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11. Mai 2012

Ausstellung: Aus Camps werden Städte

 Von Nikolaus Bernau
Einst war Deheishe ein provisorisches Lager. Jetzt ist es eine Stadt.  Foto: Armin Linke/UNRWA

Ein Kongress und eine Ausstellung in Berlin zeigen Ähnlichkeiten von Flüchtlingslagern, Favelas und Slums. Einig sind sich die Fachleute, dass die Bewohner dauerhaft akzeptiert werden müssen, wenn sie dauerhaft eine Chance haben wollen.

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Das ideale Flüchtlingslager – so weit es das geben kann – wird schnell aufgelöst. Egal, ob die Menschen vor Krieg, Entrechtung, Naturkatastrophen oder Hunger fliehen: Sie kehren in ihre Heimat zurück, sie wandern weiter, oder sie müssen die neue Heimat als dauerhaft akzeptieren. Dabei gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Die Integration in die ansässige Gesellschaft, wie es mit den zwölf Millionen Flüchtlingen nach dem Krieg in Deutschland geschah, oder eben doch die Verstetigung des Lagers zu einer eigenen Lebensform.

Diesen Weg zeichnet derzeit eine kleine, intensive Ausstellung im Deutschen Architektur-Zentrum in Berlin nach. Das Beispiel sind die palästinensischen Flüchtlingslager. Großfotos, Textwände, Lebensberichte, Modelle und Pläne von Lagern sowie etliche Filme zeigen eine ebenso schwierige wie lebensvolle zivile Welt, ein Gegenbild zu den kriegerischen Nahost-Nachrichten: Der Swimmingpool, dessen Blau an das unerreichbare Mittelmeer erinnern soll; Kinder, die von ihren Schulen schwärmen; die irrwitzige Bebauungsdichte eines Lagers, das als Barackenanlager begann und heute aus sechsgeschossigen Häusern mit hauchschmalen Gassen dazwischen besteht.

Fünf Millionen Flüchtlinge

1948 flohen infolge des jüdisch-arabischen Bürgerkriegs und des ersten israelisch-arabischen Kriegs zwischen 700.000 und 850.000 Menschen aus dem heutigen Israel nach Libanon, Syrien und Jordanien, in die Westbank und in den Gaza-Streifen. Mit ihren Nachkommen sind inzwischen etwa fünf Millionen Menschen als „palästinensische Flüchtlinge“ anerkannt.

Israel verbot ihnen 1948 die Rückkehr und enteignete ihren Besitz. Die arabischen Nachbarstaaten hingegen – die Westbank gehörte bis 1967 zu Jordanien, der Gaza-Streifen zu Ägypten – und die palästinensischen Führer versprachen den Flüchtlingen jahrzehntelang die baldige Vernichtung Israels und die Rückkehr. Sie hatten kein politisches Interesse daran, die Lagerbewohner sozial und wirtschaftlich zu integrieren. Deren Lebensbedingungen dienen stattdessen als Faustpfand für Verhandlungen mit Israel und als Mittel, um international Druck auszuüben.

Aber sind diese Lager nicht längst Städte? Und können diese nicht international verglichen werden wie alle urbanen Lebensformen? Der in Stuttgart lehrende Stadtplaner und Kurator Philipp Misselwitz organisierte auch eine Eröffnungstagung zur Ausstellung. Bereits zu ihrem Beginn zeigte sich, dass die Polisario in West-Sahara ganz ähnlich wie die Fatah in Palästina die Bilder der Flüchtlingslager als Instrument nutzte, um den Anspruch auf einen eigenen Staat durchzusetzen und aus dem gemeinsamen Schicksal eine Nation zu formen. Dennoch beharrten etliche Palästinenser darauf, dass ihr Schicksal und ihre Flüchtlingslager einzigartig seien.

Es war der einzige, allerdings wesentliche Konflikt dieser Tagung. Denn Misselwitz, der die regionalen Empfindlichkeiten seit Jahren kennt, ist wie viele auch seiner palästinensischen Planerkollegen überzeugt: „Wir können aus dem Vergleich mit den Favelas Südamerikas, den Slums Indiens und Afrikas auch für die Zukunft der Palästinenser-Lager lernen.“

Die Lebenserfahrung des Flüchtlingslagers und der rationale Außenblick der Planer trafen hier aufeinander. Einig war man sich allerdings darin, dass alle diese Siedlungsformen, damit deren Bewohner neue Chancen haben, endlich als dauerhaft akzeptiert werden müssen. Sie gehörten in Landkarten und Besitzkataster eingetragen, ihre Bewohner sollten volle Bürgerrechte erhalten; viele palästinensische Flüchtlinge etwa sind staatenlos und können jederzeit ausgewiesen werden.

Kreativität der Betroffenen

Die eigentliche Aufgabe von Planern und Architekten sei in solchen Siedlungen nicht die Entwicklung von Neubauvisionen. Sie müssten die Bewohner vor allem motivieren, sich um ihre eigenen Interessen zu kümmern − um Wasserversorgung, Abfallentsorgung, den Bau von Wohnungen, Schulen, Märkten und sogar Theatern. Dann legen auch die Bewohner von südafrikanischen Townships oder Slums in Brasilien, trotz Armut und miserabler öffentlicher Versorgung, öffentliche Plätze und Gärten an, beanspruchen, dass Straßen gepflastert sind und das Wasser sauber ist, die Polizei und nicht die Mafia für Sicherheit sorgt.

Dann können, wie in Addis Abeba, die sonst so geizigen Händlersfrauen zur allgemeinen Überraschung Land bereit stellen, damit ein Gemeinschaftshaus entsteht. In palästinensischen Lagern entwickeln Männern und Frauen, sonst meist streng separiert, gemeinsam Bebauungspläne, wo es bisher nur Wege und chaotisches Hausen gab. Und in den vom Bürgerkrieg immer noch verheerten Beirut kann so eine neue Stadtgesellschaft entstehen.

Kurz: Manche Sanierung geht auch ohne gewaltige Finanzmittel und Neubauten, radikale soziale Umstrukturierungen, Korruption und Verschwendung. Einfach durch die aufgeweckte Kreativität der Betroffenen. Ein Modell, von dem auch die reichen Industriegesellschaften lernen können.

Deutsches Architekturzentrum: Die Ausstellung „Space, Time, Dignity, Rights“ läuft bis zum 3. Juni.www.daz.de

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