Als der Optiker und Astronom Johannis Zahn sich Anfang des 18. Jahrhunderts mit der Funktionsweise des Auges befasste, zitierte er einen Satz, den er dem alttestamentarischen Buch Esra zuschrieb, der aber doch mehr aus seinem eigenen Staunen entstanden sein muss: "Wenn du mehr Forscherdrang hättest, würdest du dich häufiger wundern." Nun, wer nicht genug Drang oder genug Zeit hat, selbst zu forschen, der kann sich doch ausführlich wundern - und umfassend die Kunstfertigkeit und Geduld anderer bewundern: Indem er in die Ausstellung "Blickmaschinen" im Siegener Museum für Gegenwartskunst geht.
Was hat sich der Mensch nicht alles ausgedacht, um die ständig schweifende Wahrnehmung der Sehenden zu bündeln und lenken, um arglos oder neugierig Schauende zu becircen und zu täuschen, um Augen-Blicke zu fixieren und das Unbelebte belebt erscheinen zu lassen - was dann ins Kino führte. Kaum war die Zentralperspektive für die Malerei erfunden, machten sich die Ersten auch schon lustig über sie. Kaum war der Spiegel verbreitet, da nutzte man ihn schon zu den schönsten Abbildungs- und Verzerrungsspielen. So zeigt die Ausstellung auch, dass der Mensch gern in die herrlichste Nutzlosigkeit abschweift. Johannis Zahn übrigens erläuterte in seinem 1702 erschienenen Buch "Oculus Artificialis Teledioptricus" die optische Wahrnehmung mittels Lichtstrahlen anhand eines fliegenden Drachens.
Wie das Dresdner Hygienemuseum in seinen klug konzipierten Themenausstellungen bringen auch die Siegener hier Wissenschaft und Kunst aufs Beste zusammen. Die große Sammlung des Experimentalfilmers Werner Nekes ("Uliisses", "Johnny Flash") hilft ihnen dabei: Alles, was irgendwie mit Bildgebungsverfahren durch die Jahrhunderte zu tun hat, findet sich in ihr. Laterna Magica und Lochkamera, Wundertrommeln, Kipp- und Bienenkorb- und Vexierbilder, Diaphanien und Farbenkreisel, Perspektivtheater, Anamorphosen. Ein Thaumatrop zum Selbstbasteln gibt es auch: Wenn man die simple, von beiden Seiten bedruckte Pappscheibe auffädelt und den Faden schnell genug zwirbelt, schafft ausgerechnet die Trägheit des Auges einen Sinn, wo vorher keiner sichtbar war.
Überhaupt ist es der Starrsinn des menschlichen Auges (und/oder des verarbeitenden Gehirns), der viele der optischen Spiele und Täuschungen erst ermöglicht. Am bekanntesten ist wohl immer noch das Daumenkino. Der 1963 geborene Miguel Rothschild hat seine Installation "Die Familie Mustermann - Trauma eines alleinstehenden Künstlers" mit Dutzenden von Daumenkino-Heftchen ausgestattet und sie "Film" genannt. Den muss man sich selbst erarbeiten, indem man den Fotos in den Heftchen - dem einsamen Mann, der vierköpfigen Idealfamilie - Bewegung verschafft.
Wie hier könnte die Kunst in Zeiten des Fotohandys durchaus ein Reservat alter, aussterbender Techniken werden. Sigmar Polke setzt in seiner Serie "Laterna Magica" (1988-96) auf durchscheinendes, mit Kunstharzlack bemaltes Polyestergewebe, um den Bildern, sobald Licht sie durchdringt, Tiefenschichten zu geben. Steven Pippin hat eine Reihe von Lochkameras in Pissoirs installiert und sich selbst mittels dieser raffinierten Primitivtechnik als flüchtige, fast geisterhafte Erscheinung fotografiert ("Lavatory Locomotion", 1997). Tim Noble und Sue Webster formen diverse Materialien so, dass die Schattenränder der angestrahlten Objekte stets die Umrisse der beiden Künstler - etwa ihr Profil - zeigen. William Kentridge greift in "What Will Come (Has Already Come)" von 2007 die Anamorphose wieder auf: Eine verzerrte Zeichnung auf einer großen, liegenden Scheibe wird in ihren korrekten Proportionen sichtbar in einem spiegelnden Zylinder, der in ihrer Mitte steht. Aus scheinbar diffusen grauen Linien wird so eine Fliege, die etwas seltsam Bedrohliches hat - als hätte sie sich aus eigener Kraft materialisiert aus einem Nebel.
Es gibt viel zu tun in dieser Ausstellung. Man kann die Welt Kopf stehen oder sie kunterbunt werden lassen. Man kann Voyeur spielen und sich dabei reingelegt fühlen: Der Blick durch die Löcher in Mischa Kuballs Spiegelschrank zeigt harmlose Düsseldorfer Straßenszenen ("Durch das große Glas", 1999). Man kann Knöpfe drücken, auf dass Attila Csörgös "Sphärischer Strudel" entsteht. Oder in Ulrike Grossarths eigens für Siegen geschaffener Installation mit Perspektivwechseln spielen.
Die meisten der Siegener "Blickmaschinen" sind auf Illusion, auf Täuschung angelegt. Die Betrachterin lässt sich von ihnen aber ausgesprochen gern in die Irre führen und auf eine Weise zum Staunen bringen, wie sie Entwicklungen der Hochtechnologie kaum noch auszulösen vermögen.
Vielleicht ist der Trick dabei, dass die Betrachterin diese Tricks zu enttarnen vermag - etwa, indem sie mit ihnen spielt. Nike Bätzner, die die Ausstellung mit Eva Schmidt und Werner Nekes kuratierte, schreibt: "Das Durchschauen der Täuschung ist auch mit Lust verbunden, da man sich doppelt bzw. gespalten erleben kann - als einerseits wissend und kritisch und andererseits naiv glaubend." Die Blickmaschinen lassen einen also nicht nur forschen und sich wundern, sondern auf sehr angenehme Art sich wundern.
Museum für Gegenwartskunst Siegen: bis 10. Mai. Katalog erschienen im Dumont-Verlag, 320 Seiten, im Buchhandel 49,90 Euro. www.blickmaschinen.de und www.mgk-siegen.de
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