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08. Juni 2015

Antisemitismus in Deutschland: Der gebildete Antisemit

 Von 
Die Bundeskanzlerin im September 2014 in Berlin.  Foto: REUTERS

Der Antisemitismus, so die Erkenntnis der Forscherin Monika Schwarz-Friesel, grassiert gerade unter Gebildeten. Und: „Die Gegenwehr schwindet.“ Ein FR-Gespräch über deprimierende Entwicklungen, die im Windschatten einer Überdruss-Mentalität Platz finden.

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Frau Professor Schwarz-Friesel, der Zentralrat der Juden warnte Anfang des Jahres davor, mit der Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung, in bestimmte Ecken deutscher Großstädte zu gehen. Wie ergeht es Juden in der virtuellen Welt des Internets?
Ganz ähnlich. Sie müssen mit heftigsten Beschimpfungen rechnen, mit brutalsten Gewaltfantasien bis hin zu Morddrohungen: „Ich würde gern mal einen Juden zu Tode quälen“ – solche Ungeheuerlichkeiten sind keineswegs die Ausnahme. Wir registrieren regelrechte antisemitische Hasswellen, die nach dem Gazakrieg 2014 noch einmal an Stärke und Aggressivität zugenommen haben und die neuerdings den gesamten Raum öffentlicher Kommunikation überfluten, also nicht nur den rechtsextremen Rand.

Wo liegt der Unterschied zur Vergangenheit?
Unsere Untersuchung aller Briefe und E-Mails an den Zentralrat und die israelische Botschaft hat ergeben, dass nur je drei Prozent der Absender rechts- bzw. linksradikal sind. Etwa 14 Prozent kommen aus dem jeweiligen ideologischen Randmilieu, mehr als 65 Prozent hingegen aus der „Mitte der Gesellschaft“: sehr viele Hochgebildete, mit Name und Anschrift, mit Angabe des Berufs und akademischer Grade. Deren emotionales Bedürfnis, unter dem Deckmantel der sogenannten „Israelkritik“ judenfeindliches Gedankengut zu verbreiten, schiebt historische und sprachliche Hemmnisse beiseite. Gleichzeitig schwindet die Gegenwehr.

Woran machen Sie das fest?
Wir verzeichnen quantitativ in unseren Untersuchungen einen Rückgang der Stimmen, die antisemitischen Parolen im öffentlichen Diskurs entgegentreten. Und wenn ich an die Kundgebung gegen Antisemitismus voriges Jahr in Berlin mit allen Spitzenvertretern des Staates denke, alarmiert mich die geringe Zahl an Teilnehmern bis heute: 5000 Leute, das ist nichts!

Was ist mit islamisch oder islamistisch motiviertem Antisemitismus?
Auch dieser nimmt zu – der Zahl wie der Heftigkeit nach.

Zur Person
Monika Schwarz-Friesel.

Monika Schwarz-Friesel, Jg. 1961, ist Professorin für allgemeine Linguistik an der TU Berlin. Nach ihrem Studium der Philologie und pädagogischen Psychologie in Köln hat sie dort promoviert und habilitiert. Der Antisemitismus im 21. Jahrhundert ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Zum Antisemitismus im Internet leitet sie ein großes, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Forschungsprojekt.

Ihre neueste Veröffentlichung zum Thema ist der Sammelband „Gebildeter Antisemitismus. Eine Herausforderung für Politik und Zivilgesellschaft. Nomos-Verlag 2015, 318 Seiten, 59 Euro.

Gibt es einen antisemitischen Bodensatz auch in den neuen politischen Bewegungen?
Von den etablierten Parteien hat Die Linke eindeutig das größte Problem. Die rechtspopulistische AfD ist in dieser Hinsicht bislang vereinzelt auffällig geworden. Unter den Demonstranten der Pegida, diesem ideologischen Sammelsurium, tummeln sich auch Antisemiten. Die Deutungsmacht haben sie dort – noch – nicht gewonnen.

Trotzdem gilt: Der Antisemitismus ist überall?
Nicht zuletzt in den Medien! Denken Sie an die heftige Debatte 2013 über den Journalisten Jakob Augstein und seine Kolumnen. Einem so gut gebildeten Mann sollte bekannt sein, dass Sätze wie „Orthodoxe Juden folgen dem Gesetz der Rache“ oder „Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen“ uralten antisemitischen Stereotypen folgen. Gegen diesen Vorwurf hat es damals sofort Abwehrreflexe gegeben – aus meiner Sicht ein Versagen der Gesellschaft und eine verpasste Chance.

Welche Chance, und wie hätte man sie nutzen sollen?
Indem man weniger Energie auf die Frage verwandt hätte, ob Augstein auf die Liste der schlimmsten Antisemiten gehört oder welchen Platz er in einem solchen Ranking bekommen müsste. Stattdessen hätte man zeigen sollen, wie antisemitische Stereotype und Klischees in aktuellen Debatten codiert werden und ihre Wirkung entfalten. Denn das ist die eigentliche Gefahr.

Inwiefern?
Historisch gesehen, ist der Satz vom Antisemitismus, der in der Mitte der Gesellschaft „angekommen“ sei, falsch. Antisemitismus war immer zunächst ein Phänomen der Gebildeten. Er ging von den Schreibtischen der Gelehrten aus, von den Theologen und Hofpredigern, von Philosophen, Juristen und Journalisten. Das wissen viele nur nicht, weil 1900 Jahre Judenfeindschaft gegenüber den zwölf Jahren der NS-Herrschaft in den Hintergrund treten. Oder anders gesagt: 60, 70 Jahre Aufklärungsarbeit in der Nachkriegszeit stehen gegen zwei Jahrtausende kulturell tradierte Judenfeindschaft. Auch deshalb ist die Annahme gefährlich, verbale Gewalt sei ja nicht so schlimm.

Was ist also zu tun?
Da muss ich Sie enttäuschen. Ich habe kein originelles Rezept, sondern kann nur sagen: Bildung, Aufklärung, Beharrlichkeit. Darauf kommt es an. Deprimierend ist zweierlei. Zum einen die Überdruss-Mentalität, nicht nur bei jungen Leuten: „Ich kann das Wort Holocaust nicht mehr hören, ich kann das Wort Jude nicht mehr hören, ich bin diese Debatten über Antisemitismus leid“, heißt es in vielen Briefen an den Zentralrat oder die israelische Botschaft. Parallel dazu nimmt der Antisemitismus aber zu. Das ist das zweite deprimierende Moment.

Ist trotzdem etwas dran an dem Überdruss, der womöglich von einem Gefühl herrührt, mit dem Antisemitismus-Vorwurf werde sehr schnell hantiert, sobald Israel in die Kritik gerät?
Das angebliche „Meinungsdiktat“, das Kritik an Israel unmöglich mache, ist eindeutig selbst ein antisemitisches Klischee. Wir haben empirisch klar zeigen können, dass es faktisch keinerlei Hemmungen, Rücksichten oder Selbstbeschränkungen in Bezug auf Israel gibt. Im Gegenteil: Kein Staat dieser Welt und nicht einmal diktatorische oder erwiesenermaßen verbrecherische Regimes werden so heftig attackiert wie Israel. Umgekehrt ist mir – ganz ehrlich – noch nie jemand begegnet, der in antisemitische Muster abgleitet, wenn er wirklich nur Kritik an der Politik Israels üben will.

Ein Beispiel: Unter dem Eindruck der Sperrmauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten oder der Realität der Besatzung fühlen sich viele, selbst wohlmeinende Besucher Israels an die Ghettos der 1930er und 1940er Jahre erinnert.
Diese NS-Analogie ist der typische Fall einer historischen Derealisierung. Wenn Sie sich klar machen, was in den jüdischen Ghettos der Nazizeit passiert ist, dann hat die gegenwärtige Situation damit nichts zu tun. Es gibt keine Schnittmenge, keine echte Vergleichsgröße zwischen dem Holocaust und der Besatzung. Wer diese NS-Analogie herstellt, spielt den überzeugten Antisemiten in die Hände, für die Israel die Verkörperung allen Übels in der Welt ist, weshalb es ausgelöscht werden müsse .

Interview: Joachim Frank

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