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Anmerkungen eines Bestseller-Autors: Vom Glück, den richtigen Riecher zu haben

Wer braucht Hilfe und wenn ja, von wem? Oder anders gefragt: Ist der Erfolg eines Ratgeber-Buches planbar? Anmerkungen eines Bestseller-Autors. Von Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen
Eckart von Hirschhausen
Foto: ddp

Von Albert Einstein gibt es das schöne Zitat: "Man soll die Dinge so einfach machen, wie sie sind - aber nicht einfacher."

Das sollte besonders für jedes Ratgeber-Buch gelten. Es gibt aber unzählige Ratgeber-Bücher, die sich gar nicht daran halten - das macht mich rasend. Denken Sie nur an esoterische Glücksanleitungen wie "Bestellungen beim Universum" von Bärbel Mohr oder "The Secret" von Rhonda Byrne!

Zur Person

Eckart von Hirschhausen, 42, ist Mediziner, Autor und Kabarettist. Seine Bücher "Arzt-Deutsch", "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben" und "Glück kommt selten allein" erreichten alle Platz 1 der Sachbuch-Charts. Sein Glücksratgeber steht dort seit über 30 Wochen, die Medizin-Fibel ist das derzeit bestverkaufte Taschenbuch.

Seit 25. September moderiert Hirschhausen für den NDR mit Bettina Tietjen die Talksendung "Tietjen und Hirschhausen". Sein neues Bühnenprogramm "Liebesbeweise" feierte Ende September in Berlin Premiere.

Solche Autoren basteln sich Theorien zusammen, die nicht der geringsten wissenschaftlichen Prüfung standhalten. Wenn Sie wirklich glauben, das Universum hält in der Innenstadt einen Parkplatz für Sie frei, dann kann ich Ihnen nur raten: Sagen Sie das nicht in Gegenwart eines Psychiaters, denn es erfüllt alle Kriterien für wahnhaftes Erleben. Ein gutes Sachbuch verweist nicht auf das Weltall, sondern überzeugt durch seinen Aufbau: Es muss gut recherchiert, mit anschaulichen Anekdoten - und mit viel Humor erzählt sein. Wer das beherzigt, kann auch ohne Experten-Bonus erfolgreich sein. Hape Kerkeling ist weder Theologe noch Doktor der Pilgerei. Aber er war so oft bei uns im Wohnzimmer - nämlich auf dem Bildschirm -, dass er bei vielen zur Familie gehört.

Deshalb haben wir ihn gerne begleitet auf seiner Reise zu sich selbst, die er in "Ich bin dann mal weg" beschreibt. Das heißt aber nicht, dass jeder Promi einen Bestseller schreiben kann.

Als Dieter Bohlen keine Idee mehr für ein Skandalbuch hatte, schrieb er einen Ratgeber - der es kurz unter die Bestseller schaffte. Ich habe "Der Bohlenweg" nicht gelesen. Aber ich glaube nicht, dass ich den Bohlenweg gehen muss.

Ob Bohlen oder Kerkeling - eines haben die meisten Ratgeber-Bücher gemeinsam: Sie handeln mit dem Versprechen, aus eigenen Kräften dauerhaft zufrieden zu sein, und zwar mit sich und der Welt - sei es mit geschäftlichem Erfolg, durch Spiritualität oder dank der Liebe. Ob Selbsterfahrung, Selbstfindung, Selbstverwirklichung oder Selbsttröstung: Letztlich geht es um das Große: das Glück. Ich weiß, wovon ich spreche. Mich nämlich macht es sehr glücklich, dass mein eigener Glücks-Ratgeber seit über 30 Wochen die Sachbuch-Bestsellerliste anführt.

Das ist aber nicht nur Glück, sondern liegt auch daran, dass dieses Buch einige Kriterien erfüllt, die einen guten Ratgeber ausmachen. Das wären vor allem: ein Thema, das in der Luft liegt; ein Autor, der was davon versteht, und, klar, ein Verlag, der es veröffentlicht.

Nun gab es ja schon vor meinem Glücksbuch unzählige Anleitungen, das Glück zu finden - beim anderen Geschlecht, im Beruf oder sogar in der Ehe. Aber mal ehrlich: Wenn man mit solchen Büchern wirklich glücklich werden würde, gäbe es dann so viele? Der Ratgebermarkt ist also eher ein Spiegel unserer Sehnsucht nach Orientierung. Man muss eben zur richtigen Zeit das richtige Buch vorlegen.

Ein gutes Beispiel ist Michael Winterhoffs Bestseller "Warum unsere Kinder Tyrannen werden": Eltern haben ihre Kinder schon lange vor Erfindung des Buchdrucks erzogen. Aber heutzutage haben wir immer weniger Kinder - und immer mehr Erziehungs-Ratgeber. Kein Wunder, dass viele Eltern vor lauter Grübelei über das richtige Erziehungskonzept das Wesentliche aus den Augen verlieren: ihr Kind. Da kam Winterhoff gerade recht mit seiner Warnung: Seht her, liebe Leser, euer Kind wird oder ist schon ein Tyrann, weil ihr falsch gewickelt seid. Er sagt aber auch: Ich kann euch helfen. Ihm glaubt man das.

Ein Blick auf die Liste der erfolgreichsten Ratgeber macht nämlich deutlich: Ausgewiesenes Expertentum schafft Vertrauen. Tyrannen-Bändiger Winterhoff ist Facharzt für Kinderpsychiatrie, "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" erklärt uns der promovierte Philosoph Richard David Precht. Und, ja, auch auf meinen Büchern steht, dass ich "Dr. med." bin - schließlich drehen sie sich um körperliche und seelische Gesundheit. Wir Deutschen sind nun mal expertengläubig.

Der Haken ist nur: Schlau sein genügt nicht. Der Autor muss auch eine verständliche Sprache finden. Ich hätte mein Glücks-Buch auch "Kognitive Verhaltenstherapie in der Prävention der Depression" nennen können - fachlich korrekt, aber nur mittelmäßig ansprechend. Das Geheimnis ist also, nicht nur aufs Hirn, sondern auch auf die Sinne zu zielen: Ein guter Ratgeber bringt uns auch zum Schmunzeln, zum Seufzen, zum Staunen. Wir lernen durch Geschichten, die wir uns merken können - das vergessen viele Autoren. Stattdessen belehren und maßregeln sie ihre Leser, besserwisserisch von oben herab.

Nun hofieren die Medien erfolgreiche Ratgeber-Autoren auch so, als hätten die den Stein der Weisen entdeckt. Das ist erst mal schmeichelhaft, erzeugt aber im schlimmsten Fall beim Leser ein schlechtes Gewissen. Er denkt: "Aha, so und so geht´s, ist ja ganz einfach." Und wenn er scheitert, denkt er: "Ich bin der einzige Depp, der immer noch raucht, zu langsam liest und seine Zeit ungemanagt vertrödelt - obwohl es doch so simpel sein soll, das in den Griff zu bekommen."

Gelungene Gegenbeispiele sind Allen Carrs "Endlich Nichtraucher" und Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein", weil sie wissenschaftliche Fakten ernst nehmen und zugleich anregen, das eigene Scheitern mit ironischer Distanz zu beobachten. Prominenz mag für den Einstieg hilfreich sein. Doch eine Bestseller-Auflage erreicht man nicht durch massive TV-Präsenz oder Marketing. Für mein letztes Buch habe ich innerhalb von drei Monaten jeden Tag Auftritte im Fernsehen oder Radio gehabt oder Interviews gegeben. Es war eine Ochsentour.

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Autor:  Eckart von Hirschhausen
Datum:  13 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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