Vielleicht hätte ich ohne Anny Schlemm die warmherzige Vielfalt von Puccinis Frauenfiguren niemals kennen gelernt, und also wäre mir Puccini nicht bereits in früher Jugend zu einem Opern-Lieblingsautor geworden. Es gab in den fünfziger Jahren an der Frankfurter Oper, mit Wolfgang Rennert am Dirigentenpult und Anny Schlemm in den weiblichen Hauptrollen, eine fast vollständige Neuinszenierungs-Serie der Puccini-Opern, und nahezu am eindrucksvollsten blieb mir "La Fanciulla del West" (selbstverständlich auf Deutsch) in Erinnerung - und auf der Bühne Anny Schlemms mädchenhafte Herzlichkeit, aber auch schon ein auf patente weibliche Art resolutes, draufgängerisches Wesen.
Auch an der Stimme merkte man eine allmähliche Wandlung vom zart lyrisch Sopranesken (die Rosenkavalier-Sophie war eine ihrer frühen Partien) zu größerer Fülle, dramatischer Wucht und dunkel grollender Mächtigkeit. Da kündigten sich bereits die Herodias- und Klytemnästrarollen der dann bravourös gemeisterten Strauss-Einakter an.
Doch ehe und während sich der Bogen wölbte von strahlend jugendlicher Stimmblüte zu interessant simulierter matronenhafter Dämonie und stimmlicher Kaputtheit, kreierte Anny Schlemm eine Gestalt, die gleichsam alle Facetten ihres Bühnentemperaments mobilisierte. Die Boulotte in Jacques Offenbachs Opéra bouffe "Ritter Blaubart" wurde durch Anny Schlemms Verkörperung eigentlich erst zum Leben erweckt; nie zuvor sah man einen ähnlich brodelnden erotischen Vulkan, charmant und gefährlich, im höchsten Grade selbstironisch angesiedelt an der Nahtstelle zwischen (ländlich-unsittlichem) Vamp und komischer Alter. Mit umwerfenden Vokalnuancen zwischen zärtlichem Gurren und grellfinsteren Explosionen aus den Urtiefen sonorer Vokalregister. Rund 275-mal sang Schlemm die Boulotte in der Inszenierung Walter Felsensteins an der Komischen Oper Berlin (und bei deren Remake an der Oper Frankfurt 1966) sowie in Gastspielen in aller Welt.
In den fünfziger und sechziger Jahren leistete Anny Schlemm einen ständigen Ost-West-Spagat als Ensemblemitglied in Ostberlin und an der Oper Frankfurt, der die gebürtige Neu Isenburgerin auch später verbunden blieb. Einen markanten Auftritt hatte sie dort nochmals 1989 bei den "Europeras" von John Cage. Ganz vom Theater zurückgezogen hat sie sich erst vor einigen Jahren. Ihren 80. Geburtstag am Sonntag feiert sie in ihrem neuen Wohnsitz in Graz. Am 28. Februar erscheint sie aber zu einem Festakt in ihrer Geburtsstadt, wo auch ein nach ihr benannter Preis für vokale Nachwuchstalente verliehen wird.
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