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11. November 2012

Archiv: Stralsund verschleudert sein Erbe

 Von Nikolaus Bernau
Jetzt im Angebot: Dähnerts „Critische Nachrichten“, 1754. Stralsund verschleudert sein Erbe.  Foto: stadtarchiv

Die Welterbe-Stadt an der Ostsee hat Teile ihres Stadtarchivs an Antiquare verkauft, obwohl Mecklenburgs Landesbibliothek in Schwerin genau diese Pomeranica fehlen.

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Stralsund ist eine der schönsten Städte an der deutschen Ostseeküste, einst Hansestadt, fast zwei Jahrhunderte lang Hauptstadt von Schwedisch-Pommern, seit 2002 Welterbe. Entsprechend bedeutend ist das Stadtarchiv. Entstanden seit dem 17. Jahrhundert als Archiv des Rats, bewahrt es reiche Bestände an Urkunden, Bildern und alten Büchern. Eine Sammlung, die jetzt im Zentrum eines Skandals steht, wie er bisher nur wenige deutsche Städte erschüttert haben dürfte.

Am 5. Juli dieses Jahres beschloss nämlich der für Finanzen zuständige Hauptausschuss des Stadtparlaments, wesentliche Buchbestände des Stadtarchivs zu verkaufen. Etwa 2500 Titel mit rund 6000 Bänden, von denen viele aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen. Die Sitzung fand nicht öffentlich statt.

Initiative gegen den Verkauf

Mitte Oktober wurde der rührige Wissenschaftliche Archivar der Technischen Universität in Aachen, Klaus Graf, auf den Vorgang aufmerksam. Er ist Betreiber des Blogs Archivalia (www.archiv.today.net). Graf initiierte inzwischen eine Unterschriftenliste gegen den Verkauf und mobilisierte die Fachverbände. Denn in der Archivsatzung steht eindeutig: „Das Archiv- und Bibliotheksgut ist Kulturgut und unveräußerlich.“ Seine von renommierten Bibliotheksjuristen wie Eric Steinhauer von der Fernuniversität Hagen gestützte Meinung, wie er der Frankfurter Rundschau bestätigte: Der Verkauf ist rechtswidrig.

Die Stralsunder Stadtarchivarin hat von Oberbürgermeister Alexander Bedrow (CDU) Anweisung erhalten, nur noch den Pressesprecher sprechen zu lassen. Nicht einmal den Abgeordneten darf sie noch Auskunft geben. Auch Pressesprecher Peter Koslik sagt, er dürfe nichts sagen außer, dass die Käufer auf Vertraulichkeit bestanden hätten.

Daher die nichtöffentliche Sitzung, daher werde auch die Verkaufssumme nicht bekannt. Ansonsten verweist er auf eine karge Pressemitteilung von Bedrow. Darin lesen wir, dass nun ein „unabhängiger“ Fachberater hinzugezogen werden soll. Diesen hatte die Stadt also bisher nicht gefragt. Er hätte auch kaum den Verkauf empfohlen, sind doch Archive wie Museen für die Ewigkeit gedacht.

Nur "ein Teil! der Bibliothek?

Bevor der Maulkorb verhängt wurde, war Koslik gegenüber der Ostseezeitung gesprächiger. Er teilte mit, es habe sich um nur um „einen Teil“ der einstigen Bibliothek des Städtischen Gymnasiums gehandelt, die seit 1945 im Archiv lagere, aber nicht katalogisiert sei und nur „minimale regionalgeschichtliche Bedeutung“ habe. Es handele sich vor allem um „unterrichtsbegleitende“ sprachwissenschaftliche und theologische Bücher, nicht aber um wichtige Pommeranica.

Schon diese Aussagen wären freilich skandalwürdig genug gewesen. Ist doch die Stralsunder Gymnasiums-Bibliothek eine der ältesten erhaltenen deutschen Bildungssammlungen gewesen, wie der Archivars-Verband in seiner Protestnote festhält, über Jahrhunderte durch Geschenke der Bürger und Ankäufe gewachsen. Der Verband befürchtet, dass mit diesem Verkauf ein Dammbruch eintreten könne, auch andere Archivmaterialien in armen Städten plötzlich als Handelsgut gelten könnten.

Es handelt sich auch nicht um „Teile“ dieses Bestandes, sondern, wie Klaus Graf ausrechnete, um mehr als 90 Prozent. Auch ist er im 2004 erschienenen bundesweiten „Handbuch der historischen Buchbestände“ eindeutig als Teil des Stadtarchivs verzeichnet, fällt also unter das Verkaufsverbot. Vor allem aber zeigt der Blick auf die aktuell im Internet stehenden Angebote des Antiquars Peter Hassold: Es handelt sich keineswegs nur um Reclam-Heftchen für Schüler. Viele Titel, oft prachtvoll illustriert, verweisen auf die engen Verbindungen Pommerns nach Mecklenburg, Dänemark und Schweden, Bekanntmachungen des Stockholmer Hofes sind darunter, aber auch Rarissima, die bisher auf keiner Auktion gehandelt worden sind.

Sogar Bücher, die von den Autoren handschriftlich der Stadt Stralsund und ihrem Gymnasium gewidmet wurden, sind zu finden, ebenso Bestände der bedeutenden Löwenschen Sammlung. Selbst wenn, was bisher nicht einmal von der Stadt behauptet wurde, diese Bestände in Stralsund doppelt vorhanden gewesen sein sollten: Die Landesbibliothek in Schwerin hätte solche Pomeranica sicherlich gerne erworben, dort fehlen sie nämlich

Die Verkäufer haben es sogar unterlassen, die Eigentumsstempel in den Büchern ungültig zu machen. Es kann also in Zukunft weder unterschieden werden zwischen Beständen, die gestohlen wurden, und solchen, die verkauft wurden. Und hat die Stadt inzwischen den Antiquar aufgefordert, mit den möglicher Weise rechtswidrigen Verkäufen aufzuhören? Stadtsprecher Peter Koslik: kein Kommentar. Übrigens: Der Oberbürgermeister schmückte sein Vorzimmer noch vor wenigen Monaten mit Beständen aus der Archivbibliothek. Wohl, weil die Ledereinbände so nett anzusehen sind.

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