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09. Juni 2008

Ankaraer Schule: Der Staat als Glaubensbringer

 Von ARNO WIDMANN
Vorbereitung für das Gebet: Raum der Stille für die islamische Hochschulgemeinde an der Frankfurter Universität. Foto: Arnold

Die Türkei finanziert schon einen islamischen Lehrstuhl an einer deutschen Universität.

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An der Universität Frankfurt gibt es seit 2003 eine "Stiftungsprofessur Islamische Religion", an der Bachelor und Masterstudiengänge angeboten werden. Am vergangenen Wochenende veranstaltete der Lehrstuhlinhaber Professor Ömer Özsoy - finanziert vom Bundesinnenministerium und von DITIB, der türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. - eine Tagung zum Thema "Geistiges Erbe des Islam - Koranwissenschaften heute".

Eine sehr interessante Tagung, die deutlich machte, wie weit muslimische Professoren inzwischen mit der Korankritik gehen. Immer wieder fragten im Zuschauerraum reichlich vertretene junge Frauen mit Kopftüchern, was denn vom Glauben noch bliebe, wenn zum Beispiel bestritten würde, dass der Koran, so wie wir ihn heute haben, Buchstabe für Buchstabe Gottes Wort sei.

Wer sich die Rednerliste genauer ansah, dem konnte nicht entgehen, dass es sich fast um eine rein türkische Angelegenheit handelte, dass der Besucher keineswegs einen Überblick über die "Koranwissenschaften heute" bekam, sondern einen Einblick in die Aktivitäten der so genannten Ankaraer Schule. Das ist verdienstvoll. Man bekam eine Ahnung davon, wie offen Islamwissenschaft an einer säkularen Universität eines muslimischen Landes betrieben werden kann oder doch konnte.

Am meisten zu denken gaben allerdings die Ausführungen des Universitätspräsidenten Rudolf Steinberg. Er betrachtet den von der türkischen Regierung finanzierten Lehrstuhl als den Ort, an dem in Zukunft die muslimischen Religionslehrer in unseren Schulen ausgebildet werden sollen. Das scheint vernünftig, denn das werden Lehrer sein, die weit weg von jedem Fanatismus den kritischen Umgang auch mit dem heiligen Text der eigenen Tradition nicht als Sakrileg, sondern als Möglichkeit des Glaubens erlebt haben. Also ein begrüßenswerter Versuch, die viel beschworene Entwicklung eines europäischen Islam durch den Import einer islamischen Theologie aus dem europäischsten muslimischen Land zu befördern? Das ist sicher die Idee.

Aber wen repräsentiert die Ankaraer Schule? Es handelt sich um eine Handvoll bis ein Dutzend Professoren, von denen viele inzwischen die Türkei verlassen haben und sich in den USA, in Europa Regierungen als Mittler zu den Muslimen ihrer Länder anbieten. Ihr Gewicht in der aktuellen innermuslimischen Debatte um den Islam ist nicht sonderlich groß. Es bedarf schon einer großen Phantasie sich vorzustellen, dass alle Sunniten, also nicht nur die Hanafiten der Türkei, sondern auch Malikiten, Hanbaliten, Schafiiten und die saudischen Wahhabiten in dem, was in Ankara gelehrt wird, den wahren Islam und nicht dessen Verrat erkennen werden. Warum sollen nun gar Schiiten, Aleviten den Professoren aus Ankara folgen?

Es geht dem Universitätspräsidenten in erster Linie nicht um Wissenschaft, sondern um die Chance zur Ausbildung der Glaubenslehrer. Eine reformorientierte Strömung der islamischen Theologie soll den ersten Zugriff auf die Köpfe der jungen deutschen Muslime haben. Dagegen wird sich - so wie die ersten Lehrer an die Schulen kommen - massiver Widerstand melden.

Schon ganz unabhängig von dem, was die Absolventen der Studiengänge in den Schulen erzählen, muss man davon ausgehen, dass allein die Tatsache, dass sie aus einer Frankfurter Zweigstelle des "Präsidiums für religiöse Angelegenheiten der Türkei" in Ankara hervorgehen, sie in den Augen vieler Muslime desavouiert. Der Widerstand wird schnell in die Forderung nach weiteren, ebenso angesehenen, also einer Universität angegliederten, Ausbildungsstellen münden.

Der Islam kennt keinen Papst. Er kennt noch nicht einmal einen Bischof Huber. Das Landeskirchenmodell und dessen Anwendung auf die Landesuniversitäten war schon fraglich genug, es ist aber angesichts der religiösen Vielfalt der heutigen Bundesrepublik gänzlich irrational geworden. Was ist mit den Einwanderern aus China und Vietnam, aus Sri Lanka und Indonesien? Wie viele buddhistische Lehranstalten zum Beispiel brauchen wir für den Religionsunterricht all dieser Immigrantenkinder? Soll der Staat wirklich der Glaubensbringer sein? Und welcher Staat? Sollen türkische staatliche Institutionen wirklich zuständig sein für die Glaubenserziehung der deutschen Staatsbürger?

Mit welchem Argument aber will der säkulare Staat Muslimen, Buddhisten, Konfuzianern, Hindus, Sikhs verweigern, was er Katholiken und Protestanten zugesteht? Allein im Raum Frankfurt leben derzeit - so sagt Wikipedia - 150 zarathustrische Familien. Wenn die Geld genug haben - werden sie sich auch einen Lehrstuhl an der Frankfurter Universität kaufen können für ihre Kinder? Der von der Türkei finanzierte Frankfurter Lehrstuhl für islamische Religion schafft mehr Probleme als er zu lösen scheint.

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