Am 24. November 2008 ist der 149. Jahrestag der Erstveröffentlichung von Charles Darwins Meisterwerk "Über die Entstehung der Arten". Ein Freund hat vor Kurzem folgendes bemerkt: "Wir jammern ständig über das Aussterben von Arten, aber wir freuen uns nie über neue Arten, die hinzukommen."
Das stimmt. Und es gibt mehrere Gründe dafür. Der offensichtlichste besteht darin, dass ein Aussterben sich stärker bemerkbar macht. Im 18. Jahrhundert gehörte die Wandertaube zu den meistverbreiteten Vogelarten der Erde. Kilometerlange Schwärme konnten wie riesige Wolken die Sonne verdecken - ein Anblick, der Berichten zufolge einer Sonnenfinsternis ähnlich war. Aber bis 1880 hatte der Bestand stark abgenommen, und 1915 war die Wandertaube ausgestorben.
Das Auftauchen einer neuen Art ist hingegen weniger dramatisch. Ihre ersten Vertreter sind normalerweise nicht von der Art zu unterscheiden, aus der sie sich entwickelt haben - jedenfalls nicht für uns. Und während das Aussterben in einem ganz bestimmten Moment passiert - der letzte Vertreter einer Art stirbt -, geschieht die Entstehung einer neuen Art üblicherweise nicht zu einem einzelnen, erkennbaren Zeitpunkt. Darum haben wir auch nicht unsere Gläser erhoben, um beispielsweise auf die Rhagoletis pomonella, die Apfelfruchtfliege, anzustoßen.
Diese Art ist im Begriff, sich in zwei zu teilen. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts kamen Vertreter der Rhagoletis pomonella vor allem an Weißdorn- und Hagebuttensträuchern zusammen, um sich zu paaren und ihre Eier abzulegen. Doch dann wurden Äpfel nach Nordamerika eingeführt. Und einigen Hagebuttenfliegen gefiel die neue Frucht wohl besser, worauf sie anfingen, ihre Eier nun in Äpfel zu legen.
Inzwischen unterscheiden sich die Fliegen, die Äpfel lieber mögen, genetisch von denen, die Hagebutten bevorzugen. Dafür gibt es einige Gründe. Einer besteht darin, dass Fruchtfliegen zur Paarung auf Früchten zusammenkommen. Da die meisten Fliegen eine bestimmte Obstart bevorzugen, treffen also Fliegen, die Hagebutten mögen, auf andere Fliegen, die ebenfalls Hagebutten bevorzugen. Das gleiche gilt für Äpfel.
Diese Vorlieben stehen in direktem Bezug zu den Überlebenschancen der Fliegen. Hagebutten stellen andere Anforderungen als Äpfel. Äpfel reifen früher als Weißdorn, weswegen Apfelfliegen früher aus ihren Larven schlüpfen müssen, wenn sie nicht die Frucht verpassen wollen. Da das Ausschlüpfen genetisch festgelegt ist, kann man davon ausgehen, dass Apfelfliegen und Hagebuttenfliegen Gene haben, die sie zu verschiedenen Zeiten schlüpfen lassen - genau so ist es auch. Wenn eine Apfelfliege zufälligerweise auf einem Hagebuttenstrauch landet und sich mit einer Hagebuttenfliege paart, deren Brut eine Mischung von apfelspezifischen und hagebuttenspezifischen Genen haben wird, die für beide Fruchtsorten gleichermaßen schlecht geeignet ist, und somit geringere Überlebenschancen hat.
Warum betrachten wir die Apfelfliege also nicht als neue Art? Weil sie noch nicht ganz so weit ist. Normalerweise spricht man von einer Art, wenn die Mitglieder einer Gruppe sich erfolgreich untereinander paaren können. Hunde beispielsweise, so unterschiedlich sie auch aussehen mögen, können sich untereinander paaren, also stellen sie eine Art dar. Pferde und Esel sind verschiedene Arten, da ihre Nachkommen (Maultiere) nicht zeugungsfähig sind. Individuen gehören also unterschiedlichen Arten an, wenn sie in ihrer Fortpflanzung isoliert sind, d.h. wenn sie sich nicht erfolgreich untereinander paaren. Es gibt drei Gründe, die eine erfolgreiche Paarung verhindern. Manche können nicht, manche wollen nicht und bei manchen kommt es einfach nicht dazu.
Pferde und Esel "können" sich nicht erfolgreich paaren. Obwohl sie Sex haben können, sind ihre Gene nicht kompatibel und ihre Nachkommen sind zeugungsunfähig. Die im Viktoriasee beheimateten Buntbarsche sind ein Beispiel für Artvertreter, die zwar könnten, aber nicht "wollen". Befruchtet man die Eier einer Buntbarsch-Art mit dem Sperma einer anderen, entwickeln sich die Eier und produzieren fruchtbare Fische. In der Natur aber kommt das nicht vor, weil Männchen und Weibchen verschiedener Arten sich nicht voneinander angezogen fühlen: sie "wollen" sich also nicht paaren.
Die dritte Methode, wie die Natur Arten in ihrer Fortpflanzung isoliert, besteht darin, dass sie sich zwar untereinander erfolgreich paaren könnten und es auch täten, wenn sie aufeinander träfen, aber in der Natur kommt es nicht dazu, weil sich ihre Wege nicht kreuzen.
Hagebutten- und Apfelfliegen gehören in die letzte Kategorie: verschiedene Obstfliegen paaren sich nicht, weil sie nicht aufeinander treffen. Normalerweise. Die Vorliebe jedoch, die Fliegen für die verschiedenen Früchte haben, ist nicht absolut. Manchmal wird eine auf Äpfeln groß gewordene Fliege auf einem Weißdornstrauch landen und sich dort paaren. Obwohl die Nachkommen einer solchen Paarung geringere Überlebenschancen haben, sind sie weder steril noch lebensunfähig. Das bedeutet, dass es noch geringen "Genfluss", d.h. erfolgreiche Paarung, zwischen den beiden Gruppen gibt. Aber da die Nachkommen solcher Paarungen einen Überlebensnachteil haben, ist es wahrscheinlich, dass die Trennung irgendwann komplett sein wird. Dann können wir die neue Art der Apfelfruchtfliege willkommen heißen. Hurra!
Ich merke schon, Sie sind begeistert. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum wir die Apfelfruchtfliege nicht bejubeln noch irgendeine andere neue Art (und wir kennen eine ganze Menge), die im Begriff ist sich herauszubilden. Denn wenn eine neue Art auftaucht, unterscheidet sie sich nicht sonderlich von den alten Arten. Die augenfälligen Unterschiede zwischen einer Ente und einem Schwan oder zwischen Mensch und Schimpanse brauchen Jahrtausende, sogar Jahrmillionen, um sich herauszubilden.
Und das ist es, was wir bei einem Aussterben verlieren.
Aus dem Amerikanischen von Andrian Widmann.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen