Vor Jahren nahm ein Zeitungskarikaturist die damalige Gewaltwelle in Hollywoodfilmen aufs Korn. Vor einem Kassenhäuschen zeigte er einen Mann mit vorgehaltener Pistole: "Eine Karte für Natural Born Killers bitte". Wer sich in den vergangenen Wochen in den USA spontan in eine Abendvorstellung von "The Dark Knight" setzen wollte, hätte schon zu ähnlichen Methoden greifen müssen.
Die Schlangen vor den Kinos konnten es mit denen vor den größten Kunstausstellungen aufnehmen. Und mehr noch, die Kritik feierte den Film als ebensolche: Der Kunstwert von Christopher Nolans Film wurde so einmütig herausgestellt, wie noch bei keiner anderen Comic-Verfilmung zuvor. Die IMAX-Häuser, in denen die wenigen Großbildkopien zu sehen sind, sind ausgebucht bis zum Herbst. Das bisherige Einspiel allein in den USA bis zum letzten Wochenende: 442 Millionen Dollar.
Vibrieren in allen Facetten
Man muss lange zurückblicken, um sich an ein ähnliches Phänomen kollektiver Filmbegeisterung zu erinnern. Wahrscheinlich bis zu einem gar nicht unähnlichen Fortsetzungsfilm, der seinen Vorgänger seinerzeit ebenso in den Schatten stellte: Francis Ford Coppolas Gangsterfilm "Der Pate". Wie damals Al Pacino kämpft nun Christian Bale derart einsam gegen die Unmoral, dass er auch den eigenen moralischen Halt dabei verliert. Damals verbarg sich das Übel hinter dem fast reglosen Gesicht Marlon Brandos, das wie eine lebende Maske wirkte. Seine gehauchten Worte gingen durch Mark und Bein.
Heath Ledgers Joker übertrifft noch Brandos Wirkung. Sein Gesicht ist nicht einfach gelähmt durch das anoperierte Grinsen, das in der Geschichte einmal als übles Vermächtnis eines diabolischen Vaters erklärt wird. Rund um das grimmige Lächeln vibriert es in allen Facetten. Diese funkelnden Augen im verwischten, ja im Übereifer der Emphase auch verheulten Punk-Make-Up: Sie fangen uns ein mit ihrem Charme und verfolgen uns noch lange mit ihrem gespenstischen Feuer. Natürlich ist es auch das erloschene Feuer eines jungen Mannes voller Hoffnung.
Vielleicht verlässt man das Kino nach all dem Vorschusslob doch etwas enttäuscht. Doch warten Sie ab, bis Sie zu Hause sind! Heath Ledgers Performance kann einen noch noch tagelang heimsuchen. Es gibt da eine bezwingende Gleichzeitigkeit von Jugend und Alter im Spiel des verstorbenen Ausnahmeschauspielers, die an den Stummfilmstar Conrad Veidt erinnert, den Somnambulen aus dem "Kabinett des Dr. Caligari". Es ist offensichtlich, dass Regisseur Christopher Nolan den Joker auf das direkte filmhistorische Vorbild der Comic-Vorlage zurückführen wollte, Paul Lenis expressionistischen Hollywood-Stummfilm "Der Mann der lachte" von 1928. Victor Hugos schauerlich-tragische Figur des zwanghaft Grinsenden spielte damals ebenfalls Conrad Veidt.
Heath Ledger haucht seine bösen Wünsche nicht wie Marlon Brando, er faucht sie wie ein junges Kätzchen. Seine Mission ist die Anarchie. Seine Raubzüge in der finstersten Version von Gotham City, die es jemals auf der Leinwand gab, dienen nicht der Bereicherung des Bösewichts. Seine Botschaft ist die Verunsicherung. Er stiftet moralische Zwickmühlen. Als sich Batman entscheiden muss, entweder den Staatsanwalt Harvey Dent oder dessen Verlobte zu retten, verstrickt er die Überlebenden in ein gänzlich unverschuldetes Schuldgebäude, das sie selbst entmenschlicht. Die moralischen Konflikte, die der Joker auslöst, zielen auf das widersprüchliche Selbstverständnis einer Zivilisation, die das Gute nur um den Preis einer gnadenlosen Härte erkaufen kann. Die stets mit der Möglichkeit kalkulieren muss, Unschuldige zu opfern, um Sicherheit und Wohlstand zu erhalten.
Schon zu Beginn der Geschichte wird Batman für seine Heldentaten nicht mehr geliebt. In Nolans Parabel steht er für den Sicherheitswahn einer vom Terror bedrohten Gesellschaft. Als er seinen technischen Helfer Lucius Fox (Morgan Freeman) anweist, alle Bürger Gotham Citys vorsorglich einer Videoüberwachung auszusetzen, verweist ihn dieser in seine ethischen Grenzen. Dass diese Grenzen dennoch überschritten werden, wird konservative Gemüter mit diesem Film versöhnen. Dass aber andererseits das Chaos in seiner Verkörperung durch Heath Ledger immer ein Stück weit attraktiver bleibt als alle Ordnung - das erklärt wiederum, wie dieser scheinbare Konsensfilm über den Kampf gegen den Terror zugleich zum Kultfilm der Alternativkultur werden konnte.
Klug inszenierte Architektur
Wie die Gesellschaft, die er karikiert, macht auch "The Dark Knight" Bauernopfer. Es ist nicht das makellose Meisterwerk, das viele in ihm sehen, es gibt schleppende Passagen und Figuren die weit weniger gut ausgeführt sind, etwa eine hölzerne Kinderrolle. Die Höhepunkte aber sind beispiellos und unvergesslich. Seit "Blade Runner" ist Architektur nicht mehr so klug und visionär inszeniert worden. Reale Drehorte in Chicago verwandeln sich in apokalyptische Zerrbilder jenes postmodernen Hochhausbooms, der bis heute als Schaufenster der Globalisierung die irrwitzigsten Blüten über den ganzen Globus treibt.
So wie die großen Stummfilmkomiker die Baustellen der ersten Bürotürme als surreale Spielwiesen entdeckten, führt Nolan heute auf die Baustelle des Chicagoer Trump Tower: Im Film das gespenstische Gerippe eines Dinosauriers aus Stahl und Beton. Es ist keine neue Erkenntnis, dass gerade an den Mythen der Comic-Kultur die kollektiven Ängste ihrer Zeit leicht zu benennen sind. Christopher Nolan hat die Batman-Figur, die immer schon für die moralischen Widersprüche einer im Geheimen operierenden Ordnungsmacht stand, in beklemmender Weise aktualisiert. Dafür opferte er auch einen Gutteil der Sympathie, die man dieser Figur noch immer entgegengebracht hat: Dieser "schwarze Ritter" ist so fragwürdig, wie die Gesellschaft, für die er steht. Für einen phantastischen Film gibt es hier einen ganz erstaunlichen Anteil dokumentarischer Wahrheit. Und Comic-Helden haben hinter ihren selbst gewählten Masken noch nie so gelebt.
The Dark Knight, Regie: Christopher Nolan, USA 2008, 152 Minuten.
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