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Augusto Boal gestorben: Sein Tod ist unsichtbar

Der revolutionäre Theatermacher Augusto Boal ist 78-jährig in Rio de Janeiro gestorben. Alles ist Theater, sagte er, nur dass der Mehrheit der Menschen das nicht klar ist. Es erinnert sich Ariel Dorfmann

Unvergessen: Der brasilianische Theatermacher ]Augusto Boal (1931-2009).
Unvergessen: Der brasilianische Theatermacher ]Augusto Boal (1931-2009).
Foto: epd

Das erste Wort, das mir in den Sinn kam, als ich Augusto Boal, den großen brasilianischen Theatermann kennenlernte, war... elastisch. Flexibel, anpassungsfähig, weltoffen; gleichzeitig aber gab es etwas Widerständiges. Dieser lange, dünne Mann gehörte nicht zu denen, die brachen, wenn man sie forderte.

Wir trafen uns das erste Mal im Januar 1973 in Habana. Er war mit seinem Theater der Unterdrückten längst eine Legende. Meine Gespräche mit Augusto drehten sich immer wieder um die Rolle, die das Theater spielen könnte. Alles ist Theater, sagte er, nur dass der Mehrheit der Menschen das nicht klar ist - in einer so kritischen Situation.

Zum Autor

Ariel Dorfman, geboren 1942 in Buenos Aires wurde weltberühmt durch sein Folter-Stück "Der Tod und das Mädchen".

Es war die Schlitzohrigkeit seines schöpferischen Geistes, seine Überezeugung, dass die Zuschauer wirklich Mitautoren sind, sein unermüdlicher Optimismus, die auf dem Rückweg nach Santiago beflügelten. Ein paar Monate später - ich arbeitete schon im Präsidentenpalast als Kulturbeauftragter von Fernando Flores, des Generalsekretärs der Regierung Allende - benutzte ich Boals Lehren und seine Inspiration zur Planung einiger Theateraktionen in den Straßen Santiagos, die den Auflauf des Militärs zurückdrängen sollten, das Tag für Tag mehr drohte, die Demokratie in meinem Lande zu zerstören.

Am 11. September 1973 traf ich mich mit Oscar Castro vom Theater El Aleph. Wir wollten die Straßen Santiagos mit Szenen füllen, die basierten auf dem, was Boal das "unsichtbare Theater" nannte. Das "unsichtbar" gefiel mir besonders. Denn wir waren Opfer der unsichtbar genannten Blockade der nordamerikanischen Regierung, die, zusammen mit der Wirtschaftssabotage der Rechten, einen künstlichen Mangel erzeugt hatte.

Das führte zu langen Warteschlangen vor den Lebensmittelgeschäften. Eine meiner Ideen, die Oscar Castro und seine Truppe mit Spaß und Energie, in die Tat umsetzten, war: ein paar Schauspieler mischten sich unter die Wartenden und nannten - ohne zu sagen, dass sie Schauspieler waren - die wirklichen Verantwortlichen für den Mangel an Gütern. So sollte der Zorn der Menge sich auf die den Staatsstreich Anstrebenden und nicht auf die Regierung Allendes richten.

Auf die Bühne haben wir solche oder ähnliche Vorstellungen niemals bringen können. Denn das große Theater Chile wurde - wenn man mir diese ein wenig melodramtische Metapher erlaubt - usurpiert vom Regisseur des Todes, Augusto Pinochet. Und ich floh in ein ganz und gar nicht unsichtbares Exil.

In Buenos Aires wartete Augusto Boal auf mich, der nach einem Gefängnisaufenthalt Brasilien verlassen hatte und in die Heimat seiner wunderbaren Frau Cecilia geflohen war. Sie waren mit uns so solidarisch im Schmerz wie sie in den kommenden Jahren großzügig waren zu so vielen, die auf Hilfe angewiesen waren. Uns überließen sie Ende Januar 1974 für ein paar Tage ihre Wohnung. Kurz bevor wir aus einem Argentinien flohen, dessen Zukunft auch immer düsterer wurde.

Damals erteilte Augusto mir eine Lektion, die nichts mit dem Theater, aber alles mit dem Leben zu tun hatte. Ich erinnere mich, wie ich mit ihm über die schrecklichen Nachrichten sprach, die uns aus Chile erreichten, aus Chile, aus Chile und dass die Welt sich abwendete von Chile und dass wir eine Solidaitätsarbeit aufnehmen müsste für Chile, für Chile, für Chile…

Da sagte mir Boal, ganz ruhig, aber sehr deutlich: Chile, Ariel, sicher Chile. Aber vergiss darüber nicht die anderen Länder Lateinamerikas. Ich war verblüfft. Er hatte recht. Es war leicht, die anderen ebenfalls leidenden Länder beiseite zu lassen. Es war leicht zum Egoisten zu werden. So wie ein Jahr zuvor mich seine Worte über das Theater als ein Instrument der Befreiung und der Partizipation beflügelt hatten, so verließ ich diesmal Argentinien mit diesen anderen Worten im Ohr. Worte einer kontinentalen Ethik, einer Mitmenschlichkeit, die ich niemals vergessen konnte.

In den Jahrzehnten danach trafen wir uns ab und an mit Boal. Jeden seiner Briefe. Jede Nachricht, jedes Geschenk von ihm empfing ich mit Jubel. Wenn ich mich auch immer mehr einem ganz anderem als seinem Theater zuwandte. Und jetzt, da die Leitungen uns sagen, er atme nicht mehr in dieser Welt, möchte ich doch dieser Falschmeldung aus Rio de Janeiro entgegentreten und versichern, dass Boal unglaublich lebendig ist und ebenso elastisch ist wie eh und je. Sein Tod ist unsichtbar.

Denn er lebt in Tausenden und Abertausenden Männern, Frauen und Kindern, die in seinen Werken, seinen Worten, in seinem Leben die Erleuchtung fanden sich selbst zu sehr sichtbaren Protagonisten ihres Lebens zu machen.

Autor:  ARIEL DORFMAN
Datum:  5 | 5 | 2009
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