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31. August 2011

Ausgrenzung: Konzentrierte Armut

 Von Werner Girgert
Eine Kindheit in Deutschland kann sehr unterschiedlich aussehen - manchmal sind Spieleparadies im Kinderzimmer und täglicher Hunger nur zwei Straßen von einander entfernt und kommen trotzdem nicht in Berührung. (Symbolbild)  Foto: dpa

In deutschen Großstädten wächst mit der sozialen Ungleichheit die Polarisierung zwischen Arm und Reich. 20 Jahre neoliberaler Stadtentwicklungspolitik haben ihre Spuren hinterlassen.

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Randalierende Jugendliche, geplünderte Geschäfte, brennende Autos und überforderte Sicherheitskräfte – die jüngsten Krawalle in London und anderen britischen Städten haben, wie schon die Aufstände in den französischen Banlieues, auch in Deutschland besorgte Innenpolitiker auf den Plan gerufen. Sie fragen sich, ob künftig auch in deutschen Großstädten mit Aufständen der Unzufriedenen zu rechnen ist.

Die Ängste sind nicht unbegründet. Schließlich haben sich laut OECD in keinem anderen Industrieland Armut und Ungleichheit in den vergangenen Jahren mit gleichem Tempo ausgebreitet wie in Deutschland. In den Städten steigt die Zahl der Armen, die sich mit Sozialleistungen oder schlecht bezahlten Jobs mühsam über Wasser halten, während gleichzeitig die Einkommen der Reichen trotz Finanz- und Wirtschaftskrise weiter zugelegt haben.

Konzentration Ausgegrenzter in einzelnen Stadtteilen

Wie in englischen und französischen Städten seit langem zu beobachten, nimmt auch in deutschen Großstädten die Konzentration von Armen, Arbeitslosen und Zuwanderern in einzelnen Quartieren zu. Besonders betroffen sind die alten Industriestandorte, die den Übergang zur neuen Dienstleistungsökonomie bislang nicht geschafft haben.

Im Bochumer Ortsteil Querenburg etwa, wo der Anteil an Migranten bei 37 Prozent liegt, leben vier von zehn der unter 18-Jährigen von Sozialhilfe, bei ihren ausländischen Altersgenossen ist die Quote doppelt so hoch. In der Essener Innenstadt wächst jedes dritte Kind mit Sozialhilfe auf. Im Berliner Bezirk Kreuzberg konzentrieren sich Armut und Arbeitslosigkeit rund ums Kottbusser Tor. Drei von vier Bewohnern des Quartiers sind Migranten. Nahezu jeder Zweite im Viertel bezieht Hartz IV. „In den Stadtteilen, wo die meisten ,Ausländer’ leben, leben auch die meisten armen ,Inländer’, und dort gibt es mittlerweile auch die meisten Kinder“, stellt der Soziologe Klaus Peter Strohmeier von der Ruhr-Universität Bochum in einer Studie fest.

Die Gründe für die wachsende räumliche Konzentration von Benachteiligten und Ausgegrenzten in den deutschen Städten sind nicht allein den Veränderungen des Arbeitsmarktes nach dem Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft geschuldet, mit denen die Aussichten auf einen anständig bezahlten Job für Geringqualifizierte verloren gegangen sind. Hinzu kommen 20 Jahre neoliberaler Stadtentwicklungspolitik, in denen jene wohlfahrtsstaatlichen Errungenschaften weitgehend zerschlagen worden sind, die in den Nachkriegsjahrzehnten in Deutschland wie in den meisten Ländern Europas dafür sorgten, dass nicht mehr allein das Einkommen über die Chancen auf dem Wohnungsmarkt entscheiden sollte. Der öffentlich geförderte Wohnungsbau konnte Ungleichheit zwar nicht beseitigen, sorgte jedoch dafür, dass in deutschen Städten keine amerikanischen Verhältnisse entstanden. Flexible Bemessungsgrenzen, die es auch erlaubten, in der Wohnung zu bleiben, wenn das Einkommen wuchs, ließen stattdessen Viertel mit einer stabilen sozialen Mischung entstehen, in denen das Ideal der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ seine städtebauliche Entsprechung fand.

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