemodelt zum gigantischen Kreis- oder besser Ellipsenverkehr, während die DDR den Platz vom Straßenverkehr ganz abkoppelte. So wuchs er immer mehr ins Weite und Leere, bis hin zu seiner heutigen Gestalt, die ihre stupende Unbehaustheit durch eine trickreiche Möblierung vergeblich zu kontern versucht.

Es ist kein Zufall, dass auch der Roman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin, der zum Weltruf dieses seltsamen Ortes beitrug, ihn im Zustand von Bauarbeiten beschrieben hat. Der 1929 erschienene Roman spielt unter kleinen Gangstern, Arbeitslosen, Gelegenheitsarbeitern und Prostituierten. Mehr als einer ist unter ihnen, der „vom Leben mehr verlangt als das Butterbrot“. Der Roman trägt mit recht den Titel der Bahnstation, denn es geht in ihm um die Stadt und die Massen, um die ständige Passage von Abertausenden, die einen per üblem Zufall plötzlich an den Falschen geraten lassen.

Schlichte Funktionalität gegen üppiges Dekor

Damals, in den Jahren 1927/28, in denen der Roman spielt, ging es um den Bau der U-Bahn, die sich mit der S-Bahn zu einem hochmodernen Knotenpunkt verknüpfen sollte. Aber es ging beim Umbau um noch viel mehr: um das Schlanke der neuen Zeit gegen die dicke Behäbigkeit des Alten, um schlichte Funktionalität gegen üppiges Dekor. Der Platz musste in seiner Geschichte immer derselben Parole gehorchen, und die hieß: Weg damit!

Rund zwei Jahrzehnte waren seit der triumphalen Eröffnung des Warenhauses Hermann Tietz 1905 am Platz vergangen, da stand dieses pompöse Bauwerk mit dem Globus im Giebel und seinen üppig quellenden Rundungen schon wieder für die Vergangenheit, für den verachteten Wilhelminismus. (Aus Hermann Tietz wurde im Zuge der Arisierung die Kaufhauskette Hertie, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte). Nebenan stellten die neuen, nüchtern-eleganten Bauriegel von Peter Behrens – Alexanderhaus und Berolinahaus, in denen heute die Landesbank und C&A untergebracht sind – die Avantgarde dar.

Dort, bei Tietz, der Basar mit seinen vielen Geheimnissen – über die Brüstungen im Lichthof hingen die Teppiche tatsächlich herunter wie im Orient; hier das kubisch geheimnislose Bauen mit den neusachlichen Lichttürmen an den Stirnwänden, die eine ausgeleuchtete Welt verhießen.

Diese rabiate Moderne, die Anmut nur als karge Geste kennt, ist noch zu spüren in den lang gestreckten Rathauspassagen, vor denen in der Nacht zu Sonntag Jonny K. erschlagen wurde. Sie entstanden Anfang der 70er als sozialistisches Pendant zum Corbusierhaus in Westen der Stadt und waren zu Recht ein Vorzeigeprojekt. An den Stirnwänden stellen rote Klinker aus Großräschen eine optische Verbindung zum Rathaus her.

„Rumm rumm ratscht die Ramme nieder"

Eine zentrale Passage aus dem Roman von Döblin beginnt mit einem Satz, der auf diesen Sonntagmorgen leider gar nicht zutraf: „Die Schupo beherrscht gewaltig den Platz. Sie steht in mehreren Exemplaren auf dem Platz.“ Auf einen Ruck eines Polizisten hin laufen „30 private Personen“ über den Platz. „Sie alle aufzuzählen und ihr Schicksal zu beschreiben, ist schwer möglich, es könnte nur bei einigen gelingen. Der Wind wirft gleichmäßig Häcksel über alle.“

Es ist eine Passage der Weltliteratur, die so berühmt geworden ist, weil sie mit größter Zärtlichkeit die Anonymität der Masse beschreibt. Immer neue Menschenmengen erfasst Döblins Blick, die, von der Schupo geregelt, über den Platz ziehen. „Sie sind so gleichmäßig wie die, die im Autobus, in der Elektrischen sitzen. Die sitzen alle in verschiedenen Haltungen da und machen das außen angegebene Gewicht des Wagens schwerer. Was in ihnen vorgeht, wer kann das ermitteln, ein ungeheures Kapitel.“

Zum Symbol der Gewalt schlechthin wird eine Dampframme, die für den U-Bahnbau den Platz aufreißt: „Rumm rumm ratscht die Ramme nieder, ich schlage alles, noch eine Schiene.“ Ein Passant schaut zu, wie eine Lore mit Sand automatisch entladen wird, gespannt „lauert er“ und denkt: „Man möchte nicht so aus dem Bett geschmissen werden, Beine hoch, runter mit dem Kopf, da liegst du, kann einem was passieren, aber die machen das egalweg.“

Egalweg. Im Symbolgeflecht des Buches wird die Ramme zum Bild der Schicksalsschläge, die mächtig auf die Hauptfigur Franz Biberkopf einprügeln. Der „böse Reinhold“ ermordet Biberkopfs Freundin, weil er dessen Lebensmut nicht ausstehen kann.

Möglich, dass es in der Nacht zum vergangenen Sonntag nicht mal ein derart schnödes „weil“ gab. Dass es keinen Grund zu finden gibt, warum die Täter auf Jonny K. einprügelten. Eine entsetzliche Vorstellung. Eine furchtbare Vorstellung auch, dass man in dieser Stadt erneut den Anlass verlieren könnte, mit dem zärtlichen Blick Alfred Döblins auf die Masse zu schauen, die einem auf der Straße entgegenkommt.

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