Im Foyer des Frankfurter Schauspiels gibt es Kopfhörer und einen Bahnhofsviertel-Straßenplan mit rot eingezeichnetem Marsch-Vorschlag. Wer möchte, kann für fünf Euro ein Lunchpaket erwerben (aber es ist ja Abend, die Nachfrage hält sich in Grenzen). Als erstes soll man – immer hübsch zu zweit – von der Theaterdoppelanlage aus durchs Occupy-Camp laufen, wo, wie die Kopfhörer-Stimme erzählt, die letzten
Gleich neben der Innenstadt liegt das Frankfurter Bahnhofsviertel auf gerade einmal 52 Hektar zwischen Hauptbahnhof, Mainzer Landstraße, Gallusanlage und Untermainkai. Bekannt ist es vor allem für seine drei Hauptachsen: die Münchener, die Kaiser- und die Taunusstraße.
Vor knapp 100 Jahren war das Quartier noch Frankfurts Renommierviertel: Der monumentale Hauptbahnhof war damals einzigartig in Europa, die Kaiserstraße war Frankfurts Pracht- und Einkaufsstraße, die Münchener Straße hieß damals noch Kronprinzenstraße.
Trotz des Milieus hat das Viertel viel von seinem Flair behalten. Das einzige privat geführte englischsprachige Theater Frankfurts etwa holt den Broadway und das Londoner Westend an die Gallusanlage. Rund um die Uhr ist in diesem Viertel „Betrieb“, und die unzähligen Restaurants, Cafés und Ladengeschäfte bieten die umfangreichste (und exotischste) Angebotspalette der ganzen Stadt.
Die Bewohnerstruktur unterscheidet sich ebenfalls von allen anderen Stadtteilen. So leben überhaupt nur 2125 Menschen im Bahnhofsviertel, der Ausländeranteil ist relativ hoch. Und: Es gibt nur sehr wenige Familien im Bahnhofsviertel. Das liegt vielleicht auch daran, dass es hier keinen Spielplatz gibt.
Zum Renommierviertel soll das Quartier wieder werden. So hat die Stadt beschlossen, den Bahnhofsvorplatz neu zu gestalten. Entschieden ist aber noch nichts.
Manche sagen, das Merkez in der Münchener Straße sei das beste türkische Restaurant der Stadt. Andere behaupten, es sei das Bayram direkt gegenüber. Wobei der Besitzer von Merkez auch Bayram heißt. Die Dinge sind also kompliziert im Bahnhofsviertel, zumal, wenn es um Döner geht. Man könnte nämlich auch für das Alanya in der Taunusstraße plädieren (Name des Besitzers nicht bekannt). Gut sind sie allesamt. Und allen dreien ist gemein, dass man von drinnen durch große Scheiben nach draußen auf den Trubel in den Straßen schauen kann. Im Bahnhofsviertel ist es das Wichtigste. Dazu einen Tee. Und ein Schwätzchen mit Bayram von Merkez. Oder Bayram von Bayram.
Man sollte Harry kennen. Mit 17 begann der Wirt vom Moseleck als Kellner im Bahnhofsviertel, damals fuhr schon einmal die Helga Matura vor, eine von Deutschland berühmtestem Maler gleich zweimal verewigte Edelprostituierte, die 1966 ebenso mysteriös ums Leben kam wie neun Jahre zuvor Rosemarie Nitribitt. Harry kennt das Viertel wie wahrscheinlich kaum ein anderer. Das Moseleck, das bereits 1900 eröffnete und die älteste Kneipe des Viertels ist, übernahm er 1995 und schraubte erst mal alles fest. Wie zu allen Zeiten gibt es dort frisches Pils bis zum Morgengrauen. Aber inzwischen fliegen keine Stühle mehr durchs Fenster. Weil es nicht geht. Sind ja festgeschraubt.
Von all den Animierbars, die mehr oder weniger effektvoll Kunden kobern, ist das Moulin Rouge in der Moselstraße in jedem Fall die, in die man sich am ehesten mal reintrauen kann. Auch wenn man solche Läden ansonsten natürlich nie besuchen würde (wirklich nie!). Einst eine Backstube, wurde einer der letzten Jugendstilaltbauten des Viertels aufwendig saniert, das sieht man schon von außen. Aber drinnen dann: Eine Bar aus Eichenholz, Separees mit schweren Vorhängen und Originalfliesen. Es ließe sich also hinterher immer noch behaupten, man habe nur aus historischem Interesse mal reingeschaut. Und natürlich nicht aus Lasterhaftigkeit. Würde man ja nie. Wirklich nie!
Digitalverweigerer aushalten. Alle anderen, denen man in den Bahnhofsviertelstraßen begegnet, bis hin zu den Junkies vor der Fixerstube, sind Roboter, behauptet die Stimme. Nach etwa einer halben Stunde wird man aufgefordert, direkt ins „Pik Dame“ zu gehen, eine schon länger kulturaffine Striptease-Bar.
Die Realität ist so viel interessanter
„Red Light Red Heat – Eine Überbelichtungsmenagerie“ nennt der junge Regisseur Pedro Martins Beja sein mit Paul Wiersbinski (Text und Video) erarbeitetes „Projekt“ – dessen Konzept freilich eher unterbelichtet ist. Man wär wohl gern verrucht und gleichzeitig bedeutungsschwer; und ist doch nur verschwurbelt. „Ich brauche Emotionen“, fleht ein goldener Android, wir sollen lachen, weinen, irgendwas. Wie die anderen Figuren, die durchs Pik Dame wandeln und ab und zu auf die kleine Bühne steigen, ist einem der Android leider egal.
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