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22. März 2012

Apple-Bashing: Die erfundenen Geschichten von Mike Daisey

 Von Christian Schlüter
Mike Daisey spielt den Aufklärer in „The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs“.  Foto: dapd/Stan Barouh

Er habe den chinesischen Apple-Zulieferer Foxconn besucht und katastrophale Arbeitsbedingungen gesehen, behauptete der Schauspieler Mike Daisey in seinem Stück „The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs“. Ein US-Radiosender zweifelte daran - zurecht.

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Wie kann das sein: eine Geschichte, die gelogen ist und trotzdem wahr? Der Sachverhalt stellt sich folgendermaßen dar: Letztes Jahr hat der amerikanische Schauspieler Mike Daisey im New Yorker Public Theater sein Ein-Personen-Stück „The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs“ mit großem Erfolg aufgeführt.

Darin geht es um die unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei Foxconn im chinesischen Shenzhen, einer der großen Produktionsstätten für die Computer des Apple-Konzerns. Daisey behauptete nun nicht nur auf der Bühne, sondern auch in zahlreichen Interviews, er sei vor Ort gewesen und habe ausführliche Recherchen betrieben, alles, was er beschreibe, habe er tatsächlich selbst erlebt.

Keine gute Figur beim Fakten-Check

Genau das stimmt nicht, wie jetzt in der Radiosendung „This American Life“ ausführlich dargelegt wurde. Auf www.thisamericanlife.org war zuvor ein Podcast von Daiseys Show gelaufen, er gehörte zu den beliebtesten Sendungen. Die Redaktion hatte deren Wahrheitsgehalt durch einen „Fakten-Check“ beglaubigt, dann aber Zweifel bekommen, ob der Schauspieler wirklich alles selbst erlebt habe, nachdem Rob Schmitz, ein China-Korrespondent beim Wirtschaftsportal marketplace.org, mit einigen Ungereimtheiten vorstellig geworden war. Und so stellte man Daisey zur Rede: Ira Glass, der verantwortliche Redakteur, hatte viele Fragen und grillte den Mann nach allen Regeln der journalistischen Kunst.

Mike Daisey machte hier keine gute Figur. So behauptete er ursprünglich, eine Übersetzerin namens Cathy hätte ihm zur Seite gestanden, auf Nachfrage erklärte er dann, sie heiße eigentlich Anna und sei leider nicht mehr erreichbar. Mit der Hilfe von Rob Schmitz konnte Ira Glass aber Cathy, wie sie sich tatsächlich nennt, ausfindig machen und befragen.

Dabei kam heraus, dass sie den China-Besuch von Daisey ganz anders in Erinnerung hat: Zwar sei er in China und auch in Shenzhen gewesen, Hunderte von Arbeitern, wie er behauptete, habe Daisey bei seinem sechstägigen Aufenthalt allerdings weder gesprochen noch getroffen. Vielmehr sei es zu einigen wenigen Begegnungen gekommen.

Ungereimtheiten und Halbwahrheiten

Diese Details verweisen nur auf einige der vielen Ungereimtheiten und Halbwahrheiten bei Daisey. Und somit läuft alles auf die Frage hinaus, warum er gelogen hat. In der Sendung wusste er darauf keine Antwort zu geben. Er machte quälend lange Pausen und sah sich zu einer Reihe von Geständnissen genötigt: Ja, es sei richtig, dass er, anders als von ihm behauptet, nicht sagen könne, ob die Arbeiterinnen, mit denen er gesprochen habe, erst zwölf Jahre alt gewesen seien; nein, er habe wohl nicht solche Arbeiter getroffen, die ohne Schutzvorrichtung mit hochgiftigen Lösungsmitteln hantierten; und, nun ja, er sei nicht einmal vor den Toren von Foxconn mit Arbeitern zusammengekommen …

Im Laufe der einstündigen Sendung blieb von Mike Daisey nicht viel übrig. Zum Schluss äußerte er noch, Furcht zu haben, will aber nicht sagen, wovor: „I can’t say it.“ Vermutlich dämmerte ihm, dass er gerade vor dem Scherbenhaufen seiner Karriere steht. Denn schließlich wurde er in den letzten Monaten als Kronzeuge gegen Apple in Stellung gebracht.

Der Konzern musste um sein Schöne-heile-Designerwelt-Image fürchten und unter dem zunehmenden öffentlichen Druck versprechen, für eine nachhaltige Verbesserung der Arbeitsbedingungen in seinen chinesischen Produktionsstätten zu sorgen. Daisey hat dies voller Befriedigung auch als seinen Erfolg verbucht.

Eine Art amerikanischer Günter Wallraff

Auch der Autor dieser Zeilen ist in einem Artikel der Berliner Zeitung davon ausgegangen, Daiseys China-Berichte seien authentisch: „Ohne behördliche Genehmigung führte der Amerikaner zahlreiche Interviews vor den Werkstoren von Foxconn, jenes riesigen Fabrikmolochs, über den man sich im letzten Jahr kurz empörte – wegen der menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und der vielen Selbstmorde der zumeist minderjährigen Arbeiter.“

Außerdem wurde Daisey hier mit den Worten wiedergegeben: „Als ich nach Shenzhen fuhr, habe ich schon damit gerechnet, dass es schlimm sein würde, sehr viel schlimmer, als ich mir überhaupt vorstellen könnte, schließlich führe ich ein einigermaßen komfortables Leben. Aber der Grad der Entmenschlichung war dann doch ein Schock.“

Als Schauspieler und Künstler steht es Daisey selbstverständlich zu, eine Geschichte zu erfinden oder „freier“ zu gestalten. Nur verfängt der Hinweis auf die künstlerische Freiheit bei ihm nicht, weil er für sich selbst ausdrücklich in Anspruch nimmt, auch als „Journalist“ zu arbeiten, und weil die durch das eigene Erleben verbürgte „Echtheit“ integraler Bestandteil seiner Bühneninszenierungen ist.

So hat er als eine Art amerikanischer Günter Wallraff inkognito bei Wal Mart und bei Amazon gearbeitet und sich sogar den Scientologen angeschlossen – und darüber jeweils seine Ein-Personen-Stücke aufgeführt. Mike Daiseys Kunst ist deshalb nicht einfach selbstzweckhaft, sondern muss authentisch sein.

Und so ist die paradoxe Situation entstanden, dass Daisey von dem, was er über Foxconn und Apple sagte, nichts und zugleich alles zurückzunehmen hat. Er war angetreten, mit persönlicher Betroffenheit sein Publikum zu erreichen wach zu rütteln. Diese seine pädagogische oder politische Mission ist gescheitert, und zwar vollständig. Kunst darf alles, aber sie kann nicht alles. Über die Wahrheit verfügt sie nicht nach Belieben.

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