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Ausstellung: Er konnte es eben so verdammt gut

Eine Lübecker Ausstellung sieht den Impressionisten Anders Zorn, Schwedens Nationalheiligen unter den Malern, einmal mit dem Blick von außen.

        

Fischer und Fische, Motiv von 1888: Fast fotografische Präzision der Figuren und Gesichter  wechselt mit spontanen, verwischten Malstrukturen.
Fischer und Fische, Motiv von 1888: Fast fotografische Präzision der Figuren und Gesichter wechselt mit spontanen, verwischten Malstrukturen.
Foto: KATALOG IMHOF VERLAG

Womöglich wäre diese Ausstellung, hätte sie nach ersten Plänen in die Stiftung Brandenburger Tor einziehen können, in Berlin nur eine Schau unter Hunderten anderen geworden. So genießt nach der Absage jetzt Lübeck den Ruhm, Schwedens Nationalheiligen unter den Malern, Anders Zorn (1860-1920), der 1896 in Berlin auf der Schau der Königlichen Kunstakademie seinen Durchbruch hatte, als Phänomen der frühen Moderne zu zeigen.

Von diesem Maler sagten Freund wie Feind: „Er kann es eben so verdammt gut!“ Und nicht nur das Malen und Radieren. Auch das Sich-Vermarkten. Zorn, Schwedens Vorzeige-Impressionist, eleganter Aufsteiger aus dem armen bäuerlichen Milieu und zugleich Maler der heimischen Kultur, erlebt derzeit eine internationale Renaissance. Sammler treiben die Gebote inzwischen in Millionenhöhe. Gleich in den ersten Tagen drängten denn auch schon 1 400 Besucher ins klassizistische Museum Behnhaus Drägerhaus, das zum so liebvoll mit ehrgeizigem Bürgersinn gepflegten und geförderten Museumsverbund von elf Häusern gehört.

Unbekannt ist Zorn in Lübeck nicht. Schon 1913 waren dort seine reduzierten Schwarz-Weiß-Radierungen zu sehen, diese revolutionären atmosphärischen Szenen aus Licht und parallel laufenden Strichen, die wie Vorboten der fotografischen Malerei eines Gerhard Richter aussehen. Dann noch einmal vor 25 Jahren. Auch steht Zorns Bronze des Schwedenkönigs Gustav Wasa seit 1920 im Rathaus der Hansestadt – und nun mitten in der Schau.

Der Querschnitt durch Zorns Lebenswerk wird in Lübeck zum späten und ersten richtigen Deutschland-Auftritt eines Malers, den man hier zwar einst feierte, aber bald vergaß. Von ihm besitzt die Nationalgalerie Berlin als einziges deutsches Museum ein Ölgemälde: den „Sommerabend“ von 1894. Momentan hängt es prominent in Lübeck, statt im Depot der Nationalgalerie zu dämmern. Man steht vor einem keineswegs romantischen, dennoch magischen Akt im Freien, er ist weder biblisch noch anders mythologisch aufgeladen. Die Nackte am Fels überm Wasser ist keine Liebesnymphe, Göttin oder Heilige, nicht einmal besonders hübsch. Umso mehr besteht sie aus Natürlichkeit, Licht und diesseitiger Sinnlichkeit.

Herbe Motive, selten bunt

Die Ausstellungsmacher Anna-Carola Krausse und Alexander Basteck zeigen den Maler und Radierer Zorn, diesen Kunstreisenden durch Europa bis nach Amerika und Nordafrika einmal anders: Nicht mit dem Nationalstolz aus schwedischem, sondern mit eher „fremdem“ Blick.

Es gibt keine chronologische Dramaturgie in dieser dialogischen Schau mit hundert Bildern. Es wird auch nicht das pathetische Märchen vom Dorfjungen erzählt, der auszog, um als Genie berühmt und reich in die weltferne und Mittsommer-mythenschwere Provinz Dalarna zurückzukehren.

Die Ausstellung holt Zorn, dessen Nachlass und Mythos in seiner Heimatstadt Mora museal gepflegt wird, auch aus der viel zu engen Einordnung als Impressionist. Sein Malen mit Licht wäre mit dem Stilbegriff nicht zu fassen, sondern ist viel mehr: Tiefes Zeitgefühl, Widerstand gegen die gängige Salonkunst durch betonte Motivwahl im profanen, oft derben Alltag, etwa der Fischer. Zorns Motive zeigen Empfänglichkeit und Ausdruckwillen in einem. Die Rezeption des seinerzeit in Europa wie Amerika erfolgreichen Malers – in Paris malte er plumpe Mädchen aus den Armenvierteln als „Venus“, in den USA porträtierte er Millionärstöchter – bedarf der Erweiterung. Natürlich weist Zorns präzise Bildsprache viele Merkmale auf, die „impressionistisch“ sind: das Skizzenartige, das momenthafte, atmosphärische Treiben auf Märkten, am Hafen, in den Straßen von London oder Paris. Fast glaubt man in den Aquarellen die Feuchtigkeit – oder Trockenheit – der Luft, den Staub, die Kälte oder Hitze zu spüren. Dazu diese asymmetrischen Kompositionen: Mischungen aus Froschperspektiven und Aufsichten schaffen Dynamik. Auch fehlt das Liebliche, das in Gemälden französischer Impressionisten so entzückt. Zorns Motive sind herb, selten bunt, die fast fotoartigen, meist in ungewöhnliche Hochformate gesetzten Wasserlandschaften haben elementare, auch zerstörerische Kraft, statt die Leichtigkeit des Seins zu feiern.

Zorn war ein Vielreisender, das Aquarellieren war ihm wie Skizzieren. Ob Kräuselwellen des Mittelmeeres, ob ein kristallklarer englischer Bach, ob glänzender Spiegel eines idyllischen schwedischen Sees oder die tosende Atlantik-Brandung – Wasser diente ihm zu Charakterstudien. Zwei Aquarelle vom Hamburger Hafen von 1891 lassen das Wasser schlammig, ja bleiern aussehen. Im schwefligen Nebel verschwindet die Hafenanlage. Die kalte Luft wird zur greifbaren Substanz. Diese Motive gehörten einst der Kunsthalle Hamburg. Deren Direktor verkaufte sie in den 1920er-Jahren nach Schweden. Welch museumspolitische Fehlentscheidung.

Schockierender Kontrast von Eleganz und Derbheit

Zorn, der uneheliche Sohn eines deutschen Bierbrauers und einer Bäuerin, eroberte seinerzeit, ob in Berlin, London, Paris oder in den USA, das Publikum im Sturm. 550 Auftragsporträts zählt sein Werkverzeichnis – und das trotz – oder vielleicht wegen seiner Realitätsversessenheit. Denn neben den magisch flirrenden Wassern und den natürlichen Mädchenakten zeigte er auch deutlich die vom Salz aufgerissenen, zerfressenen Hände der Fischfrauen auf dem Markt, die zerschundenen Knie der Mägde. Und dem eleganten Porträt einer jungen Amerikanerin in Weiß, mit roter Schleife im Haar, folgen derbe Szenen von auf dem Tanzboden stampfenden, in der Sauna schwitzenden schwedischen Bauern.

Um 1889, zur Weltausstellung, lebte Zorn in Paris. Er befreundete sich mit Max Liebermann und hatte Kontakt mit den berühmten französischen Impressionisten. Aber so anders als deren klare, helle, heitere Farbigkeit drängte die seine plötzlich immer mehr ins Dunkeltonige. Zorns bestes Porträt aus dieser Zeit ist das des depressiven Schauspielers Coquelin Cadet. Das feine Gesicht und die knochigen, fast courbet-haft groben Hände (Hände, wie auch Neo Rauch sie heute malt) schaffen einen fast schockierenden Kontrast von Eleganz, Geistigkeit und Derbheit.

Damals in Paris malte Zorn auch Martha und Max Liebermann, den Freund, in den Farben des gemeinsamen Vorbilds Frans Hals: in Schwarz, Grau, Weiß. Beide Bilder hingen einst im Liebermann-Haus am Pariser Platz – Belege einer Internationale der modernen Kunst, als deren Gewährsmann der erfolgreiche Schwede diente.

Max Liebermann starb 1934. Der Versuch, seine Witwe vor den Nazis in Sicherheit zu bringen, scheiterte 1942, als der schwedische Prinz Eugen, auch er ein Maler, die Ausreise durch ein Lösegeld erreichen wollte. Als Pfand wurden jene beiden Porträts in einem Wäschesack nach Schweden geschmuggelt. Aber die Nazis wollten mehr Geld. Martha Liebermann nahm sich 1943 das Leben. Zorns Porträt und das ihres Mannes hängen nun als Leihgaben aus Mora in der Lübecker Schau.

Lübeck, Behnhaus Drägerhaus. Bis 15. April Di–So 10–18 Uhr, Katalog (Imhof) 29,95 Euro.

Autor:  Ingeborg Ruthe
Datum:  23 | 1 | 2012
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