Auf dem Sofa in der Eingangshalle des Frankfurter Literaturhauses sitzt eine zierliche Dame im schwarzen Mantel, sie springt sofort auf, kaum dass man sich dem Sofa nähert, sie beginnt sofort zu sprechen. Beate Klarsfeld scheint kaum zu atmen zwischen ihren Sätzen, sie spricht schnell und präzise, ihr französischer Akzent klingt gar nicht weich. Im Februar ist sie 71 Jahre alt geworden, sie sagt, "bon", sie sei ein wenig müde, ein wenig angestrengt, aber sie meint das frühe Aufstehen, den langen Tag. Sie wirkt überhaupt nicht müde.
Am Morgen um halb sechs hat Klarsfeld ihre Pariser Wohnung verlassen, um in den Flieger nach Frankfurt zu steigen. Ein Film wird dort über sie gedreht, eine Szene in einem Porträt, das ihr Leben beschreiben soll, wieder einmal. Das Leben von Beate Klarsfeld, das Motiv der Nazi-Jägerin, die NS-Verbrecher bis in die Anden verfolgte, die mit dem Mossad paktierte und mit der DDR-Führung - immer wieder ist das Stoff für Filme gewesen. Klarsfeld ist von Farrah Fawcett gespielt worden in "The Beate Klarsfeld Story" (1986) und von Franka Potente in "Die Hetzjagd" (2008). Diesmal tritt sie selbst auf.
Beate Klarsfeld wurde am 13. Februar 1939 als Beate Künzel in Berlin geboren. 1960 lernte sie als Au-pair-Mädchen in Paris ihren Mann Serge kennen, mit dem sie bis heute dort lebt. Die beiden haben zwei Kinder.
Für den Bundesverdienstorden wurde sie nach ihrer Wanderausstellung "Sonderzüge in den Tod", die in Deutschland eine heftige Kontroverse auslöste, zweimal vorgeschlagen und zweimal abgelehnt. In Frankreich ist Klarsfeld mehrfach geehrt worden.
Zahlreiche Publikationen flankieren die Arbeit der Klarsfelds. Zuletzt erschien 2008 das Erinnerungsbuch "Endstation Auschwitz". Die Regisseurin Hanna Laura Klar arbeitet derzeit an einem Dokumentarfilm über Beate Klarsfeld. (big)
Sie hat ihr Leben der dunkelsten Stelle in der deutschen Geschichte gewidmet. Die öffentliche Wahrnehmung jedoch beschränkt sich meist auf den einen Moment, den 7. November 1968, der ihre gesamte Existenz auf eine einzige große Tat reduziert.
Frau Klarsfeld, die Ohrfeige. Mehr als vierzig Jahre ist das nun her. Hatten Sie nie Zweifel, dass Ihr Urteil über Kurt Georg Kiesinger falsch sein könnte?
Nein. Es war ja in ausländischen Zeitungen darüber berichtet worden, mein Mann und ich haben dann begonnen zu recherchieren. Wir haben historische Dokumente gesichtet und mithilfe eines Historikers in Paris die Beweise zusammengetragen. Es gab überhaupt keinen Zweifel daran, dass Kiesinger ein Nazi war.
Warum eine Ohrfeige?
Das hatte eine lange Vorgeschichte. Nachdem ich meinen Mann kennengelernt hatte und von ihm gewissermaßen aufgeklärt worden war über die deutsche Vergangenheit, habe ich begonnen, mich zu engagieren. Ich habe mich für Politik interessiert und für das deutsch-französische Jugendwerk gearbeitet. Als Kiesinger 1966 Kanzler wurde, sagte mein Mann, du bist eine gute Deutsche, du willst dich engagieren, das kannst du nicht zulassen. Ich habe dann Artikel veröffentlicht, und in einem stand der Satz, dass Kiesinger sich in den Reihen der Braunhemden einen ebenso guten Ruf verschafft hat wie in den Reihen der Christdemokraten. Für diesen Satz wurde ich vom Jugendwerk entlassen - und niemanden hat das interessiert. Da haben wir beschlossen, einen Schritt weiter zu gehen. Es musste einen Skandal geben.
Der große Moment war also gar keine spontane Aktion?
Ganz im Gegenteil, es war lange geplant. Mein Mann war vorher in die DDR gereist, der Bonner SDS unterstützte mich, für verschiedene Gelegenheiten, bei denen ich Kiesinger hätte ohrfeigen können, Besucherkarten zu bekommen. Beim CDU-Kongress gab mir dann ein Stern-Fotograf seine Pressekarte. Ich ging mit einem Steno-Block in der Hand hinunter zur Tribüne und sagte zu einem Ordner, ich müsste einem Kollegen auf der anderen Seite des Podiums etwas sagen. So kam ich an Kiesinger heran, allerdings nur von hinten. Ich habe ihn dann mit dem Handrücken geschlagen, mit links. Ich traf ihn eher ins Auge als aufs Ohr. Aber es war eine symbolische Ohrfeige der Jugend gegen die Nazi-Generation.
Es gibt nur eine ganz schlechte Aufnahme der Szene. Hat der Stern-Mann kein Bild gemacht?
Er sollte es machen, aber im entscheidenden Moment hing wohl der Motor seiner Kamera.
Die Szene macht Beate Klarsfeld dennoch sofort weltberühmt. Noch am selben Abend wird sie in einem Schnellverfahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, am nächsten Tag gelingt es ihrem Anwalt, das Urteil in eine Bewährungsstrafe umzuwandeln. Der Anwalt ist Horst Mahler. Klarsfeld hat ihn nie wieder getroffen. Die Ohrfeige wird zu einer der Grundtaten der jungen Bundesrepublik. Heinrich Böll schickt 50 rote Rosen, Günter Grass findet das übertrieben. Es folgt eine Kontroverse über Aktionen gegen Altnazis. Im Vergleich zu den Taten der Nazis, die den Vater ihres Mannes in Auschwitz töteten, sagt Klarsfeld, sei ihre Ohrfeige gar nichts gewesen. Die Frage der Mittel aber wird sie begleiten, mit ihrem nun berühmten Namen reist sie bis nach Südamerika, um nach NS-Verbrechern zu suchen, nach Mengele, Brunner, Lischka, Barbie. Als Letzterer, der "Schlächter von Lyon", 1983 endlich vor Gericht steht, hat Klarsfeld eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. "Wunderbar, was Sie tun", sagt die Stimme. Es ist Marlene Dietrich.
Manchmal gerät das durcheinander, ihre Stimme überschlägt sich beinahe, während ihre Gedanken von Paris über Berlin nach La Paz und Damaskus wandern. Klarsfeld spricht so rastlos, wie sie einst NS-Verbrecher jagte, während der deutsche Kanzler nirgendwo mehr auftreten konnte, ohne dass Studenten kamen, die "Kiesinger, Nazi, zurücktreten!" riefen. "Bon", sagt Klarsfeld, die Symbolik sei eben sehr wichtig.
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