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Baden-Baden: Ach, Otto

Vor, sagen wir, 25 Jahren wäre die Aufregung noch groß gewesen: Gespensterstunde in Baden-Baden. Von Peter Iden

Ende vergangener Woche wurde in dem von Richard Meier entworfenen Museums-Neubau des Sammlers Frieder Burda in Baden-Baden eine Ausstellung eröffnet, die an diesem bisher der klassischen Moderne gewidmeten Ort, die den Rang von Burdas Beständen ausmacht, so nicht zu erwarten war: Gezeigt werden (bis Mitte Juni) neben einer Auswahl großformatiger historischer Wandteppiche, die blutrünstige Szenen aus dem Kriegszug Karl V gegen das Königreich Tunis (1535) zur Darstellung bringen, Werke von Dürer, Tizian, Velasquez, aber auch Malerei aus dem 18. Jahrhundert etwa von Gainsborough und Canaletto - alles entliehen aus mit wenigen Ausnahmen der zweiten und dritten Reihe der Sammlungen des habsburgischen Herrscherhauses im Kunsthistorischen Museum in Wien. Die mit dem Titel "Die Künstler der Kaiser" unverhohlen auf Publikumszulauf zielende Schau überflüssig zu nennen, ist eine eher freundliche Einschätzung.

Zur Gespensterstunde aber wurde die Eröffnung durch den Auftritt des 96-jährigen Dr. Otto von Habsburg-Lothringen, den Burda bei seiner Begrüßung lächerlicherweise nicht versäumte als "Seine kaiserliche und königliche Hoheit" zu titulieren. Dieser Otto wurde 1946 unter Karl Renner des Landes Österreich verwiesen und durch das "Habsburgergesetz" 1961 zum Verzicht auf alle Ansprüche angehalten - ein Vorgang, den er auf seiner Ehren-Homepage bis heute als "rechtsunwirksam" zu bezeichnen sich erkühnt. Ihn "kaiserliche Hoheit" zu nennen steht nach österreichischem Recht unter Strafe.

Herr Dr. Habsburg ist inzwischen deutscher Staatsbürger geworden, hat sein Domizil am Starnberger See, die CSU entsandte ihn sogar als Abgeordneten ins Europa-Parlament. Europa ist ihm denn auch ein bevorzugtes Thema, allerdings, wie er in Baden-Baden wieder einmal wissen ließ, vor allem unter dem Aspekt der Erinnerung an die Herrschaft der Habsburger, die nach Otto einst durch die Unterwerfung der Niederlande, Spaniens, Italiens und der Balkanstaaten vermeintlich das geeinte Europa von heute vorwegnahmen. In seiner gottlob nur relativ kurzen Ansprache an das Publikum der Vernissage faselte der Greis etwas vom "historischen Grund", auf dem er sich - weil im alten Reich? - in Baden-Baden befände. Der kuriose Einfall, ihn einzuladen und sprechen zu lassen, erweckte deutlich den Eindruck des Versuchs einer posthumen Glorifizierung der historischen Hegemonie-Bestrebungen der Habsburger. Dass deren Universalmonarchie nicht nur zu Zeiten der Gegenreformation auf blutiger Unterdrückung beruhte, kam mit keinem Wort zur Sprache.

Noch vor, sagen wir: fünfundzwanzig Jahren hätte der Auftritt im Publikum Proteste ausgelöst. Weil aber derzeit im Kulturbetrieb schon fast alles gleichgültig ist, applaudierten die Leute freundlich und wollte sogar ein Werner Spiess (FAZ), freilich seit seiner Paulskirchen-Rede auf Anselm Kiefer im vorigen Jahr ein ausgewiesener Gegner der Moderne, nachher die Energie, mit welcher der Alte seinen Unfug vorbrachte, allen Ernstes bewundernswert finden. Und der Sammler Frieder Burda meinte die durch Ottos Anwesenheit vermittelte Verbindung der Gegenwart mit der Geschichte rühmen zu müssen - als entziehe dieser Zusammenhang die Geschichte ihrer Bewertung.

Aber so ist das jetzt, Haltung spielt keine Rolle, es ist eben alles möglich: Gestern sammelt einer Beuys und Gerhard Richter, nächstens wird er in seinem Museum Baselitz zeigen - warum soll dazwischen nicht einmal dieser Otto das reaktionäre Wort führen? Dessen Pressesprecherin übrigens, die gibt es wirklich, hatte später auf die gesprächsweise vorgebrachte Frage, ob denn, wenn schon ihr Chef nicht, wenigstens sie zu Idee und Praxis einer republikanisch verfassten Gesellschaft stehe, wie der Herr, so's Gescherr, nur die Antwort: "Das sicher nicht". Resümee des gespenstischen Reigens in einem Sammler-Museum ohne Begriff von sich selbst.

Autor:  PETER IDEN
Datum:  23 | 2 | 2009
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