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Arm, Ärmer, am Ärmsten: Das Ende der Verwertungskette

Die internationale Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf die Schwellenländer: Deren Probleme sind auf der Tagesordnung ganz nach unten gerutscht. Von Paul Collier

Sambische Frauen beim Wasserholen.
Sambische Frauen beim Wasserholen.
Foto: getty

Die derzeitige Finanzkrise ist für uns in den westlichen Gesellschaften ein solcher Alptraum, dass kaum jemand darüber nachdenkt, welche Auswirkungen sie auf die armen Länder haben wird. Deren Probleme sind auf der Tagesordnung ganz nach unten gerutscht. Dabei sind gerade die verarmten kleinen Länder ("die untere Milliarde") schwer und nachhaltig betroffen. Die direkten Auswirkungen werden sich sofort und einschneidend bemerkbar machen, aber das eigentliche destruktive Potential dieser Krise besteht in einer subtilen und allmählichen Veränderung der Gesinnung.

Armes Land = kein Kredit

Die offensichtliche und unmittelbare Auswirkung ist wahrscheinlich von geringster Bedeutung: Den ärmsten Ländern wird der Zugang zu den globalen Kreditmärkten versperrt. Wenn die Risikolust im Finanzsystem gering ist, erscheinen neu aufstrebende Märkte wie Ghana zu unsicher. Das klingt schlimmer, als es ist, denn diese Länder hatten zuvor, als noch genug Geld vorhanden war, auch nicht unbedingt Zugang zu globalem Kredit. Und das Vorhaben einiger dieser Länder, sich Geld zu leihen, war vielleicht gar keine so gute Idee: Der letzte große Kredit, den diese Länder aufnahmen, stürzte sie in eine Schuldenkrise.

Die andere direkte Auswirkung, die wir in den nächsten Monaten erleben werden, besteht im Ende des Rohstoffbooms. Die Rohstoffpreise sind zum ersten Mal seit den siebziger Jahren signifikant gestiegen, und ich hatte darin eine Möglichkeit für Afrika erhofft, sich zu entwickeln. Hohe Profite hätten die massiven Investitionen, die so bitter nötig sind, finanzieren können. Doch wer weiß, wie lange der Rohstoffboom noch anhält. Das Öl ist bereits von seinem Höchstpreis von 140 auf unter 90 Dollar gefallen, und die Preise der für den industriellen Zyklus so wichtigen Stoffe wie Kupfer rutschen ebenfalls ab. Sambia, der größte afrikanische Kupfer-Exporteur, hat gerade erst angefangen, die Kupfergesellschaften zu besteuern - von den ersten drei Jahren des Booms profitierten hauptsächlich indische und chinesische Minengesellschaften. Vielleicht kam die Besteuerung für diesen Rohstoffzyklus zu spät: Die Preise sind bereits von 8000 auf 5000 Dollar pro Tonne gefallen, und wenn sie weiter fallen, wird es wenig Kupferprofite zu besteuern geben.

Die nachhaltigste und bedeutendste Auswirkung der Krise wird meiner Meinung nach die auf die Gesinnung sein. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gibt es nur noch ein sozio-ökonomisches Modell: das der marktorientierten Demokratie. Die Dominanz dieses Modells hat Francis Fukuyama in seinem Buch "Das Ende der Geschichte" beschrieben. Seit fast zwei Jahrzehnten wird diese Struktur den afrikanischen Führungseliten aufgedrängt, die widerwillig und meist nur teilweise ihre Marktwirtschaft liberalisieren und Privatisierung und Deregulierung zulassen. Genauso widerwillig haben sie freie und offene Wahlen zugelassen.

Der Demokratiegedanke hatte angesichts der Vorgänge im Irak schon gewaltig an Einfluss verloren und afrikanische Staatsoberhäupter fühlten sich ermutigt, Wahlbetrug zu begehen. Doch jetzt führt die Implosion in der amerikanischen und europäischen Wirtschaft, die wir der inadäquaten Deregulierung durch die Apostel des ungezügelten Kapitalismus verdanken, wahrscheinlich dazu, dass die afrikanischen Oberschichten sich in ihrer feindseligen Haltung der freien Marktwirtschaft gegenüber bestärkt sehen.

Keine Regulierung = Betrug

Die Bedeutung der freien Marktwirtschaft für die Entwicklung wurde zweifellos überschätzt und zu sehr angepriesen. Zwischen den Arten von wirtschaftlichen Aktivitäten wurde nicht klar unterschieden. Bei einigen, wie etwa Produktion und Handel, haben die Kapitalismusapostel Recht: Regulierung ist hier ein fataler Klotz am Bein, der der Korruption Tür und Tor öffnet. Aber bei anderen ist Regulierung unerlässlich. Die Banken sind die Hüter unseres Geldes: Ohne effektive Regulierung ist in den leitenden Positionen die Versuchung sich zu bereichern zu groß. Das Dogma der freien Marktwirtschaft hat dort, wo Regulierung fehlte, zu vorhersehbar unglücklichen Folgen geführt, wie zum Beispiel bei einer Reihe von Bankbetrugsfällen in kleinen Ländern, die ohnehin schon nicht sehr stabil waren. Besonders nah dran war Italien, als der Zusammenbruch in Albanien zu einer sozialen Implosion führte.

Genauso ist die Regierung verpflichtet, den Rohstoffabbau zu überwachen. Die natürlichen Ressourcen, die von den Minengesellschaften abgebaut werden, gehören den Bürgern und es obliegt der Regierung, die Interessen des Volkes zu vertreten und die Erträge zu sichern. Eine Vernachlässigung dieser Pflicht wird bittere Folgen haben, wenn der derzeitige Rohstoffboom bald ein Ende hat und die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft worden sind. Die Regierung spielt auch bei den so genannten leitungsgebundenen Netzwirtschaften (Eisenbahn usw.) eine große Rolle. Ohne Marktregulierung werden Netzwirtschaften schnell zu privaten Monopolen, was eines der verheerendsten Wirtschaftsmodelle ist, die man sich vorstellen kann. Die negativen Folgen von fehlender oder inadäquater Regulierung bei den Netzwirtschaften treten meist erst viel später zutage: aber versuchen Sie mal, in England mit dem Zug zu fahren.

Obwohl man vielleicht zu viel Gewicht auf die freie Marktwirtschaft gelegt hat, ist sie doch für die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten unerlässlich. In der langen Ära der staatlich kontrollierten Wirtschaft herrschten Korruption und Stagnation. Die Oberschichten der armen Länder weigerten sich nicht gegen die Liberalisierung aus den eben angeführten differenzierten Gründen, sondern weil die Öffnung des Marktes eine Bedrohung ihrer Machtstellung bedeutete. Als in Nigeria für öffentliche Projekte ein offenes Ausschreibungsverfahren eingeführt wurde, sanken die Kosten um 40 Prozent. Die Politiker konnten jetzt den Zuschlag für Verträge nicht mehr an Geschäftspartner erteilen und Bestechungsgeld kassieren. Die Aufteilung des Marktes beugt nicht nur Korruption vor, sondern ist auch dynamischer: Investitionen können gemacht werden, ohne Geld für politische Protektion ausgeben zu müssen. Es steht nun zu befürchten, dass die korrupten Führungseliten, die sich durch das Scheitern der Demokratie im Irak ermutigt fühlten, freie Wahlen zu manipulieren, die derzeitige Wirtschaftskrise zum Anlass nehmen werden, Hände reibend das alte System der Vetternwirtschaft und Korruption wieder einzuführen.

Übersetzung: Andrian Widmann Paul Collier ist der Autor von "The Bottom Billion".

Autor:  PAUL COLLIER
Datum:  14 | 10 | 2008
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