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16. Oktober 2011

Auszeichnung: Friedenspreisträger Sansal fordert Ende des Nahost-Konflikts

 Von Judith von Sternburg
Boualem Sansal erhält den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels".  Foto: REUTERS

Der Regimekritiker Sansal hofft, dass der Wandel in der arabischen Welt weitergeht. Alle Mauern sollten fallen, fordert der Schriftsteller in Frankfurt zum Abschluss der Buchmesse.

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Frankfurt/Main –  

Die algerische Geschichte, sagte Boualem Sansal gestern Vormittag in der Frankfurter Paulskirche, sei nun einmal so: „Im Lauf der Jahrhunderte hatten wir nie die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern nur zwischen Krieg und Krieg, und was waren das für Kriege …“ So erscheine es ihm nun sonderbar, dass ausgerechnet er, „der ich seit jeher im Krieg lebe“, den (mit 25.000 Euro dotierten) Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekomme. Das sei eine „aufmunternde Geste“ – auch wenn ihn die Abwesenheit des algerischen Botschafters zugleich daran erinnere, „dass meine Situation in Algerien sich dadurch nicht verbessern wird, dass ich einen Friedenspreis mit nach Hause bringe“.

In seiner Dankesrede entwarf Sansal, Jahrgang 1949, ein dunkles Bild von der Situation in seiner Heimat, an der er anders als die meisten seiner Kollegen – darunter die im Jahre 2000 in Frankfurt ausgezeichnete Autorin Assia Djebar, die schon lange vorwiegend in Frankreich lebt – bis heute festhält. Es gehöre „zu den Absurditäten, aus denen Diktaturen sich speisen, dass meine Bücher verboten sind, ich selbst aber in meinem Land lebe und bis dato frei reisen dar. Falls über meinem Kopf ein Damokles-Schwert hängt, so sehe ich es zumindest nicht“. Sein Laudator, der Schweizer Literaturwisschaftler und Autor Peter von Matt, wusste freilich zu berichten, allein im Juli seien in Bourmedès, der Stadt, in der Sansal mit seiner Frau (bei der er sich rührend leidenschaftlich bedankte) wohnt, acht Anschläge mit Toten und Verletzten verübt wurden. Der Autor habe „um sein Haus Stacheldraht gezogen, er geht abends nicht aus und fährt nie ins Hinterland“.

Aber nicht von seinem persönlichen Leben im andauernden Ausnahmezustand wollte Sansal offenbar sprechen, er schilderte lieber ein Land, eine ganze Region im jahrhundertelangen Ausnahmezustand. Mit der inzwischen in Algerien eingekehrten „Grabesruhe“ ging er scharf ins Gericht, das sei „jene fade Suppe, die aufs Vergessen vorbereitet und auf einen banalen Tod“. Die Menschen seien erschöpft, allein, verängstigt, das Land unglücklich und zerrissen. Aus der „Logik eines totalitären Systems heraus“ werde die „Vielfalt des menschlichen Spektrums zu einem Fall von Identitätsbeleidigung“. Wachsende Repressalien gegen Frankophone, Juden, Künstler, Intellektuelle, Ausländer, Homosexuelle seien die Folge.

Zum arabischen Frühling bekannte sich der auch hier sonst skeptische Preisträger in der Paulskirche mit Verve: Was da geschehe, sei nicht nur eine Jagd auf Diktatoren (eine erfolgreiche Jagd, „sie fallen wie die Fliegen“). Es beschränke sich auch nicht auf die arabischen Länder, sondern eine „weltweite Veränderung, eine kopernikanische Revolution“ kündige sich an: „Die Menschen lehnen Diktatoren ab, sie lehnen Extremisten ab, sie lehnen das Diktat des Marktes ab, sie lehnen den erstickenden Zugriff der Religion ab, sie lehnen den anmaßenden und feigen Zynismus der Realpolitik ab, sie verweigern sich dem Schicksal, … überall empören sich die Leute und widersetzen sich dem, was dem Menschen und seinem Planeten schadet.“

Hoffnungen formulierte Sansal darum auch für den „ältesten Konflikt der Welt“, wie er den israelisch-palästinensischen nannte. Mit dem jüngsten Vorstoß von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas für eine Vollmitgliedschaft bei den UN hätten die Palästinenser zum ersten Mal seit sechzig Jahren „nur aus eigenem Willen heraus“ gehandelt. Darauf aber komme es an: mit Extremisten ebenso wie mit fernen Lobbys zu brechen, sich selbst frei zu bewegen, und dann vor allem: den Frieden öffentlich zu verkünden. „Aushandeln lassen sich Modalitäten, Formen, Etappen, aber der Frieden selbst ist ein Prinzip; er muss öffentlich verkündet werden, auf feierliche Weise. Man muss sagen: Friede, Schalom, Salam, und sich dann die Hand reichen.“ Sansal sieht nun Israels Premier Benjamin Netanjahu am Zug: einen öffentlichen Schritt zu tun und bei den Vereinten Nationen oder in Ramallah das „Prinzip Frieden“ zu verkünden. Ob das bloß ein Traum sei?

Literatur, hatte Laudator von Matt zuvor betont, sei „eine langsame Gewalt, aber es gibt keinen Felsen, der ihr auf die Dauer widerstehen könnte“. Sansal beschrieb er als „unbändigen Erzähler, Satiriker von Rang, witzig und weise, unerbittlich in den Diagnosen dessen, was schlecht läuft.“ Gnadenlos sei sein Urteil gegen die Mächtigen, voller Mitleid schildere er das Schicksal der kleinen Leute in seiner Heimat. „Wer den Frieden liebt, sollte ihm dankbar sein.“

Die Verleihung des Friedenspreises am Sonntag war wie immer auch der letzte große Termin der Frankfurter Buchmesse, die am Abend zu Ende ging. Eine Messe, die in diesem Jahr von außergewöhnlicher Hektik und Ruhe zugleich geprägt war.

Die Hektik: Wie schnell wird es jetzt gehen mit dem einerseits in Deutschland noch sehr übersichtlich vertriebenen, in einigen Messehallen aber schier omnipräsenten E-Book – inklusive der damit zusammenhängenden Sparten, den (durchaus auch aus Indien angereisten und ihre Dienste preiswert anbietenden) Konvertierern etwa? Hat der Buchhandel den Anschluss schon verpasst? Oder kann der in Frankfurt vorgestellte börsenvereinseigene E-Reader „Liro Color“ noch etwas reißen, der im Januar in die Läden kommen soll? Vielleicht in Verbindung mit dem ebenfalls jetzt präsentierten „Shop“ der Börsenvereinstochter MVB, der es auch kleineren Buchhändlern künftig möglich machen soll, E-Books via Internet zu vertreiben?

Buchhändler müssen heute unbedingt multimedial denken, hatte Buchmessen-Direktor Juergen Boos zur Eröffnung beschwörend proklamiert. Sie haben sich bei der Messe 2011 redlich Mühe gegeben. Während auf derselben Messe bereits fidel sich selbst vermarktende und (auf Plattformen wie Bookrix zum Beispiel) veröffentlichende Autoren nicht nur den Buchhandel, sondern gleich auch die Verlage übersprangen. Sie orientieren sich stark und unmittelbar an ihren Fans und Lesern und nennen das Freiheit.

Die Ruhe: Nicht nur die eigenen Marketingleute, deren Job es nun einmal ist, schwärmten vom Auftritt des Ehrengastes Island, dessen Präsentation so entspannt (und wunderschön und elfenfrei) war, dass man kurz vergessen konnte, wie fürchterlich die Frankfurter Buchmesse im Grunde ist. Und stattdessen daran denken konnte, dass es beim Umgang mit Büchern – egal in welcher Form – am Ende ums Durchlesen geht.

Dass bei den Besucherzahlen das Ergebnis von 2010 (280.000) eingeholt werden würde, war am Sonntag klar. Das schrafft schon an Islands Gesamtbevölkerung.

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