Wenn der große Bariton und Liedersänger Thomas Quasthoff etwas bekräftigen will, sagt er: „Darum geht es!“ Energisch wie er ist, bekräftigt er sehr vieles, am Ende weiß man dann gar nicht mehr so recht, worum es nun eigentlich geht. Nur eins ist klar: Es geht um „das Lied“. Vor einem halben Jahr hat Quasthoff zusammen mit dem Intendanten des Berliner Konzerthauses, Sebastian Nordmann, seine Pläne für eine neue Liederreihe vorgestellt, heute um 20 Uhr startet sie im Kleinen Saal mit Annette Dasch.
Die vierteilige Reihe heißt „Ein Abend mit...“; das ist eine Kampfansage an den vertrauten „Liederabend“, denn die tradierten Konzepte taugen nicht mehr, laut Quasthoff. Wechselnd polemisiert er gegen den Herrn im Frack, der mit gespitzten Lippen Lyrik singt, oder gegen den ungebildeten Nachwuchs. Darum setzt „Ein Abend mit ...“ auf Personalisierung: Was ein Lied ist, soll uns ein vertrauenswürdiger Künstler erklären. Und es geht um noch mehr.
Und alle!
Mal geht es, darauf will Nordmann immer wieder hinaus, um die Einbindung des Liedes ins Gesellige. Es soll auch mitgesungen werden, wie das zu Schuberts Zeiten selbstverständlich war. Dann geht es wieder um die klare Trennung von Sender und Empfänger, wenn Quasthoff als Anwalt der Betroffenheitsästhetik erzählt, wie er einmal mit der „Winterreise“ das Publikum der Mailänder Scala bis zur Applausunfähigkeit erschüttert hat.
Worum geht es nun also? Gibt es wirklich ein Problem mit dem Lied? Ist es nötig, dass Quasthoff mit den Geldern der Familie Oetker und Johanna Quandt alle zwei Jahre einen hochdotierten „International Song Competition“ namens „Das Lied“ ausschreibt, um „diese Kunstform zu bewahren“?
Zunächst hat Nordmann nicht recht, wenn er meint, es gäbe in Berlin keine Liederabende mehr. Zwar hat die Konzertdirektion Adler tatsächlich schon lange keine Liederabende mehr im Angebot, aber an der Philharmonie gibt es noch immer die Reihe „Liedkunst – Kunstlied“, bei der Quasthoff selbst gesungen hat; heute heißt sie „Umsungen − die Welt der Vokalmusik“. Außerdem organisiert der Sänger Sebastian Noack seit Jahren im Musikinstrumentenmuseum das „Meisterlied“. Von den Liederabenden an Deutscher und Staatsoper ganz zu schweigen.
Auf dem Markt werden zahlreiche Lieder-CDs veröffentlicht, lauter „Winterreisen“ in verschiedenen Varianten (mit Frauenstimme, mit Hammerklavier, mit Drehleier). Matthias Goerne singt einen bedeutenden Teil des Schubertschen Liedschaffens ein. Der Pianist Graham Johnson begleitet Heerscharen von Sängern bei Schubert-, Schumann- oder Brahms-Aufnahmen.
Was als „Problem“ empfunden wird, ist vielleicht weniger eine Missachtung des Lieds als eine gesteigerte Sensibilität für dessen differenzierte Soziologie, durch die das Liederabend-Format tatsächlich an Autorität verliert. Der Gedanke, es wieder der Geselligkeit zuzuführen, wird ja bereits in „Annettes Dasch-Salon“ erfolgreich umgesetzt: Die Berliner Sopranistin bewährt sich hier als Interpretin, Gastgeberin und schließlich als Gesangsanimateurin ihres Publikums.
Dass jedoch so etwas wie der „Dasch-Salon“ kein Rahmen etwa für die „Winterreise“ ist, hat Schubert erfahren, als er sie in geselliger Runde erstmals vortrug: Der Freundeskreis reagierte konsterniert auf diesen „Zyklus schauerlicher Lieder“. Für solche Einsamkeiten und ihre Fortsetzungen bei Schumann bis Pfitzner taugt das zwanglose Ambiente nicht, aber auch der Konzertsaal ist für derlei subjektive Kunst nicht ideal. Solche Lieder finden in der intimen Situation zuhause am CD-Player wohl nicht den schlechtesten Ort.
Zum Spektrum zwischen Geselligkeit und Intimität gesellt sich schon bei Schumann das Lied für den Salon und das brillante Konzertlied, das später von Hugo Wolf und Richard Strauss aufgegriffen wurde. Richtig unübersichtlich wird es, wenn man den deutschen Sprachraum hinter sich lässt und auch das so nationalstolze wie falsche Vorurteil, es gäbe dergleichen anderswo nicht, sogar die Franzosen sprächen von „le Lied“. Das tun sie nur, weil sie sich dafür interessiert haben, was hierzulande passiert, während man in Deutschland von den „Mélodies“ westlich des Rheins hochmütig keine Kenntnis nahm, und noch immer hört man in unseren Konzertsälen diese Liedkunst, der es eher auf artistische Delikatesse in der Verbindung von Wort und Ton ankommt als auf den authentischen
Gefühlsausdruck, zu selten.
Genug verzweifelt
„Das Lied“ hat damit vor allem ein Repertoire-Problem. Auch wenn in dieser Gattung größeres als die „Winterreise“ nicht geschrieben wurde, will man durchaus auch mal eine musikalische Lyrik hören, die nicht von Verzweiflung und Tod handelt und in der Hauptsache von Baritonen verkörpert wird. Mag sein, dass diese Stimmlage von vornherein belastet ist mit Ausdruckserwartungen und deswegen die Soprane mit Entdeckungen vorangehen: Christine Schäfer, deren kühle Stimme Schubert, Schumann oder Brahms aus gleichsam französischer Distanz vorträgt.
Sandrine Piau, die auf ihren delikat zusammengestellten Fin-de-siècle-Programmen „Invocation“ und „Après un rêve“ Lieder aus ganz Europa singt. Christiane Karg mit ihrer bunt durch die Zeiten springenden Jahreszeiten-CD „Verwandlung“. Anna Prohaska mit ihren „Sirène“-Liedern von der Gregorianik bis zur Gegenwart.
Seltsam, dass Quasthoff selbst sich so gar nicht herausgefordert sieht. Auf seinen Lieder-CDs sind Loewe und Liszt noch die originellsten Namen, und auch bei seinem Lied-Wettbewerb schwört er auf das deutsche Repertoire und bevorzugt eine Vortragsweise, die den Hörer expressiv und schauspielerisch packen soll. Umso höher ist es ihm und Nordmann anzurechnen, dass es neben dem heutigen „Abend mit ...“
Annette Dasch und einem letzten mit Quasthoff selbst auch „Abende mit ...“ Christine Schäfer und Anna Prohaska geben wird. Denn seine Konturen kann auch das deutsche Kunstlied nur schärfen, wenn es mit den Stilen und Vortragsweisen anderer Sprachräume konfrontiert wird. Aber das geschieht an anderen Orten auch: In der Philharmonie singt am 30. Oktober Dmitri Hvorostovsky Liszt, Fauré, Tschaikowsky, Tanejew.
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