Nicht erst seit der scheinbar so endgültig programmatischen Formel „form follows function“ (Louis H. Sullivan) oder dem so häufig missverstandenem Diktum vom „Ornament und Verbrechen“ (Adolf Loos) wird in der Ideengeschichte der Architektur über den Zusammenhang von Zweck und Form, Innen und Außen, Struktur und Hülle befunden. Bereits im 16. Jahrhundert hatte der Renaissancearchitekt Philibert de l’Orme, den Gebrauchswert und den Nutzen eines Hauses erklärtermaßen höher eingestuft als dessen wohlgestaltete Proportionen.
Alles olle Kamellen? Von wegen. Blickt man auf die soeben fertiggestellte, vom Koreaner Eun Young Yi entworfene Stadtbibliothek in Stuttgart, so ahnt man, wie aktuell das Thema ist. Die isolierte Präsenz eines Würfels mit etwa 40 Meter Kantenlänge, und eine fast unbeugsame Symmetrie: neunmal neun Öffnungen je Seite, alles quadratisch und identisch. Durchaus eindrucksvoll. Doch was sagt dieser quasi-mathematische Minimalismus über das aus, wofür das Gebäude steht und was in seinem Innern passiert?
Eigentlich ist für die Architektur seit jeher entscheidend die Einheit von Inhalt und Form, verbunden mit einem „moralischen“ Anspruch, den etwa Friedrich Schinkel im 19. Jahrhundert formulierte. In nicht unbeträchtlichem Maße gründete sich darauf auch das Selbstverständnis eines Berufsstandes: „Wahr“ und „ehrlich“ sollte das sein, was man schuf. Doch sind solche ethischen Kategorien unter heutigen Bedingungen nicht vollkommen ana-chronistisch? Wenn ein Projekt, gerade im Verwaltungsbau, schon im Zustand des Werdens, aber bereits mit Baurechten versehen, von dem einen an den anderen Developer verkauft wird? Denn es ist und bleibt ein unüberbrückbarer Unterschied, ob man für einen Bauherren plant, der sein Gebäude später selbst nutzt, oder ob dies für im Grunde indifferente Investoren und unbekannte Nutzer geschieht. Was kann also unter solchen Bedingungen noch „Wahrheit“ heißen?
Der Anspruch darauf ist geblieben: Als beispielsweise Philip Johnson Mitte der 70er-Jahre an der New Yorker 5th Avenue gegenüber dem Metropolitan Museum eine „leere“ Fassade, ein „bill-board“ hochzog, hagelte es Proteste und gab es moralische Entrüstung. So tief verankert scheint, was die Architekturtheorie seit jeher auf eine „sittliche“ Begründung der architektonischen (Kunst)Form bezogen forderte.
Heute reagiert man da weitaus abgebrühter. Beispielsweise gibt der unlängst in Wien eingeweihte Tower des Franzosen Jean Nouvel dem Betrachter herzlich wenig über seinen Inhalt preis. Jede Fassadenseite des 75 Meter hohen Hotelturms, der aus einem Sockel mit sechs Geschossen förmlich herauswächst, ist unterschiedlich gefärbt und geschnitten: Zum Donaukanal hin in Grau, nach Osten in verspiegeltem Weiß, nach Westen Schwarz und nach Norden transparent mit unterschiedlichen Profilierungen. Außen hui, und innen – ja, was? Über eine öffentliche Empörung indes ist nichts bekannt.
„Complexity and Contradiction“ heißt ein berühmtes Buch von Robert Venturi, das den Antagonismus zwischen Inhalt und Erscheinung zum Thema hat. Pfiffige Architekten machen eben das zu einer Haltung, die in der Isolierung von Entwurfsaspekten – etwa die Dimensionierung der Flächen, die Vertikal- und Horizontalerschließung, die Belichtungsprobleme – neue Zusammenhänge definiert. Und daraus ein architektonisches Gerüst entwickelt, das sich durch den Gebrauch konkretisiert. Angesichts der Unschärfe vieler Raumprogramme stellt sich letztlich ohnehin die Frage, inwieweit die äußere Form das Innere überhaupt veranschaulichen kann. Oder umgekehrt, inwieweit die interne Raumorganisation noch einer adäquaten Repräsentation nach Außen bedarf.
Doch auch solche Fragen können mitunter überzeugende Antworten finden: So stellt etwa die jüngst erfolgte Erweiterung der AachenMünchener Versicherung, geplant von Klaus Kada und Gerhard Wittfeld, ein vergleichsweise großformatiges Implantat in der Aachener Innenstadt dar. Doch die mäandrierenden Baukörper mit rhythmisierten, teilweise gebogenen Glas- und Aluminiumfassaden schaffen es, sich dem Standort und seinen urbanen Gegebenheiten anzupassen. Ohne jedes Anbiedern, aber auch ohne übertriebenes Streben nach einer Handschrift entsteht ein Paradox: ein Unikat mit womöglich seriellem Charakter.
Womit man bei einem grundsätzlichen Zusammenhang angelangt ist. Mag das Eingehen auf den Ort und seinen Kontext auch das Besondere sein, das Allgemeine zeigt sich in den Anforderungen seitens des Bauherrn, der wiederum für eine anonyme Kundschaft präpariert sein will. Üblich, nicht nur bei Fondsprojekten, ist möglichst viel Nutzfläche, und die möglichst flexibel gestaltbar. Die funktionalen Programme sind offenbar immer weniger scharf umrissen, immer weniger spezifiziert, immer neutraler.
Klar definierten Typenlösungen für bestimmte Bauaufgaben werden tendenziell obsolet. Weshalb es großer Anstrengungen bedarf, damit es nicht zu einer Zersplitterung der architektonischen Form in ein diffuses Inneres und ein abgelöstes, mehr oder weniger frei komponiertes Äußeres kommt.
Die Postmoderne hat gegenüber der Moderne ein grundlegend anderes Verhältnis von Form und Funktion postuliert, indem beide Kategorien voneinander getrennt wurden. Während nun die ganze Stilgeschichte der Architektur wieder Vorrat für die Formproduktion ist, wird die vom Bauherren oder Markt geforderte Funktion geliefert.
Doch sind Kreativität und Intelligenz beim Entwurf heute schon deshalb gefragt, weil nicht nur ein hohes Maß an Funktionalität für die geplante (derzeitige) Nutzung sichergestellt, sondern gleichzeitig Nutzungsänderungen ohne zu großen baulichen Aufwand ermöglicht werden müssen. Und all das bei einer Kaskade von Komponenten mit jeweils unterschiedlicher Lebensdauer: Denn bei der IT-Infrastruktur finden alle fünf Jahre Technologiesprünge statt, bei Heizungen und Klimasystemen alle 15 Jahre. Gerade im Verwaltungsbau, wo immer schnellere Nutzungszyklen und technische Veränderungen die Ansprüche an den Grundriss verändern, sind adäquate flexible Lösungen erforderlich.
Wie passt das zum Besonderen des Genius Loci? Eines der bedeutendsten Stadtentwicklungsprojekte Londons liegt im historischen, südlich der Themse gelegenen Stadtteil Southwark. Kürzlich hat „7 More London“ – die von Norman Foster geplante Firmenzentrale von PricewaterhouseCoopers – das Areal komplettiert. Dieser als Vieleck angelegte Bau umschließt einen polygonalen Innenhof und ist durch mehrstöckige gläserne Skybridges verbunden. Und er zeigt eine janusgesichtige Außenhaut aus Glas: Im Hofbereich eine glatte, fließende Fassade, klar und zurückhaltend. Zum Fluss hingegen dominiert eine expressive, sägeblatt-artige Form. Für den Passanten immerhin ein Erlebnis.
Nicht nur dieses Beispiel illustriert, dass die Architektur Kraft ihres Formalwillens bestimmte Aufgaben übernehmen kann: Als Markenzeichen, als Lifestyle-Vehikel, als städtebauliches Ordnungsinstrument. Ihr eigentliches Elixier aber muss sie, nach wie vor, aus dem überzeugendem Zusammenspiel von „Stilhülse und Kern“, wie es der Architekturtheoretiker Werner Oechslin formuliert hat, beziehen.
Für die alten Sehnsüchte der Baukunst nach „Wahrheit“ und entsprechender Selbstdefinitionen des Metiers – da nützt kein Lamentieren – ist angesichts von Renditeerwartung und utilitaristischer Zweckbestimmung wenig Platz. Gerade den aber gilt es zu nutzen. Wenn das keine schöpferische Aufgabe ist, was dann?
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen
Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.