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11. März 2015

Architektur: Dr. Zelt

 Von 
Mit dem Dach für Münchens Olympiastadion wurde Frei Otto weltberühmt.  Foto: dpa

Zum Tod des Erfinders Frei Otto, der der Welt neben Bauwundern auch eine Aufbruchstimmung vermacht hat.

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Seine Dachlandschaften schlugen weltweit ein und seine Form der Feldforschung setzte global Maßstäbe. Was er mit seinen Leichtbauweisen zu errichten wusste, nachdem er sie in seinen Forschungsinstituten ergründet hatte, waren immer wieder öffentliche Proklamationen einer dünnhäutigen Welt.

Frei Otto, der mit Stoffhüllen und Stahlseilkonstruktionen Großtaten der Baukunst ermöglichte, hat sich nie für pathetische Pyramidenarchitekturen interessiert, auch wenn seine Zeltkonstruktionen gewaltige Formate erreichten, Pyramiden nicht ganz unähnlich. Jetzt ist der Architekt und Ingenieur, der von sich sagte, „Ich bin Dr. Zelt“, im Alter von 89 Jahren in Leonberg bei Stuttgart gestorben.

Als Dr. Zelt war er ein Pionier der Leichtbauweisen. Denn unter der Hand Frei Ottos ist die Architektur immer wieder in einen anderen Aggregatzustand überführt worden, das Starre ins Ausschwingende, das Stabile ins Anmutige. Als 1990 seine bereits 1954 erstmals veröffentliche Dissertation „Das hängende Dach“ erneut publiziert wurde, war der Titel programmatisch zu verstehen.

Das Buch war ein Manifest für die Eleganz, für die Schönheit des Smarten, so zu bestaunen bereits ein Jahr nach der Erst-Veröffentlichung des Buches in Kassels öffentlichem Raum. Ein Dach war ausgebildet worden zum Segel. Auf dem Gelände der Bundesgartenschau erblickte der Besucher eine Vierpunktkonstruktion, ein beschwingtes Gebilde, einen freundlichen Aufenthaltsort. Was er zu sehen bekam, war: mehr Licht.

„Ich war Dr. Zelt“: Aus der Rückschau gesehen, ging es in der Tat so weiter, etwa 1957 mit dem Buckelzelt auf dem Kölner Bundesgartenschaugelände. Für solche Gebilde blieb Frei Otto zuständig, herrlich ausschwingende Konstruktionen. Man denke nur an seine Voliere in Münchens Tierpark Hellabrunn. Das Stahlnetzdach, ausgeworfen über Fauna und Flora, wurde zum Schleier in der Landschaft – wie ein Zauber unter freiem Himmel. Noch mehr Licht!

Solche Einzigartigkeiten schuf Otto dann auch weit über Deutschland hinaus. Die Weltausstellung von Montreal, 1967, wurde gewiss zu so etwas wie einer High-Tech-Veranstaltung, zu einer Show zudem. Doch zur immensen Experimentierfreude zählte, das sie den Menschen in den Vordergrund der Präsentation rückte, was ein so pathetisches wie pragmatisches Unterfangen war. Acht konische Stahlmasten von bis zu 37 Meter Höhe, darüber geworfen ein vorgespanntes Stahlseilnetz, begeisterten die Besucher.

Ottos großer Wurf (gemeinsam mit Rolf Gutbrod) ging als Abbild um die Welt, und vom Abbild ließ man sich unübersehbar inspirieren, wie dann 1972 zu sehen in München, nachdem Günter Behnisch und mehrere Partner sich von Frei Otto bei ihren grandiosen Olympia-Bauten hatten unterstützen lassen. Auch diese Dachlandschaft, allen voran Münchens nagelneues Mittelgebirge über dem Olympiastadion, stammte (bereits) aus dem Computer Frei Ottos, mit dem der Forscher vegetative Naturformen simuliert hatte.

Otto war insofern ein einzigartiger Künstler, als er in seinen großen Momenten die Architektur nicht nach Vorbildern aus der Kunstgeschichte modellierte, sondern nach der Natur formte. Wobei der intensive Dialog mit der Natur von allem Anfang an mit hochkomplexen Technologien geführt wurde.

Den Schlüssel für seine Entwurfshaltung lieferte Frei Otto mit dem Satz: „Man gestaltet nicht die Figur, man holt sie aus dem Unbekannten heraus.“ Daran ließ sich Otto auch als Professor des Instituts für leichte Flächentragwerke, dem legendären IL in Stuttgart, messen. Äußerlich eine Zeltkonstruktion, wurde im Mekka des Leichtbaus, im IL-Innern, stets ein Horizont aufgerissen.

Mit Frei Otto kam der Tag, an dem nicht zuletzt die Seifenblase neu entdeckt wurde, nein, nicht um eine Substanz zum Schillern zu bringen, sondern um etwas Strapazierfähiges zwischen Himmel und Erde aufzuziehen. Die Seifenblase erkor der Forscher und Erfinder quasi zur Keimzelle für seine weit ausspannende Tragwerkskunst, seine Kunststoffzelte und Gitterschalendächer. Die Anschauung der Seifenblase, das Studium ihrer Konsistenz und Verhaltensweisen, inspierte Otto zu immer wieder herrliche Architekturen.

Der 1925 geborene Frei Otto präsentierte verspielt-poetische Entwürfe - und das in einer Zeit, in der wegen der Kriegszerstörungen in Deutschland eher ein funktionales Bauen gefragt war. Dass er dafür mit dem Pritzker-Preis geehrt werden soll, hat er vor seinem Tod noch erfahren.  Foto: Imago

Vor Jahren wurde im Fernsehen ein Film über Frei Otto ausgestrahlt – er zeigte strahlende Kollegen, Albert Speer, Thomas Herzog, Christoph Ingenhoven, sich auslassend über die Symbiose von Eleganz und Intelligenz bei Frei Otto. Der Film zeigte Begeisterte, und das wurde auch dadurch deutlich, dass die Kollegen mit ihren Händen sprachen. Es sprachen Verehrer, die die Anmut, ja das Zarte einer Frei-Otto-Konstruktion für die Augen des TV-Zuschauers mit den Händen nachzeichneten, nachempfanden – wie um etwas Kostbares zu beschützen.

Dabei war der energische Forscher Frei Otto auch ein energische Gutachter und der energische Bürger auch ein energischer Verfechter des Transrapid. Er konnte irren, und wie: Zu Ottos Temperament passte, dass er eines Tages den Protest gegen Stuttgart 21 unterstützte. Anders als bei seinem eminenten Leichbauweisen wurde er sehr pathetisch. Es gehe um „Leib und Leben“, warnte er, das Mammutprojekt berge große Gefahren, deshalb müsse man „die Notbremse ziehen“. Zusammen mit Christoph Ingenhoven hatte Frei Otto 1997 den Architekturwettbewerb für Stuttgart 21 gewonnen. Anfang 2009 schied er aus dem Projekt aus: „Mit dem Wissen von heute“, korrigierte er sich, „kann ich dieses Projekt nicht mehr verantworten.“ Dass er sich korrigierte, auch das sprach für ihn.

Die globale Bedeutung Frei Ottos kann man daran ermessen, dass ihm gestern der bedeutendste Architekturpreis der Welt verliehen worden ist, der mit dem Nobelpreis verglichene Pritzker-Preis. In zwei Wochen sollte die Nachricht verbreitet werden – jetzt steht die Ehrung als postume Auszeichnung im Raum.

Dem Zelt, der Metapher der mobilen Gesellschaft, der nomadischen Existenz, galt seine Energie als Ingenieur ebenso wie seine Emphase als Gestalter. Er war der Konstrukteur der architektonischen Sinnfälligkeit ebenso wie der Tüftler ingenieursgemäßer Notwendigkeiten. Dafür wird er weiterhin bewundert, von der Fachwelt ebenso wie von der Allgemeinheit, sobald sie unter einer von ihm herrlich hingeworfenen Dachlandschaft steht. Unter einem durchscheinenden Polyestergewebe, wie der Homo Faber es sieht. Unter einer atemberaubende Membran, wie der Ästhet sagen würde.

Einigen können sich beide darauf, dass Frei Otto, ohne ein Mitläufer eines aggressiven Fortschrittsoptimismus zu sein, immer wieder Symbole einer Aufbruchsstimmung geschaffen hat. Er war ihr ein Aktivist.

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