Einmal habe ich, natürlich unabsichtlich, zwei Mädchen belauscht. Schauspielschülerinnen waren sie und erzählten von ihrem Sprech-Erzieher. Klangfarben und Klangfülle hatte er mit ihnen trainiert. Und um – nennen wir es mal – Tiefe war es ihm wohl gegangen bei der letzten Stunde. Eines der Mädchen gab seine Anweisung wieder: „Sprich mit mir durch deine Brustwarzen!“
Ungeheuerlich! Die üben das! Was man für reine Natur zu halten so gern geneigt wäre, ist Technik. Caroline Beil kann nun noch mehr als das: Als Lysistrate in der durch Florian Fries zum Musical gemachten „Inselkomödie“ von Rolf Hochhuth hat sie einen kuscheligen langsamen Walzer, „Kurier’ mich, Schlaf!“. Bei der Uraufführung im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin zog sie ihre Stimme nun just dahin, wo der Sprech-Erzieher es von den Mädchen gefordert hatte, und regte jene Zone durch ein Kehldeckelknarren an, das wahlweise nach rolliger Katze oder gnatzigem Mops klang.
Sie sang irgendwas von „auf die blöden Nasen hauen“. Was mit „Nasen“ gemeint war, ist nicht sicher. In dem Stück von Hochhuth wird viel von „Schwert und Scheide“ geredet und damit stets anderes bezeichnet. Ein Sprichwort sagt ja: „Wie die Nase des Mannes, so sein Johannes“. Und auch damit ist keineswegs Johannes Heesters gemeint, der in dem Stück zwei kurze, aber ergreifende und kunstvolle Auftritte hatte, die in jeder Hinsicht aus Zeit und Welt und Stück herausragten.
Das Stück wurde schon 1974 als „Lysistrate und die Nato“ in der musikfreien Version uraufgeführt. Es geht zurück auf die mehr als 2400 Jahre alte Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes. Die handelt von einer Frau, die einen Krieg im alten Griechenland dadurch beendet, dass sie die Frauen zur ehelichen Beischlafverweigerung aufstachelt, was bei den Männern zum Notstand und zur Kapitulation führt.
In Hochhuths Variante versuchen Frauen auf einer griechischen Insel um 1970 mit dem gleichen Mittel zu verhindern, das ihre Männer das Bauernland ans Militär verkaufen, damit die Nato dort eine gegen die Sowjetunion gerichtete Atomwaffenbasis bauen kann. Entstanden ist eine Collage aus Zoten und Zeitungsartikeln, die auch nicht dadurch zur Kunst wird, dass sie ein politisch ehrenwertes Anliegen verfolgt.
Der Humor dieser „Inselkomödie“ kann seine Prägung durch ebenjene Geistlichkeit nicht verleugnen, die hier in Gestalt des Popen karikiert wird. Das Stück funktioniert nur wegen der Ächtung jener Unschuld mit fleckigen Händen, die ein evangelischer Küster aus dem Landkreis Anklam dem Vernehmen nach schon in den 1980er Jahren aufhob durch die Devise: „Ist die Frau auch noch so lieb – Handbetrieb bleibt Handbetrieb“. Der Popenkenner Hochhuth kennt einfach immer nur die falschen Popen.
Doch anders als die Bauern im Stück ist Hochhuth eigentlich der Mann, der alles selber macht. In der Druckfassung der „Inselkomödie“ gibt es mehrseitige Regieanweisungen, die nicht nur Mobiliar und Motivationen der Figuren beschreiben, sondern auch wann und wie ein Schlüpfer auszuziehen ist. Der Regisseur Heiko Stang hat sich daran strengstmöglich gehalten, der Bühnenbildner Lutz Brandt auch. In der terrakotta-hellblau gestrichenen Kneipe staksen die Darsteller Schritt für Schritt durch ihren Text. Wackere Lindenstraßen-Veteranen aus Film und Fernsehen sind dabei wie Kostas Papanastasiou als würdiger Wirt und Michael Marwitz als mieser Minister. Aber nicht weniger wacker bewegt sich die Jugendgruppe des Ensembles durch die sprachlichen Peinlichkeiten: etwa Noémi Schröder als Ariadne, ansehnlich frisiert wie Jackie Kennedy.
Der 29-jährige Fries, der selbst das schmiegsam-schön spielende Orchester leitete, hat eine einfalls- und kenntnisreiche Musik erfunden: Foxtrotts, Romanzen, einen Charleston für den Minister in Hotpants, umschlagend in einen Galopp. Lieder gibt es in diesem Musical, die nachdenklich machen sollen und die man früher in der DDR wohl zu Texten von Gisela Steineckert (gleicher Jahrgang wie Hochhuth, allerdings vom staatlichen Komitee für Unterhaltungskunst) mit ähnlichen Melodien gehört hätte.
Johannes Heesters aber, 106 Jahre alt, thronte jeweils zu Anfang der beiden Akte in den Wolken: als König wohl, doch fast als Gott. Schiller durfte er rezitieren: „Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein veraltet nie“. Heimtauchen durfte seine Erinnerung in die Sprache der Kindheit zu einer alten flämischen Ballade, die er – seit drei Jahren blind – nun wie ein kindlich-greiser Seher sprach. Und lächelnd lieh er seine Stimme einem der besseren Sätze Hochhuths: „Wer die Drohung: Dir wird das Lachen noch vergehen! trotz Krieg überlebt hat, dessen Lachen verwandelt die Wirklichkeit“. Wir werden dies einschließen in unseren Herzen als kostbaren Besitz.
Theater am Schiffbauerdamm, Berlin: 5.-8. August.
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