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Antisemitismusforschung: Geschlossene Weltbilder

"Dem klassischen Antisemitismus ist nicht mit rationalen Argumenten beizukommen"

Was kann man für die Bekämpfung beider Phänomene an Schlussfolgerungen ziehen?
Meine Tochter ging in Hamburg und geht jetzt in Berlin in eine Schule mit hohem Migrantenanteil. Der können Sie so schnell keine Vorurteile mehr einpflanzen, die Kinder lernen sich dort kennen, lernen und leben zusammen. Da könnte man also pädagogisch viel machen. Dem klassischen Antisemitismus als Welterklärungsideologie, das wissen wir aus der Geschichte, ist leider nicht mit rationalen Argumenten beizukommen. Deswegen möchte ich auch ein Forschungsprojekt anregen, das Antisemitismus als Emotion in den Blick nimmt.

Könnte es sein, dass die Kritiker Ihres Vorgängers, Wolfgang Benz, ihm die vergleichende Forschung auch deshalb übelgenommen haben, weil der Antisemitismus derzeit gerade auch in der islamischen Welt besonders aggressiv ist?

Zur Person
Stefanie Schüler-Springorum.

Stefanie Schüler-Springorum, Jg. 1962, war von 1994 bis 1995 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung „Topografie des Terrors“. Seit 2001 leitete sie das Institut für die Geschichte der Deutschen Juden in Hamburg, seit Juni 2011 ist sie Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung.

Ja, ich denke, dass sich das damit gemischt hat. Hier am Zentrum ist Platz für beides, die Erforschung des Antisemitismus und die Erforschung von Ressentiments gegen andere Gruppen, etwa Muslime. Wobei die Erforschung des Antisemitismus die Kernaufgabe bleibt. Es widerspricht sich aber nicht, Feindschaft gegen Muslime und deren Antisemitismus zu erforschen.

Um dabei zu bleiben: Ist der Antisemitismus, den Muslime aus der islamischen Welt mitbringen, ein Import oder ein Re-Import?
Da streiten sich ja die Gelehrten. Ich bin keine Islamwissenschaftlerin und ich werde das auch nicht werden. Aber ich habe noch eine freie Stelle, die demnächst für Islamwissenschaften ausgeschrieben wird. Es ist wichtig, dass wir hier am Zentrum Fachleute auch dafür haben.

Wir reden jetzt schon eine ganze Weile über den Antisemitismus und haben noch kein einziges Mal das Wort „Israel“ benutzt. Erstaunlich, oder?
Ich bin auch keine Nahostexpertin (lacht).

Die Linkspartei hat neulich eine intensive Auseinandersetzung um den Antisemitismus in den eigenen Reihen geführt. Wie kam Ihnen diese Debatte vor?
Ich fand sie wichtig. Und ein paar Sachen, etwa die Boykottaufrufe gegen Israel in Bremen und das holocaustleugnende Flugblatt in Duisburg, fand ich schon beeindruckend. Diese Debatte war überfällig. Aber dass man dann Resolutionen verabschiedet, in denen man Israel anerkennt, sind schon seltsame Blüten. Man könnte sich aber auch interne Diskussionen anderer Parteien ansehen – insbesondere auf Ortsverbandsebene will ich nicht immer dabei sein, wenn es etwa um Entschädigungszahlungen geht.

Was ist das spezielle am Antisemitismus von links?
Zum einen und aktuell der Bezug auf Israel. So wurde ja auch die Debatte bei der Linken ausgelöst. Und dann hat man historisch gesehen immer mal wieder versucht, den Antisemitismus als Antikapitalismus zu instrumentalisieren.

Letzte Frage: Wohin möchten Sie das Institut steuern?
Ich möchte uns international noch stärker vernetzen. Es wird eine intensive und institutionalisierte Kooperationen mit Haifa, Tel Aviv, London, New York und Yale geben, wo es überall Zentren gibt, die an dem Thema arbeiten. In der internationalen Antisemitismusforschung tut sich gerade sehr viel. Und dann will ich die Antisemitismusforschung in Deutschland mehr als bisher zeitgeschichtlich verorten. Unsere Themen gehören auch in die Debatten und auf die Konferenzen der allgemeinen Zeithistoriker, etwa wenn es um das politische Klima in der frühen Bundesrepublik geht, um die Verarbeitung der NS-Vergangenheit in der DDR oder um die Bedeutung von „1968“ in Ost- und Westeuropa – um nur einige Themen zu nennen. Antisemitismusforschung ist keine isolierte Geheimwissenschaft, sondern Teil der allgemeinen Gesellschaftsgeschichte, die besonders produktiv interdisziplinär betrieben werden kann und sollte.

Das Gespräch führte Jan-Philipp Hein.

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Datum:  23 | 8 | 2011
Seiten:  1 2
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