Überzeugend, allerdings ohne es näher auszuführen, womöglich aus Scheu , sprechen die Herausgeber von einem "symptomatischen Briefwechsel". In der Tat, es geht nicht nur um Liebe, Freundschaft und poetische Korrespondenzen (etwa mit den Todes-Chiffren "Sand" und "Haar") eines längst mythisierten Dichtergespanns; es geht immer auch um deren Krankheiten. Die Krankheit Bachmanns allerdings, ihre massiven Angstzustände, ihre schwere Tabletten- und Alkoholsucht, die ebenfalls zu längeren Klinikaufenthalten führten, sind in dem Briefwechsel mit Celan noch nicht allzu präsent - sie waren vermutlich auch eine Folge der Entzweiung mit Max Frisch, 1962.
Um so erstaunlicher und bewegender, dass Bachmann nach Celans Tod, ein knappes Jahrzehnt nach dem Abbruch ihres Brief-Gesprächs, noch einmal eine intensive - rein poetische - Korrespondenz mit dem einstigen Geliebten führt: In das schon in Reinschrift vorliegende Manuskript ihres Romans "Malina", der 1971, zwei Jahre vor ihrem eigenen Unfalltod, erscheinen wird, fügt sie das Märchenkapitel "Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran" ein - eine Hommage an Celan, den sie am meisten von allen geliebt habe. Formuliert wird aber auch die Unmöglichkeit, gerettet zu werden von einem, der selber nicht gerettet werden konnte (und wollte).
Von Celans erstem, Bachmann gewidmeten Gedicht "In Ägypten" führt zwar eine direkte Linie hin zu Bachmanns "Malina", dieser überfrachteten Beschwörung des Verletztseins. Der Schmerz schmückt, das wusste schon der große Wiener Seelenarzt Freud, aber: die poetische Überhöhung des Schmerzes lässt die Grenzen zum Pathologischen fließend werden. Bei Celan ist das geschehen, bei Bachmann wohl eher nicht. Denn auch das zeigt dieser oft quälend zu lesende und zugleich elektrisierende Briefwechsel: Ingeborg war kräftiger.
Ingeborg Bachmann/Paul Celan:
Herzzeit.
Briefwechsel. Hrsg. v. Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann.
Suhrkamp Verlag,
Frankfurt/M. 2008,
399 S., 24,80 Euro.
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