Herr Volodos, was ist geniales Klavierspiel?
Ich muss Sie enttäuschen. Das lässt sich mit Worten nicht ausdrücken.
Arcadi Volodos, 1972 in Sankt Petersburg geboren, entschloss sich mit 15, Pianist zu werden. Er studierte in Moskau, Paris und Madrid und begann um die Mitte der neunziger Jahre seine internationale Karriere. Volodos lehnt Musikwettbewerbe als Kompetenznachweis ab. Viele sehen in ihm den begabtesten Pianisten seiner Genera-tion. Am Montag, 22. März, spielt er in der Alten Oper Frankfurt Werke von Albeniz, Schumann und Liszt. Weitere Konzerte: 24. März in München, 30. März in Tübingen. Seine neue CD (Sony) trägt den Titel "Volodos in Vienna". ( fr)
Gleichwohl hat einer Ihrer Kollegen die Frage nicht nur gestellt, sondern auch beantwortet. Geniales Klavierspiel, sagt Alfred Brendel, sei kühn und richtig zugleich. Können Sie damit etwas anfangen?
Ich verstehe es nicht. Was soll das? Genie lässt sich nicht definieren. Es ist zu selten, aber es wird als Wort viel zu häufig benutzt. Komponisten können Genies sein. Aber Pianisten? Ich glaube nicht daran.
Was unterscheidet dann eine gelungene von einer weniger gelungenen Interpretation?
Es ist sehr selten, dass eine Intepretation gelingt. Unter einhundert Konzerten, die man im Jahr gibt, sind vielleicht zwei oder drei gelungen. Gewiss gibt es einen bedeutsamen Unterschied zwischen einer gelungenen und einer nicht gelungenen Interpretation. Aber ich kann diesen Unterschied, da Musik etwas Immaterielles ist, nicht beschreiben. So wenig, wie ich Ihnen sagen kann, was Talent ist. Ich weiß nur, dass es etwas sehr Geheimnisvolles ist; etwas, das man nicht lernen kann. Zudem wäre es viel zu einfach, wenn man es wüsste und es beschreiben könnte.
Das Reden über Musik wird an diesem Punkt aber nahezu unmöglich. Wenn der Gegenstand unserer Unterhaltung ein immaterieller ist, wie und wieso reden wir dann darüber?
Man kann die emotionalen Zustände beschreiben, die Musik in uns auslöst. Aber in der Musik drückt sich das auf einer höheren Ebene aus, als dies mit Worten möglich ist. Ein Beispiel findet sich in der Vokalmusik. Stücke, die auf den gleichen Text geschrieben wurden, sind oft absolut unterschiedlich. Denken Sie nur an die Vertonungen von Puschkins Gedichten durch Rachmaninow und Nikolai Medtner: Das zeigt doch, dass die Musik mehr ausdrücken kann als die Worte. Die Musik drückt den Zustand aus, dem man sich vermittels der Worte annähert.
Töne sind also höhere Worte?
Höher würde ich so nicht sagen. Töne sind andere Worte. Den Zustand einer buddhistischen Meditation kann man doch garantiert auch nicht beschreiben. Wie sollte man es dann mit der Musik machen?
Aber wozu ist Musik in der Welt: Um sie schöner zu machen?
Letztlich ja. Und etwas darüber hinaus: Tschaikowsky wünschte beispielsweise, seine Musik möge im Herzen der Menschen Trost spenden. Oder Skrjabin: Der strebte ja sogar danach, mit manchen seiner musikalischen Mysterien die Menschen in den Zustand der Ekstase zu versetzen, damit sie dann in einem Akt der Transzendenz gemeinsam sterben könnten. Jeder Komponist hat seine eigene Konzeption von der Rolle der Musik. Fest steht nur: Musik hat mehr mit unserem inneren Leben als mit den äußeren Erscheinungen der Welt zu tun.
Hat sie einen religiösen oder zumindest spirituellen Wert?
Ich glaube, für Musiker sollte Musik schon etwas wie Religion sein. Das ist kein Beruf. Das ist eine Passion, eine andere Art zu leben.
Der Interpret als Priester?
Das Wichtige ist das Ergebnis: ob Musik imstande ist, etwas anzuregen, etwas zu bewirken. Manchmal werde ich von einem Musiker gefragt: Was meinst Du, soll ich weitermachen? Dann antworte ich: Kannst Du ohne Musik leben? Wenn das der Fall ist, dann höre sofort auf.
Eine sehr existenzielle Anschauung des Berufes. Es gibt aber auch die entgegengesetzte, nämlich die marktorientierte Interpretation, die von dem Musikwissenschaftler und Dirigenten Peter Gülke in die spöttische Frage gekleidet wurde, ob nicht bereits der Kommerz in unseren Interpretationen niste. Was halten Sie davon?
Der Interpret ist beinflussbar, natürlich. Und bei einigen Künstlern ist das so, dass sie ihre Seele an den Markt verkaufen. Beethoven aber schrieb Musik, deretwegen ihn die Menschen seiner Zeit für verrückt erklärten. Hätte er versucht, mit seinen Kompositionen materiell erfolgreich zu sein, wären kaum jene Werke entstanden, die wir noch heute bewundern.
Das berührt nun die Seite des Schöpfers, nicht die des Interpreten. Wie steht es um dessen Deutungen?
Nehmen wir Glenn Gould. Er ist für mich das beste Beispiel, wie man der Gefahr einer Kommerzialisierung entgehen kann: Indem er sich aus dem Konzertbetrieb zurückzog, bewahrte er seine künstlerische Freiheit.
Ist er ein Vorbild für Sie?
In gewisser Weise, ja.
Auch Sie verdienen Geld mit CDs und spielen Konzerte, bei denen Sie Stücke programmieren, die sich auch auf Ihrer CD wiederfinden. Würden Sie in einem leeren Saal spielen, nur der Musik wegen?
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber man muss wissen: Man verdient nicht viel mit CDs. Konzerte zu spielen, ist sinnvoller. Ohnehin wird die Zeit alles zurechtrücken. Ignaz Pleyel etwa war zu seiner Zeit über die Maßen bekannt, heute kennt man nur noch den Saal, der nach ihm benannt ist.
Sie selbst spielen vorwiegend Stücke der Romantik, Spätromantik und des Impressionismus, wenn wir Skrjabin dazu zählen wollen. Liegt in der Auswahl des Repertoires auch ein Bekenntnis zum romantischen Subjektivismus?
Das mag sein. Aber was soll ich machen: Es gibt viel zu viele Stücke. Busoni sagte einmal, das Leben reiche nicht, um die Hammerklaviersonate von Beethoven zu spielen.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen