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Ausstellung: Islam ist nicht Orient

Einst war Berlin das Vorbild, jetzt können wir hier lernen: Das Metropolitan Museum in New York hat die muslimisch geprägte Kunst vollkommen neu geordnet.

Der „Maurische Hof“ in der neuen Abteilung der islamischen Kulturen.
Der „Maurische Hof“ in der neuen Abteilung der islamischen Kulturen.
Foto: Nikolaus Bernau
New York –  

Manches Objekt muss einfach nur, durch welche Wunder auch immer, die Zeitläufte durchstehen, um als Kunst anerkannt zu werden. Etwa jene zart gewobene Bodenmatte, die im 10. Jahrhundert im heute israelischen Tiberias entstand. Damals ein Alltagsgegenstand, ist es verziert mit einigen arabischen Schriftzeilen. Wäre die Matte im 19. Jahrhundert entstanden, hinge sie in einem Völkerkundemuseum. Dank ihres Alters aber gelangte sie im New Yorker Metropolitan Museum in die neue, ab Sonnabend zugängliche Dauerausstellung für islamische Kunst. Diese nennt sich aber nicht so, sondern heißt jetzt ziemlich umständlich Department „der arabischen Länder, der Türkei, des Iran, Zentralasiens und des späteren Südindien“.

Schon diese Bezeichnung der 15 Säle, in denen rund 1.200 Kunstwerke ausgebreitet werden, zeigt: Die Chefkuratorin Sheila Canby will neue Wege in der Darstellung der islamisch geprägten Kulturen beschreiten. Die Neuordnung soll herausführen einerseits aus der Konstruktion eines angeblich ewigdauernden „Orients“ – diese ist auch in Museen unhaltbar geworden. Denn die Kulturen des Islam sind nicht stehen geblieben, sie zeigten und zeigen Dynamik, Fortschrittsglauben und Kraft.

Ein Museum der Bürger

Vor allem aber soll diese Ausstellung gegen die Idee eines angeblich unaufhaltsamen „Kampfs der Kulturen“ und gegen die kulturelle Verachtung der islamischen Welt Position beziehen, wie sie besonders seit den Anschlägen vom 11. September 2001 immer wieder propagiert wird.

Und so sieht man vor sich den ganzen Reichtum einer Sammlung, die erstens seit dem späten 19. Jahrhundert aus den Spenden vieler orientbegeisterter Privatsammler und Händler entstand. Zur Dekoration ihrer Häuser trugen sie schimmernde Keramiken und Fliesenarbeiten, Teppiche, reich verzierte Glas- und Metallgefäße, kostbare Holzkisten und Elfenbeinschnitzereien zusammen und gaben diese später weiter an das Museum. So legten die New Yorker Bürger den Grundstein zu einem Schwerpunkt der Sammlung in der Zeit des Osmanischen Reichs und in der prachtvollen Hofkunst der indisch-islamischen Maharadschas. Hinzu traten die überaus erfolgreichen Ausgrabungen, die das Metropolitan Museum in den 1920er-Jahren im damals persischen Nishapur durchführte. So kann man etwa den Stuckreliefschmuck eines wieder zusammengefügten Zimmers aus dem 9. Jahrhundert bewundern – samt den glänzenden Keramikschalen und Krügen, die zum gehobenen Wohnstandard gehörten.

Die Ausgrabungen in Nishapur hatten ihr Pendant in jenen, die die Berliner Museen ebenfalls in der ersten Jahrhunderthälfte in Samara, der Residenz der abbasidischen Kalifen, und später in Raqqa durchführten. Auch sonst stehen sich die 1904 begründete Berliner Islamische Kunst-Abteilung, das heutige Museum für Islamische Kunst, und die erst 1963 aus dem Nahost-Department herausgelöste New Abteilung in New York nahe. Nicht zuletzt weil der Kunsthistoriker Richard Ettinghausen 1932 bei der Einrichtung der Berliner Bestände im Pergamonmuseum mitarbeitete. Nach seiner Flucht in die USA 1933 wurde er einer der einflussreichsten Berater von Sammlern und Museen islamischer Kunst.

Erinnerungen an die Alhambra

Als 1975 die von ihm gestaltete Ausstellung des Metropolitan Museums eröffnet wurde, zeigte sie sich in jedem Detail als Tochter des Berliner Museums. Das begann bei der Namensgebung, ging über die ästhetisierende Inszenierung in weißen Sälen bis zu deren Arrangement entlang einer strengen Zeitschiene vom 7. bis 19. Jahrhundert.

Ettinghausen erwarb auch – dass Vorbild des Berliner Aleppo-Zimmers ist unverkennbar – 1975 einen Schmuckraum aus Damaskus. Von der deutschstämmigen Restauratorin Mechthild Baumeister nach strengsten Denkmalpflege-Maßstäben konserviert, sind seine erlesen geschnitzten Wandtafeln nun erstmals in der korrekten Reihenfolge zu sehen. Eine völlige Neuerung hingegen ist jener kleine „maurische“ Hof, der eigens für diese Inszenierung von marokkanischen Handwerkern gebaut wurde. Zu schade, dass seine zierlichen, handwerklich so exquisiten Dekorationen und Säulen frei in der Galerie stehen, statt abgeschlossen in einem eigenen Raum, wie es sich für einen wirklichen Hof gehörte.

So sehr Ettinghausen noch immer verehrt wird – von seinem Vorbild und damit dem Berliner Muster löst sich die neue Ausstellung deutlich. Hier geht es weniger um die Konstruktion einer eigenständigen islamischen Kunstgeschichte als um die kulturellen Zusammenhänge zwischen der islamisch geprägten Welt und ihren Nachbarn. Systematisch werden in New York die in Deutschland noch hart eingehaltenen Grenzen zwischen Kultur- und Kunstgeschichte überschritten. Zwar fehlen auch in New York – wie in fast allen Museen islamischer Kulturen – Objekte aus Indonesien, dem Afrika südlich der Sahara oder gar aus dem Balkan. Aber immerhin hat die Gemäldegalerie eigens einen Übergangssaal mit Darstellungen von Landschaften und Städten des Nahen Ostens eingerichtet, wo auch jene orientalistischen Gemälde von schmachtenden Haremsdamen zu finden sind, die das 19. Jahrhundert entzückte.

Und dann ist da der herrliche Saal, der überspannt wird von einer reich mit geometrischen Schnitzmustern versehenen Holzdecke, so, wie wir sie aus der Alhambra in Granada kennen, der Residenz der letzten islamischen Fürsten in Spanien. Doch ist diese Decke ein spanisches Werk des 16. Jahrhunderts, entstanden lange, nachdem die Muslime verjagt oder zwangskatholisiert worden waren. Ihre Kunst aber überlebte, sie galt weiter als Ausweis von Kultur und Luxus – bis hin ins 20. Jahrhundert, als die Decke für die Ausstattung des Palastes von William Hearst nach Kalifornien gebracht wurde.

Ägyptens christliche Mehrheit

An den Wänden des Saals hängen erlesene türkische Teppiche. Im 18. Jahrhundert waren sie auf dem Balkan so populär, dass viele in Kirchen als Stiftungen die Zeiten überstanden und dann auf dem westlichen Kunstmarkt eine Zeit lang als „Siebenbürger Teppiche“ geführt wurden. Oder man entdeckt im großen Saal der indischen Kunstwerken die Miniatur einer hinduistischen Gottheit, die im Stil der Hofkunst der muslimischen Mogul-Kaiser gemalt wurde, im ersten Raum des Rundgang einen Stoff mit den Schriftzeichen der christlichen Kopten, die bis weit in die Neuzeit hinein die Mehrheit der Bevölkerung Ägyptens bildeten.

Islamisch? Christlich? Ägyptisch? Kunst? Volkskunst? Solche Fragen werden hier geöffnet. Angesichts des homogenen Bildes, dass etwa im spektakulären Museum in Doha noch vor zwei Jahren in Szene gesetzt wurde und das auch im Berliner Museum noch zu sehen ist, kann man nur sagen: In New York ist ein Maßstab gelegt, der erst einmal übersprungen werden muss.

Autor:  Nikolaus Bernau
Datum:  26 | 10 | 2011
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