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20. Juli 2012

Anthropologie: Haben Affen religiöse Gefühle?

Nicht vollkommen ausgeschlossen werden kann, dass auch diesen thailändischen Weißhandgibbon so etwas wie religiöse Gefühle erfüllen.  Foto: imago

Schamane im Märchenwald: Ein Gespräch mit dem Anthropologen Volker Sommer über Affen und den evolutionären Sinn religiöser, insbesondere katholischer Glaubensformen nebst der Vorzüge gleichgeschlechtlicher Sexualität.

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Volker Sommer, geboren 1954 in Holzhausen am Reinhardswald, ist Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London. Freilandforschung führte ihn für zu Tempelaffen in Indien, Gibbons im Regenwald Thailands und zu Schimpansen im Bergland Nigerias.

Sie sind Affenforscher und Theologe. Wie das?
Ich weiß es nicht mehr genau. Aber weil ich das oft gefragt werde, habe ich mir eine Geschichte gebastelt, an die ich jetzt selber glaube. Ich bin aufgewachsen am Reinhardwald mit seinen mächtigen Eichen, in dem die Märchen der Brüder Grimm spielen. Nordhessen ist eigentlich keine sonderlich religiöse Gegend. Der Pfarrer tauft, konfirmiert, verheiratet, beerdigt, aber sonst ist da eher ein metaphysisches Vakuum. Kulturprotestantismus halt. Wenn meine Eltern auf dem Feld arbeiteten, habe ich deshalb im Wald gespielt. Wo die wilden Tiere sind: Schnecken, Ameisen, Schmetterlinge, Käfer. In den Grimmschen Märchen können die Menschen ja mit Tieren sprechen. Das war in meinem Kopf auch so und wuchs sich zu einer Naturreligion aus. Die Tiere und ich waren eine verschworene Gemeinschaft. Ich war der Schamane der Wirbellosen. Von dieser zoologischen Innigkeit ist es ja nur ein Schritt bis zur Hochtheologie.

        

Glaubt an die Evolution: Volker Sommer.
Glaubt an die Evolution: Volker Sommer.
 Foto: ucl

Bei Wettbewerb „Jugend forscht“ wurden Sie 1973 Bundessieger mit einer Arbeit über Schmetterlingsraupen.
Da sind wir wieder bei den Wirbellosen und wie sich meine Naturreligion mit der Hochreligion vereinigt. Schmetterlinge sind ja bunte Gedanken des Schöpfers. Und wer Gott verstehen will, sammelt die am besten in Glasdeckelkästen. Aber die Tierchen aufzuspießen fiel mir doch schwer. So baute ich im Garten Brennnesseln an, die Nahrung für die Raupen, um Schmetterlinge zu züchten. Weil ich denen so ihr Leben gab, konnte ich es ihnen auch nehmen. Außerdem rumorte weiter der Schamane in mir. Der protestierte im Namen der Kreatur beim Landkreis, als die Feldwege asphaltiert wurden. Denn vom Kraut am Rande leben ja viele Insektenlarven. Heute ist die Flur ordentlich deutsch bereinigt. Die Schmetterlinge gibt’s nicht mehr. Mit der Mischung aus hausbackener Neugier und Ökokriegertum wies ich mich jedenfalls als vielversprechender Jungforscher aus.

Und blieben dennoch in Grimms Wäldern?
Jedenfalls in den nächsten Unistädten, Göttingen und Marburg. Wobei mir das Naturwissenschaftliche erstmal wenig Spaß machte. Da musste ich Fakten büffeln, Chemie, Mathematik, Mikrobiologie. Vor lauter Bäumen sah ich den Märchenwald nicht mehr. In der Theologie war das anders, da wurde wild drauflos gedacht, garniert mit politischen Ansprüchen.

Und Sie waren noch immer fromm?
Ja. Aber nicht lammfromm, sondern so wie ein radikaler Pietist. Erweitert hat sich das, als ich für meine Doktorarbeit in Biologie das christliche Abendland verließ. Ich hatte einen Professor gefunden, Christian Vogel, der Evolutionsbiologie so lebendig lehrte, dass wir in uns den Affen hopsen spürten. Speziell indische Tempelaffen, die waren seine Spezialität. So landete ich in Rajasthan. Erst habe ich 15 Monate und als Post-doc noch einmal über ein Jahr in einem Shiva-Tempel gewohnt. Von da konnte ich meine Studiengruppen erreichen, ohne durch die Stadt zu müssen. Bei den Hindus lernte ich viele Götter kennen. Ans Herz wuchsen mir Krishna und Rama und deren Erleuchtungen. Wozu ja sympathischerweise auch Erotik als wichtiger Trainingsgrund gehört. Mein religiöses Mantra wurde dann: Das göttliche Licht ist weiß und unsichtbar. Das Prisma der etablierten Religionen zerlegt es in Farben. Glaubensrichtungen huldigen also Teilaspekten des Göttlichen. Da stellte sich die Wahrheitsfrage nicht mehr. Sondern die nach dem, was Religionen verbindet.

Wie sieht der Tag von einem Tempelaffenbeobachter aus?
Um vier stand ich auf, fuhr im Dunkeln mit dem Motorrad über Holperstraßen zum Streifgebiet einer Studiengruppe. Dann blieb ich den Affen bis Sonnenuntergang auf den Fersen. Die waren perfekt an mich gewöhnt und rannten nicht weg. So war das zwanzig Tage im Monat. Für die jeweiligen Affen, ihre Verhaltensweisen, die Pflanzen und Geländemarken hatte ich ein Stenographiersystem. Damit füllte ich auf einem Protokollbrett Seite um Seite. Heute ist diese traditionelle Methode ergänzt durch Laborarbeiten. Kotproben sind da eine Goldgrube, weil sich daraus Daten zur Genetik gewinnen lassen, zu Verwandtschaftsverhältnissen, zur Ernährung, zum Menstruationszyklus oder zum Stresslevel.

Und was war Ihr wichtigstes Ergebnis?
Wenn ein neues Männchen einen Konkurrenten vertrieb, brachte er die vom Vorgänger gezeugten Kinder um. So kann er schneller eigene machen. Die Infantizide verfolgen mich noch immer im Traum. Dabei hätten sie gar nicht vorkommen dürfen, weil Konrad Lorenz gelehrt hatte, dass ein Kindchenschema instinktiv Betreuungsverhalten auslöst und dass das Verhalten von Tieren der Arterhaltung dient. Kindstötungen widersprechen der Evolutionstheorie aber nur scheinbar. Was ich da beobachten musste, trug dazu bei, das sich die modernere Theorie vom Egoismus der Gene durchsetzte.

Das passt aber nicht zur Lehre von der Nächstenliebe.
Man kann sich da halbwegs aus der Affäre ziehen, weil es für den wahren Egoisten ja besser ist zu kooperieren.

Wie ging denn die Laufbahn als Theologe weiter?
Offiziell endete die bald. Denn Pfarrer konnte man nur in einer Landeskirche werden. Meine war die Kurhessisch-Waldeckische. Die war seinerzeit keineswegs progressiv drauf. Wer ein Gemeindeamt haben wollte, musste heiraten. Was speziell für meine schwulen Kommilitonen ein Problem war.

Was sagt der Evolutionsbiologe zu schwulen Theologen? Die dürfte es doch gar nicht geben.
Schon Kindestötungen waren ja ein Phänomen, das auf den ersten Blick dem Prinzip der natürlichen Auslese widersprach. Deshalb besaß ich bereits ein Auge für den zweiten Blick. Und schrieb über das biologische Paradox vom gleichgeschlechtlichen Sex eines meiner ersten Bücher. Da zeigte ich, dass Homo-Sex im Tierreich gang und gäbe ist und beispielsweise Allianzen kitten kann. Oder indirekte Fortpflanzung durch Unterstützen von Blutsverwandten ist. Da lässt sich auch die schwule Klerisei unschwer unterbringen.

Alles muss sich irgendwie auszahlen? Klingt nach trivialem Neokapitalismus.
Ist es sicher teilweise. Weil ja wissenschaftliche Theorien auch immer Kinder ihrer Zeit sind, und ich nun mal in der Besatzungszone der Amerikaner aufwuchs, die uns befreit haben mit Kaugummis und anderem Konsum. Aber zugegeben, um alles nach Kosten und Nutzen zu bilanzieren, braucht man grobe Schablonen. Im Moment beschäftige ich mich gerade mit dem Problem, warum wir gerne so schwarz-weiß denken. Also Hetero und Schwul, Männlich und Weiblich, Roh und Gekocht, Gut und Böse. Dualistisch einzuteilen, fällt uns leicht, und Kategorien geben Orientierung.

In Schwarz-Weiß sehen aber sicher die Affen ihre Welt?
Das bezweifele ich, eben weil das menschliche Kategoriendenken starke historische Dimensionen hat. Das kulturelle Gedächtnis anderer Primaten ist sicherlich kürzer, und deshalb sind auch die sozialen Normen lockerer. Jedenfalls ist die Vorstellung überholt, Affen würden ihren Instinkten folgen, wären also determiniert. Statt Uniformität finden wir auch bei ihnen Flexibilität. Die indischen Tempelaffen beispielsweise bilden mancherorts Harems mit einem Männchen und vielen Weibchen, anderswo aber Gruppen, in denen Weibchen mit vielen Männchen leben.

Sind Affen religiös?
Um sich Göttliches vorzustellen, müssen wir uns mental in eine Anderswelt begeben. Das können andere Primaten vielleicht auch. Beispielsweise verhalten sie sich angesichts eines toten Artgenossen offenbar nachdenklich. Warum sollte das nicht mit dem Gefühl eigener Endlichkeit einhergehen? Bei aufkommendem Gewitter veranstalten manche Menschenaffen einen Regentanz. Oder sitzen gedankenversunken vor einem rauschenden Wasserfall. Oder sinnieren in die sinkende Sonne. Denkbar, dass sie dabei ähnliche mystische Visionen haben wie manche Menschen. Jedenfalls können sie sich aus dem Hier und Jetzt ausklinken.

Dass wir uns Übernatürliches vorstellen können, belegt aber nicht, dass es das Supranaturale auch gibt?
Im Gegenteil. Weil keine Belege dafür existieren, bin ich Atheist. Was mich selbstredend weder am Meditieren hindert noch daran, bei einer Bachmesse zu Tränen gerührt zu sein. Ich will mich aber nicht dadurch definieren, dass ich an etwas nicht glaube. Deshalb bezeichne ich mich als Humanisten. Doch als bekennendem Säugetier klingt mir das zu menschenzentriert, weshalb der Ausdruck „evolutionärer Humanismus“ besser ist. Da steckt mehr Zoo drin, also Natürliches und Tierisches.

Also wieder eine Naturreligion, wie einst im Grimm’schen Wald?
Nicht ganz, weil Religionen ja ewige Werte behaupten, die wir nicht hinterfragen dürfen. Wir müssen aber unsere Ideen austauschen und besprechen und verändern können, um uns auf Normen zu einigen. Die wir wiederum brauchen, weil wir als soziale Tiere aufeinander angewiesen sind. Endgültige Positionen kann es nicht geben.

Das Gespräch führte Arno Widmann.

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