Übersichtlichkeit ist sicherlich eines der letzten Adjektive, das einem in den Sinn kommt, wenn man heute auf der Aussichtsplattform des Rockefeller Center oder des Empire State Building steht und auf die „wunderbare Katastrophe“ hinabblickt, als die Sabina Lietzmann, die legendäre FAZ-Korrespondentin, New York einmal New York bezeichnet hat. Manhattan ist eine Anhäufung von Puzzleteilen, die niemand richtig zusammengesetzt hat, ein Chaos von Bauformen und Dimensionen, so wirr und inhomogen und gleichzeitig betörend, wie ein Spaziergang den Broadway hinunter. New York ist ein Attentat auf die Sinne, die vor der Aufgabe, daraus ein begreifbares Ganzes zu bauen, immer kapitulieren müssen.
Simeon DeWitt, John Rutherford und dem New Yorker Gouverneur Morris hätte diese Aussicht wohl nicht gefallen. Als sie 1811 den Generalplan für die Besiedlung und Bebauung von Manhattan anfertigen ließen, strebten sie vor allen Dingen nach einem: Ordnung. Das Grundprinzip ihres Originalplans, dessen 200. Geburtstag derzeit mit einer wunderbaren Ausstellung im Museum of the City of New York gewürdigt wird, war das Raster, das die Römer schon benutzt hatten, damit ihre Legionäre sich in den Siedlungen ihrer Kolonien auf Anhieb zurechtfinden konnten. Die Größenordnung, in der für New York ein Netz an regelmäßigen Quadranten über eine noch unerschlossene Landschaft gelegt wurde, war jedoch neu.
New York war damals eine kleine Ansiedlung am Südzipfel von Manhattan. Nördlich der heutigen Canal Street bestand sie weitestgehend aus Farmland; Harlem war noch ein Dorf, eine gute Tagesreise entfernt. Gerade einmal 96.000 Menschen lebten damals in New York. Doch die Bedeutung des Seehafens wuchs rapide und mit ihm die Bevölkerung. Seit 1790 hatte sich New York verdreifacht und man rechnete damit, dass hier bis 1860 400.000 Menschen leben würden.
Das Jahrhundert des Manhattanismus ist vorbei
Es wurden mehr als 800.000. Und so fassten Rutherford, De Witt und Morris einen gewagten Plan. Ein wenig nördlich der Canal Street, in Höhe der Houston Street, wurde ein Strich quer über die Insel gezogen. Von hier aus teilte man die Insel bis zur 155. Straße in 2028 gleichmäßige Parzellen auf. Zwölf Avenues teilten das Land in Nord-Süd-Richtung, 156 Straßen in Ost-West-Richtung. Hügel, Täler, Felsen, Gewässer, Bauernhöfe – sie alle waren nur Stolpersteine auf dem Weg zur Verwirklichung der Vision.
Die Begründung für die Rasterung des zukünftigen Manhattan klang krämerisch-kleingeistig: Das Raster sollte den Verkauf und die Bebauung der Grundstücke erleichtern, die Vermarktung New Yorks so reibungslos wie möglich machen. Tatsächlich, so schreibt der Architekten-Guru Rem Kohlhaas in seinem Manhattan-Manifest „Delirious New York“, habe es sich jedoch, wenn auch unbewusst, um den ungeheuerlichsten prognostischen Akt in der Geschichte der westlichen Zivilisation gehandelt: „Die Bevölkerung war eine Projektion, die Gebäude waren Phantome, die Aktivitäten, die zwischen ihnen stattfinden sollten, existierten nicht.“ New York war, so Kohlhaas, eine Geisterstadt der Zukunft.
Eigentlich glaubten die Planer, enge Parameter für das geschaffen zu haben, was Manhattan einmal werden würde. Das Raster so schrieben sie, werde rechtwinkelige Gebäude produzieren, billig zu bauen und praktisch zu bewohnen. Manhattan sollte eine durch und durch rationale, monotone Stadt werden. Stattdessen wurde die Insel zum größten Chaos der westlichen Hemisphäre. Das Raster verhinderte die Planung und Gestaltung kompletter Viertel oder Bezirke. Architektonische Differenzierung blieb auf die Grundeinheit des Rasters beschränkt: den Block. Dort brach sie sich jedoch umso machtvoller Bahn. Jeder Block von Manhattan ist ein eigenes Universum, ein eigenes symbolisches System, dass seine Bedeutung nicht zuletzt aus dem harschen Kontrast mit dem Nachbarn gewinnt.
Charakteristisch für New York blieb dabei, im kleinen wie im großen Maßstab, der utopische Geist. Jeder Block ist, so wie das Raster insgesamt, eine Vision von der Stadt der Zukunft. Das Rockefeller Center ist die Idee der autarken Stadt in der Stadt, das Empire State Building das nackte, unkontrollierte Unbewusste der technisierten Moderne, das Dakota Building und das Waldorf Astoria Visionen des Wohnens und Lebens in der Zukunft. Die Uno soll die reine Vernunft einer aufgeklärten Menschheit verkörpern, die Radio City Music Hall sollte Unterhaltung und Massenkommunikation revolutionieren.
Die Ironie bei all dem war freilich, dass im Raster all die Utopien gleichberechtigt nebeneinander standen. Das Raster ließ jedoch nicht zu, dass eine Vision sich durchsetzt, es hat die Stadt radikal demokratisiert. New York hat kein Zentrum, kein Ort ist gegenüber den anderen privilegiert.
Davon war auch die neuartige urbane Erfahrung geprägt, die New York anzubieten hatte. Von Block zu Block, von Nachbarschaft zu Nachbarschaft ist New York anders, das Raster produziert harsche kulturelle und ethnische Brüche und Kontraste. Die moderne Stadt ist nur als fragmentierte Erfahrung zu begreifen, so wie der Jazz, die Collage, der moderne Roman. In New York zu sein, ist eine Erfahrung, die nie ganz aufgeht, für die es keine Formel gibt, aber sie ist dennoch mit nichts anderem vergleichbar.
Nun ist das Jahrhundert des Manhattanismus, das 20. Jahrhundert, vorbei. Das Raster hat sich wenigstens in Nordamerika als städteplanerisches Prinzip durchgesetzt – mit unterschiedlichem Erfolg. Anderswo ist man davon wieder abgekommen.
New York wird das Raster jedoch nicht mehr los. Versuche, wie die des Städteplaners Robert Moses zur Mitte des 20. Jahrhunderts, es zu durchschneiden, sind gescheitert. Seitdem hat New York es als sein Prinzip und sein Erfolgsrezept akzeptiert, das zeigt nicht nur diese Jubiläumsaustellung. So hatte das alte World Trade Center im südlichen Manhattan das Raster ausgeschaltet. Inmitten des neuen World Trade Center feiert es jedoch ein Comeback. Es war eines der wenigen Elemente des neuen Bebauungsplans, über das nicht gestritten wurde.
Die Ausstellung „The Greatest Grid“ (Das größte Raster) im Museum of theCity of New York läuft bis 15. April.
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