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Bauen und Klima: Die Null muss stehen

Eine Frankfurter Veranstaltung der Bundesstiftung Baukultur über den Klimawandel.

Dem Klimawandel ausgesetzt, den Klimawandel herbeiführend: Flächenfraßbauweise in New Orleans.
Dem Klimawandel ausgesetzt, den Klimawandel herbeiführend: Flächenfraßbauweise in New Orleans.
Foto: AP

Es sah für einen Moment ganz so aus, als müsse er innehalten. Er öffnete den Mund, schloss ihn, um im nächsten Augenblick wortwörtlich zu sagen: Die Erderwärmung findet tatsächlich statt. Der Satz klang beinahe wie: Sorry, aber die Erkenntnis lässt sich einfach nicht mehr aus der Welt schaffen. Der Klimaforscher Mojib Latif rechnete vor alarmfarbenen Diagrammen und animierten Grafiken die Zahlen fürs globale Fälligkeitsdatum hoch. Er nannte es zwar nicht den Tag X, aber dass er eintritt, ist wohl so, weil der weltweite Schadstoffausstoß seit dem Treffen von Kyoto, dem Protokoll von 1997, auf dem der Abbau der Emissionen so gut wie beschlossene Sache schien, sich tatsächlich um 40 Prozent erhöht hat.

Mit Zahlenmystik hat der Klimawandel nichts zu tun, natürlich nicht. Darauf pochte auch die Veranstaltung über "Baukultur im Klimawandel" der Bundesstiftung Baukultur. Auf dem Podium des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt am Main hatte der Vorsitzende der Bundesstiftung, Michael Braum, den Kieler Klimaforscher Latif, den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, den Ingenieur und Architekten Werner Sobek, den Architekten Stefan Forster und die Projektentwicklerin Beate Reinartz zusammengebracht. Unterstützt von Friedrich von Borries, dessen Ausstellung "Updating Germany" als deutscher Beitrag und Öko-Phantasie auf der Architekturbiennale in Venedig zu sehen war und noch bis zum 22. Februar im DAM präsentiert wird, konzentrierte Braum den Blick auf ein Panorama an Problemen. Es könnte nicht breiter sein. Denn wie kann das Raumschiff Erde architektonisch so eingerichtet werden, dass es ökologisch sinnvoll ist.

Tatsächlich gründet der Ressourcenverschleiß auf drei Pfeilern. Dabei sind die Gebäude noch vor dem Verkehr und nach der Energiewirtschaft der zweitgrößte Kohlenstoffdioxid-Verbreiter. Es sind die Immobilien, und auch die Immobilienvermarkterin betonte es ausdrücklich, die für die Ressourcenverschwendung der Industriegesellschaften verantwortlich sind.

Drei Viertel aller CO2-Schadstoffe sind kommunal beeinflussbar, so durch Sanierung veralteter Bausubstanz, durch ökologische Modernisierung anstelle von Abriss, durch die Förderung von Stadthäusern in verdichteten, urbanen Quartieren anstelle von Einfamilienhäusern, mit denen dem Flächenfraß gefrönt wird, so der Tübinger Palmer. Wie auch Braum oder Forster machte er klar, dass die Intelligenz des Architekten nicht so sehr als Neubauplaner gefragt ist. Vielmehr bewährt sich architektonische Intelligenz im bereits vorhandenen Bestand.

Mit Baukunst hat das noch längst nichts zu tun, und die Anforderungen ans ökologische Bauen mögen sich wie eine prosaisch-bürokratische Herausforderung darstellen. Doch den Herausforderungen ist man nicht durch pittoreske Öko-Lyrik gewachsen; eher wird der Erfolg von Steueranreizen entscheidend animiert. Effizienter Klimaschutz ist Steuerpolitik, und keine Chance fürs energetische Ausbessern und ökologische Wiedergutmachen ohne standardisierte Verfahren, durch Wärmedämmung, zum Beispiel. Keine Erfolgsaussichten ohne innovative Einzelmaßnahmen, und es gibt bereits schöne Häuser, die ihren Strom und ihr Warmwasser selbst produzieren. Man muss sich den zukünftigen Baukörper als intelligente Maschine vorstellen.

Die klimagerechte Einsparmoderne basiert nicht auf Metaphysik. Werner Sobek, Professor in Stuttgart und in Chicago, Bahnbrecher der Leichtbauarchitekturen, Pionier von Bauwerken, in die die ökologische Vernunft so gut eingegangen ist wie der ästhetische Verstand, spricht nicht von ungefähr von einem gesamtgesellschaftlichen Bewusstseinsprozess. Und während er berichtet, was so unaufgeregt wie eindringlich geschieht, begreift er diesen Prozess als eine sehr zähe, kritische Masse. Auf Sobeks Agenda ein Dreisprung. Beim Triple-Konzept, wie er es nennt und wie ein eingetragenes Warenzeichen einführt, muss die Null dreifach stehen: Zero Energie, Zero Emission, Zero Waste - denn nicht zuletzt ist es der Bauschutt, der ungeheure Mengen an Müll zurücklässt, eine zusammengebackene Masse aus Schadstoffen, weder trenn- noch recyclebaren Materialien.

Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen wirbt Sobek für deren Gütesiegel, das DGNB. Es soll Architekturen nicht vorenthalten werden, wenn sie denn wirtschaftlich effizient, umweltfreundlich, ressourcensparend und, bei allem, auch gestalterisch überzeugend ist, weil feinste Materialästhetik kein ökologischer Fremdkörper sein muss. Wie auch immer man das DGNB beurteilen mag, es ist ein Siegel, das man ernster nehmen darf als das us-amerikanische Zertifikat "Leed", mit dem die Vergeudung weiterhin hausieren gegen kann, ohne schlechtes Gewissen. Denn die Ziele der Energieeffizienz sind mittlerweile weiter gesteckt. So zeichnet sich am Horizont, ohne dass er deswegen von Windparks verstellt und Dachlandschaften aus Knöterich verschandelt werden muss, das Energiegewinnhaus ab.

Keine Veranstaltung ohne Widerworte, und wer sich im Auditorium besonders klug vorkam, vermisste auf dem Podium einen Kulturwissenschaftler. Oder sah gar die künstlerische Freiheit zu kurz gekommen, weiterhin verschwenderisch und luxuriös zu sein, wenigstens ein bisschen, was sich als Statement nicht bloß auf die ästhetischen Potentiale der Architektur zu beziehen schien. Ein Podiums-teilnehmer betonte, er habe seine Meinung nicht geändert, und das sei ihm praktisch schon vorher klar gewesen.

Abseits von solcher Gedankenaustauschresistenz bestand im Lauf der gut zweieinhalb Stunden dennoch die Möglichkeit, zwei, drei Mal innezuhalten. Ging es doch um die Einsicht, dass das Irdische von endlicher Qualität ist.

Wer wollte, konnte ernst nehmen, dass der Erdball praktisch sterblich ist, nicht morgen, auch nicht so bald. Aber er bietet nun einmal ein so prekäres Fundament wie heikles Obdach. Alles an ihm ist buchstäblich zerstörbar wie irgendein Stoff sonst, so dass die Gelegenheit vorhanden war, durchaus verlegen zu werden. Im DAM wurde die Möglichkeit eröffnet, angesichts eines Themas ein wenig ins Schwitzen zu geraten.

Autor:  CHRISTIAN THOMAS
Datum:  2 | 2 | 2009
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