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30. Januar 2012

Autobiografie von Kusturica erschienen: Im Krieg mit Johnny Depp

 Von Mathias Schnitzler
Der Autor und Regisseur Emir Kusturica.  Foto: Getty Images

Emir Kusturica ist politisch umstritten und künstlerisch grandios. Genauso ist auch seine Autobiografie: Amüsant, aberwitzig – und voller Widersprüche.

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Darf man Emir Kusturica, den bekanntesten Filmemacher Ex-Jugoslawiens, noch mögen? So wie man Peter Handke liebt? Kusturicas öffentlich inszenierte Nähe zum serbischen Präsidenten Milosevic und heftige Liebesschwüre gegenüber dem in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagten Radovan Karadzic waren unerträglich. Die großserbische Parole „Ne damo Kosovo!“ (Wir geben den Kosovo nicht her), die Kusturicas „No Smoking Orchestra“ auf seinen Tourneen regelmäßig anstimmt, wirkt dagegen noch harmlos.

Auf der anderen Seite gibt es diese tollen, irrwitzigen, poetischen Filme: „Papa ist auf Dienstreise“ (1984) und „Underground“ (1995), beide mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, letzterer von politisch korrekten Kritikern allerdings schon als „pro-serbisch“ verdächtigt. Die fabelhaften Filme „Zeit der Zigeuner“ (1989) und „Schwarze Katze, weißer Kater“ (1998).

        

Emir Kusturica: Der Tod ist ein unbestätigtes Gerücht. Aus dem Serbischen von Mascha Dabic. Knaus, München 2011. 352 Seiten, 19,99 Euro.
Emir Kusturica: Der Tod ist ein unbestätigtes Gerücht. Aus dem Serbischen von Mascha Dabic. Knaus, München 2011. 352 Seiten, 19,99 Euro.

Noch immer erhält der Regisseur internationale Auszeichnungen, und den besten Sportfilm der letzten Jahre hat er auch gemacht: „Maradona by Kusturica“ (2006), denn die Dokumentation über das gefallene argentinische Idol geht weit über den Fußball hinaus.

Kusturica inszeniert seine Geschichte wie einen Film

„Der Tod ist ein unbestätigtes Gerücht“, lautet der Titel von Kusturicas Autobiografie, ein Zitat seines Vaters. Ein wesentlicher Teil des Buchs ist den Eltern in Sarajevo sowie einer Reihe außergewöhnlicher Großeltern, Onkel und Tanten gewidmet. Oft kommt die Familiengeschichte wie ein Kusturica-Film daher, vielleicht sind aber auch die Filme inspiriert von einer durch und durch schrägen Sippe. Die Nachbarschaft im Stadtviertel Gorica bestand aus Parteifunktionären und Zigeunern. Kusturicas Vater übrigens, ein dem Alkohol zugeneigter Freigeist, war ein entschiedener Verächter Titos.

Im Klubhaus der Polizei sieht der kleine Emir seine ersten Filme, Chaplin, Western, französisches Kino und bald – ein Initiationserlebnis – Fellini, der sein großes Vorbild wird. Auch Fassbinders meta-melodramatische Arbeit mit Stereotypen soll ihn später prägen. Die erste Idee für einen Film hat Kusturica schon als Jugendlicher. Eine Straßenbahn verlässt an der Konditorei seines Viertels die Schienen und fährt über den Asphalt weiter. „Im Film“, sagt Kusturica, „kann man das Unmögliche zeigen“, das sei der Hauptantrieb seiner Kunst.

In Prag studiert er unter dem tschechischen Regisseur Jiri Menzel an der Filmakademie. Für sein Debüt „Erinnerst du dich an Dolly Bell“ erhält er 1981 in Venedig den Goldenen Löwen. Durch die internationalen Erfolge verbringt der Regisseur viel Zeit im Ausland, lebt zeitweise in Frankreich, lehrt in den USA.

Mit Depp beim Kiffen in Sarajevo

Köstlich sind Kusturicas Geschichten mit Johnny Depp, den er bei den Dreharbeiten zu dem Film „Arizona Dream“ (1993) in Hollywood kennenlernt und bis heute zum engen Freund hat. Man trinkt heftig, hilft sich gegenseitig mit Lügen bei Produzenten aus der Patsche. Am Abend des Bosnienkriegs hängen Emir und Johnny, versteckt vor dessen Agenten, im verschneiten Sarajevo ab und kiffen.

Erst zum Schluss kommt Kusturica, der gebürtige Bosnier mit serbischer und französischer Staatsbürgerschaft, auf Milosevic zu sprechen – als seine Mutter ihm die jugoslawische Gretchenfrage stellt: Wie hältst du es mit dem Präsidenten? Der Sohn schildert ihn als vulgären Führer, der unter dem Pantoffel seiner Frau steht, doch ja, anfangs hätte er Milosevic für einen Visionär und Retter Jugoslawiens gehalten. Das sei ein Irrtum gewesen, „aber ich bleibe bei dem, was ich einmal gesagt habe, egal, wie es wirklich ist.“ Nach der Bombardierung Serbiens durch die Nato – die Operation trug den schönen Namen „Merciful Angel“ – habe er ohnehin nicht mehr zurückgekonnt.

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