Viola König, einst Leiterin des Bremer Übersee-Museums, arbeitet mit an der Konzeption des Humboldt-Forums auf dem Berliner Schlossplatz, wo auch die Dahlemer Sammlungen gezeigt werden sollen. Kernpunkt der Konzeption ist eine „Agora“, deren Programm dieser Tage eigentlich vorgestellt werden sollte. Der Termin ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Zeit, um noch einmal nachzufragen.
Frau König, was soll die Agora im Schlossneubau eigentlich sein?
Etwas bürokratisch ausgedrückt: Sie soll unsere Ausstellungsthemen auf ihren Aktualität hin testen, dafür angemessene Vermittlungsformate entwickeln und diese dann zeitgemäß umsetzen. Museale Ausstellungen sind ja von Natur aus eher schwerfällig, man kann nicht ständig umräumen. Obwohl wir in unseren Ausstellungen im Humboldt-Forum regelmäßig einzelne Teile auswechseln wollen. Für den direkten Zeitbezug muss die Agora sorgen. „Gegenwart“, das bedeutet ja keineswegs nur den Bezug zu Katastrophen oder politischen Ereignissen, sondern auch zu Vergnügen, Musik, Kunst, Theater. Und schließlich soll das Agora-Programm schon bei der Planung von Ausstellungen mitmachen.
Ist die Agora also eher eine Person, eine Institution oder ein Ort?
Weder noch. Die Agora ist das übergreifende Programm des Humboldt-Forums. Sie soll die verschiedenen Nutzungen miteinander verknüpfen und bündeln und die Ausstellungen der Museen, die Medien der Bibliothek und das wissenschaftliche Angebote der Universität ergänzen. Erst dieses Programm macht aus dem Schloss das Humboldt-Forum.
Gibt es denn ein Vorbild für eine solche Agora?
Berlin selbst ist doch eine riesige Agora, ein Ort der Debatte. Die Berlinale etwa zeigt schon lange auch Produktionen aus Afrika, Asien, Südamerika. Aber oft werden sie ohne jede Erklärung der sozialen, wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Zusammenhänge gezeigt. So etwas könnte die Agora im Humboldt-Forum übernehmen.
Wer soll die Agora machen – die Museen, die Bibliotheken oder ein eigenmächtig agierender Intendant?
Die Agora kann nur von uns allen, die im Humboldt-Forum ausstellen und arbeiten, gemacht werden. Aber es braucht einen guten Manager, der mehr kann als nur Organisation, der sich auch gut mit den Inhalten auskennt. Er oder sie soll ja die Programme der Beteiligten zusammenführen.
Sie fordern Aktualität von den Museen. Doch die neuste Ausstellung ihres Hauses „Welten der Muslime“ reagiert in keiner Weise auf die Geschehnisse seit 9/11, zeigt traditionelle Hirten- und Bauernkulturen Mittel- und Westasiens ...
Wir hatten die Ausstellung 2001 eigentlich als Reaktion auf die Ereignisse des 11. September geplant. Aber dann mussten wir erst einmal den Altbau hier in Dahlem sanieren. Wir zeigen hier zudem eine alte Sammlung, die zum größten Teil noch nie zu sehen war. Das gibt der Ausstellung auch ohne jede Terrorkatastrophe ihre Berechtigung. Derzeit ist das Ethnologische Museum eben weder personell noch technisch so aufgestellt, dass es kurzfristig reagieren kann.
Wollen Sie künftig alles Aktuelle der Agora überlassen, und selbst für das Zeitlose zuständig sein?
Beides hängt oft zusammen. So gelang es in diesem Jahr nur wenige Wochen nach der Atomkatastrophe in Fukushima die Veranstaltungsreihe „Eine Brücke nach Japan“ durchzuführen. Doch zuweilen werden auch Ausstellungen mit Gegenwartsbezug von der Aktualität überholt: Als während der Ausstellung „Identität versus Globalisierung – Positionen zeitgenössischer Kunst aus Südostasien“ 2004 der Tsunami über diese Region fegte, konnten wir darauf nur noch sehr bedingt spontan reagieren.
Auch die Ausstellung „Voodoo – Kunst und Kultur aus Haiti“ war schon auf dem Weg, als dort die Erde bebte ...
Korrekt. Auch da mussten wir in einer Aktualität bleiben, die fast historisch geworden war. Und auch die Tibetausstellung 2007 im Asiatischen Kunstmuseum hätte mit einer Institution wie der Agora ganz anders vorbereitet werden können, als dies damals wegen der chinesischen Auflagen möglich war. Kritischer, mit Blick auf die tibetische Exilgemeinde etwa.
Und die wegen ihrer Vorsicht weithin scharf kritisierte Pekinger Ausstellung der Staatlichen Museen zur Europäischen Aufklärung?
Die hätte sicher in der Agora durch parallele Veranstaltungen zu denen in China gespiegelt werden können. Die Agora muss nicht auf alles reagieren, was gerade in der Welt geschieht. Aber sie muss über den Apparat, das Personal, das Geld und die Räume verfügen, um kurzfristig reagieren zu können. Nicht nur mit Ausstellungen.
Soll etwa die Agora an Stelle der Museen als eine Art Superkurator das Sammeln, Erforschen und Ausstellen übernehmen?
Sicher nicht. Unsere Kompetenz liegt in der Präsentation von Sammlungen. Die Grundlage dafür ist die in langen Jahren erarbeitete Kenntnis der Herkunftskulturen. Auf der baut unsere Auswahl und Interpretation der Exponate auf. Nur ein Beispiel: Das Ethnologische Museum besitzt eine bedeutende Sammlung farbiger Maya-Keramiken. Heute können wir die Inschriften darauf lesen und erfahren viel über die mittelamerikanische Kultur im 4. bis 7. Jahrhundert, über Herrschaft, Unterdrückung und Unterwerfung oder die Demütigung genialer Künstler. Wir sehen, wie sich alte Männer von jungen Mädchen Klistiere setzen lassen, um das Alter unter Drogen besser zu ertragen. Wir wissen um die gesellschaftskritische Funktion dieser Kunst, kennen Namen der Künstler, ihre Signaturen, sind Zuschauer ihrer Agonie angesichts des Opfertodes. Eine vergangene Welt, die wir im Humboldt-Forum visualisieren wollen.
Aber die Besucher wollen doch mehr als wissenschaftlich fundierte Ausstellungen.
Sie sollen viele Perspektiven erleben, kritische Fragen stellen können und beantwortet erhalten. Dafür sind Museen und Bibliotheken da. Und deswegen wollen wir etwa Kuratoren aus aller Welt engagieren. Damit kommen neue Erzählperspektiven und sicher auch neue Präsentationsformen in unsere Ausstellungen. Auch dabei wird die Agora eine wichtige Rolle spielen müssen.
Der Gegenwartsbezug kommt also nur von außen?
Nein, auch von uns, aber im Zusammenspiel mit den Verantwortlichen für die Agora. Um noch mal auf die Maya zurückzukommen – ich bin ja Altamerikanistin. Bei der Aufarbeitung des Völkermords an der guatemaltekischen Bevölkerung 1960-1996 leisten Archäologen und Forensiker einen wenig bekannten Beitrag. Ausstellen muss man die dabei geborgenen Skelette nicht. Aber die filmische Dokumentation kommunaler Nachbestattungen von „Verschwundenen“ in den Maya-Dörfern zeigt: Die Realität der jüngsten Vergangenheit in Mittelamerika ist wenigstens so schrecklich wie die einseitig grausamen Fantasie-Darstellungen der klassischen Mayakultur in Mel Gibsons Spielfilm „Apocalypto“.
Der Film war 2006 aktuell ...
Brandaktuell ist aber ein anderes Thema der Maya-Kultur, die „2012-Hysterie“, die Prophezeiung des angeblichen Weltuntergangs am 21. Dezember 2012, der in den Maya Inschriften prognostiziert wurde. Geht es um Visionen von Weltuntergangstheoretikern, um die Ahnung der Folgen von globalem Raubbau und ökologischer Unbekümmertheit? Das sind die Themen des Humboldt-Forums, der Museen, der Bibliotheken und dann eben auch der Agora als ihrem übergreifenden Programm.
Das Gespräch führte Nikolaus Bernau.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen