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Ausstellung "Bauen mit Holz": Natürliche Erscheinung

Der Lack des Urigen ist ab: In München feiert eine großartige Ausstellung die Renaissance des Baustoffs Holz. Darunter kommt ein Material zum Vorschein, das Ethik und Ästhetik wie kaum ein anderes verbindet.

        

 Imposante Architektur: das Weingut Pérez Cruz in Chile.
Imposante Architektur: das Weingut Pérez Cruz in Chile.
Foto: Juan Purcell

Ein entwurzelter Riese empfängt am Eingang der Ausstellung, eine 40 Meter lange Fichte, den wagenradgroßen Wurzelstock in die Höhe gerissen. 84 Jahre alt wurde der Baum, bevor ihn Wind und Wetter im Münchner Forst fällten. Ihn heißt es abzuschreiten, und mit ihm eine ganze Phalanx einheimischer Hölzer, die von der Stirnwand als Bauplatten, Sperr- und Massivholz grüßen. Das ist keine normale Architekturschau, das ist ein Fanal für einen unterschätzten Baustoff.

Es riecht nach Wald, und so fühlt man sich nach einer Weile auch: auf einem Forstweg seitab aller Hauptpfade der Moderne. Denn diese war ignorant. Sie hatte keinen Sinn dafür, Holz im großen Umfang einzusetzen, standen ihr doch die modernsten Materialien zur Verfügung, jene, die direkt dem industriellen Prozess entstammten: Glas und Stahl, dazu Beton im Überfluss. Mit jedem Hochhaus und jedem kalifornischen Bungalow schwand die Tradition weiter. Fachwerkbauten gab es nur mehr im Museum. Schließlich blieb Holz eine Randnotiz. Sicher, Frank Lloyd Wright hatte damit experimentiert und auch Adolf Loos, selbstverständlich auch Konrad Wachsmann, der eine ganze Phalanx vorfabrizierter Bungalows errichten wollte. Doch für den großen Durchbruch schien Holz einfach zu bieder, zu biegsam, mit einem Wort: zu wenig modern.

Das hat sich gründlich geändert. Holzbauten erleben eine Renaissance, seit immer deutlicher wird, dass Natur und Architektur nicht länger sich ausschließende Größen bilden dürfen. Die Ausstellung „Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft“ des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne feiert die technischen, ökonomischen und gestalterischen Möglichkeiten eines uralten Baumaterials. Und was da nicht alles auf Architekturfreunde wartet: Brücken, Stadien, ja selbst Hochhäuser sind technisch längst möglich.

Der Besucher reibt sich die Augen

All die fantastischen Bauten in Beton, Ziegel, Stahl und Glas haben wohl den Blick verstellt für den nachhaltigsten Baustoff überhaupt. Dass die Vereinten Nationen 2011 zum „Internationalen Jahr der Wälder“ ausriefen, erfährt man in dieser Holzschau vielleicht zum ersten Mal. Und auch sonst wartet diese Ausstellung mit Überraschungen auf. Dass Deutsche ihren Wald lieben, ist bekannt, dass Deutschland in Europa noch vor Schweden die größten Holzvorräte besitzt, kommt dann doch überraschend.

Staunend erfahren Interessierte von einem kühnen Zahlenspiel. Ein Drittel der jährlichen Holzernte reicht für alle Neubauten. Rein rechnerisch. Klimaentlastung im Vergleich zum Standardbau: 50 Prozent und mehr. Selbst die Angst vor Feuer könnte bald der Vergangenheit angehören. Ein Holzhaus brenne nicht öfter als ein konventionelles Haus, behauptet Hermann Kaufmann, Spiritus Rektor der Ausstellung. Der gebürtige Vorarlberger hält einen Lehrstuhl für Holzbau an der Münchner TU. Sein einziger Kollege sitzt in Finnland. Holz hat sozusagen Wachstumspotenzial.

Kaufmann stammt aus einer Holzhandwerkerdynastie. Von frühester Jugend war er umgeben von Holz. Augenblicklich arbeitet der Österreicher daran, die Grenzen des Materials auszutesten: Hochhäuser mit 20 Geschossen? Für Kaufmann kein Problem. Augenblicklich baut er Mitteleuropas größtes Bürogebäude in Holz. Acht Stockwerke. Natürlich in Vorarlberg.

Die Holzbauindustrie ist kleinteilig organisiert. Doch dank computergestützter Fertigungsmethoden arbeitet sie auf den Millimeter genau. Zusammen mit zwei Dutzend innovativer Architekten macht sich Kaufmann an neue Spannweiten und Formen. Den Kampf um die Herzen der Bürger hat Holz beim Einfamilienhaus längst gewonnen, nun folgen Großbauten wie Hallen und Brücken. Vorgefertigte Teile werden von Kranfahrzeugen wie Riesenlegosteine an den Platz gehievt. Mit vorgefertigtem Innenausbau. Das ist die wahre Bauindustrie, von der normale Baustellen oft meilenweit entfernt sind.

Der Lack des Urigen ist ab

Zwischen den Modellen fehlt nur ein Stück in der Wahnsinnsausstellung: Der kürzlich in Sevilla errichtete weltgrößte Pavillon aus Holz: Parasol Metropol der Berliner Ausnahmearchitekten um Jürgen Mayer H. Doch Kaufmann sieht darin „eine völlige Fehlentwicklung für den Holzbau“, dort gehe es nur um eine Form, nicht um die Konstruktion. Das Holz werde zudem mit Kunststoff eingepackt, Holz sei aber „ein ehrliches Material“. Solche Kritik ficht die Berliner gar nicht an. Ob es sich bei dieser Debatte nicht um ein „Hightech-Produkt mit Oberflächenschutz handelt, können Ihnen besser die Ingenieure erklären und die Holzbaufirma“, meint der Pressesprecher von Jürgen Mayer H.

Trotz aller Erfolge: Offenbar steht uns eine Debatte um das Wesen des Baumaterials Holz noch bevor. Bautechnisch und ästhetisch hat es alle Fesseln gesprengt und schließt auf zum Stoffkanon der Moderne. Viele Architekten denken weiter. Der Lack des Urigen ist ab. Darunter kommt ein Material zum Vorschein, das Ethik und Ästhetik wie kaum ein anderes verbindet.

Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft. Ausstellung des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne, bis 5. Februar 2012.

Autor:  Oliver Herwig
Datum:  30 | 11 | 2011
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