Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben. Der Dramatiker Alfred Matusche wäre am heutigen 8. Oktober 100 Jahre alt geworden. Er hat ein Jahrhundertwerk hinterlassen, das kaum noch einer kennt. Niemand sonst schrieb unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg von Versöhnung und unverlierbarer Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und Polen. Seine Stücke ersetzen ein ganzes Zentrum gegen Vertreibung, wie es in Berlin geplant ist.
Visionär durchstieß Matusche Hass und Misstrauen zwischen den beiden Völkern in seinem Werk und hielt die Grenze offen. Matusche sah sich als "betenden Kommunisten" und pochte auf den Anspruch auf eigene Geschichte, die nicht die Geschichte des SED-Systems war. Er wurde in der DDR bespitzelt und drangsaliert, mal gespielt und wieder abgesetzt. Das vereinte Deutschland erwies sich als ein veritables Land des Vergessens. Die Theater schweigen. Wie lange noch?
Die Werke von Matusche, die in der DDR aufgeführt wurden, sind zu seinem 100. Geburtstag im Mainzer Verlag André Thiele erschienen: "Dramen", 440 Seiten, 39,90 Euro. Außerdem eine Festschrift: "Das Lied meines Weges", hrsg. von Gottfried Fischborn, 302 Seiten, 18,90 Euro.
Die Kabinettausstellung "Wo Erfolg ist, da stinkt´s" präsentiert derzeit im "Zentrum der verfolgten Künste" im Kunstmuseum Solingen den Nachlass von Alfred Matusche. Der Autor ist außerdem in der ständigen Ausstellung "Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989" vertreten. Der Schauspieler Peter Sodann, der ein Freund Matusches war, hatte den Nachlass dem Museum geschenkt.
Auf der Bühne des Bayer-Kulturhauses in Leverkusen findet am 14. November eine szenische Lesung aus den Werken Matusches statt.
Dramatiker im Niemandsland
Bertolt Brecht erklärte "jede Zeile" Matusches für "wahr". Für Heiner Müller war Matusche "das große Kind des DDR-Theaters", bewundernswert wegen einer Naivität, die er durchgehalten habe. Matusches Freund, der Theatermann Peter Sodann, sah den Dramatiker in einem Niemandsland, weil die Gemeinschaft der einzelnen überall draußen ist: "Matusche ist eigentlich nie in der DDR gewesen."
Alfred Matusche kam in Leipzig als Arbeiterkind zur Welt. Als Schlosser in der Weimarer Republik blieb er arbeitslos und schrieb Gedichte, die der Rundfunk sendete und Leipziger Zeitungen druckten. Der KP schloss er sich nicht an. Sein anarchistisch grundiertes Linksgefühl orientierte sich an Gustav Landauer, Erich Mühsam und Else Lasker-Schüler. So, wie er sich als Junge seiner Mutter entzog, die aus ihm die Liebe zur Literatur herauszuprügeln versuchte und seine Bücher verbrannte, so entzog er sich schließlich beiden Diktaturen. Als er 1933 von der Gestapo zum Verhör geholt wurde, verbrannte er danach sein gesamtes lyrisches Werk in der Waschküche.
In der DDR trat er weder der SED noch den gesellschaftlichen Institutionen bei. Als Heinar Kipphardt, der die DDR 1959 verließ, 1955 sein Stück "Die Dorfstraße" an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Ostberlin uraufführte, profitierte der Autor von den letzten Auswirkungen einer Verunsicherung im SED-System, die der 17. Juni 1953 ausgelöst hatte.
Der Dramatiker zeigt an der neuen Neiße-Grenze eine Gesellschaft der Entwurzelten, entwurzelt durch die Verbrechen des NS-Systems: Herumirrende Überlebende auf polnischer Seite und Vertriebene auf deutscher Seite. Der Schmerz ist noch ohne Schuldzuweisungen: "Das Bittere bleibt bitter, wie wir es auch ansehen." Das zerstörte Land schlägt eine unendliche Sehnsucht an - nach Heilung. Und von Matusches Figuren antwortet ein jeder: "dass ich verlassen bin". Aber auch: "Eines Tages treffen wir uns auf der Dorfstraße zu Hause." In einem Zuhause der Polen, das das Zuhause der vertriebenen Deutschen bleibt.
Der sich heimatlos fühlende Matusche ist längst ein Heimatkundiger, der weiß: Der Heimatkundige verliert die Heimat ständig. Er durchstößt in seinem Werk die Heimattümelei hin zu der einfachen Wahrheit, dass Erwachsensein eine Art Vertreibung ist. Und er zeigt, dass es die Utopisten mit ihren Nirgendwohäusern sind, die diese Vertreibung nicht aushalten und dass sie es sind mit einem Heimatangebot, das die Welt unheimlich macht.
Matusche hat das Thema von deutscher Schuld und Vertreibung durch Polen in zwei weiteren Stücken aufgenommen. Als sein Meisterwerk "An beiden Ufern" zum 25. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus zur Uraufführung vorbereitet wird, schreitet die Stasi ein. Auf Sätze wie: "Uns gehört gemeinsam die Not", antwortet die Stasi: "Auf die Frage, warum die Polen die Heimat der deutschen Opfer des Hitler-Faschismus besetzt haben, ergibt sich die unterschwellige Aussage: Es war Unrecht! Damit wird mit sehr viel Geschick politisch-ideologische Diversion gegen die deutsch-polnische Freundschaft, gegen die Oder-Neiße-Friedensgrenze und deren Rechtmäßigkeit getrieben." Die Uraufführung wird abgesetzt und findet vier Jahre später, ein Jahr nach dem Tod Matusches, in Potsdam dann doch statt. Für Ablehnung im Publikum sorgte die Stasi.
Matusche, der in und um Berlin ärmlich lebt, hat einen kleinen Kreis von Theaterleuten, denen es gelingt, den suspekten Autor doch immer wieder auf die Bühne zu bringen, und wenn es in der tiefsten Provinz ist: "Welche von den Frauen", sein erstes Stück, das einen aus den USA zurückgekehrten Exil-Dichter zeigt, der im DDR-Rundfunk an den NS-Altlasten im Sender scheitert. Es wird sechs Jahre nach seinem Tod in Schwedt uraufgeführt.
In "Die Nacht der Linden" denunzieren zwei feindliche "Brüder" einander wegen derselben Frau, die beide lieben. Der eine bringt den anderen ins KZ, und der andere bringt den einen in der DDR ins Gefängnis. Bei Matusche heißt es: "Erlittene Ohnmacht wird weitergegeben."
Der "Regenwettermann" zeigt in Polen die deutsche Wehrmacht in der Nacht vor dem Überfall auf die Sowjetunion, die zuvor noch die Juden des Ortes umbringen soll. Ein Soldat macht nicht mit, rettet einen jüdischen Jungen und erschießt sich. "Kap der Unruhe" zeigt einen Kranführer, der am Aufbau einer Plattenbau-Stadt beteiligt ist, und nach der Fertigstellung zieht er angewidert von der reinen Zweckmäßigkeit der Bauten davon.
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