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Begegnung mit Liao Yiwu: "Ich war ein Propaganda-Autor"

Obwohl er mit Lobliedern auf die Partei seinen Lebensunterhalt verdiente, engagierte er sich auch in der literarischen Untergrundszene, in der nicht Deng Xiaoping den Ton angab, sondern Bob Dylan. Doch am 4. Juni 1989 endete der kulturelle Frühling. "Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen", schrieb Liao damals in einem Gedicht, das er mit vor Wut bebender Stimme seinen Freunden vortrug, die es auf Kassetten weiterverbreiteten, wodurch es bei den traumatisierten Studenten bald Kultstatus gewann.

"Als ich in die Gefängniszelle gestoßen wurde, sah ich als erstes einen kahlköpfigen Hünen, der "Töten, töten, töten", schrie", erinnert sich Liao. "Dutzende Häftlinge mussten sich einen Raum teilen, und der Platz reichte nicht einmal, um beim Schlafen auf dem Rücken zu liegen. Alle hatten fürchterliche Ausschläge, und ich gewann die Zellenmeisterschaft im Läuseknacken."

Sie nannten ihn "der große Irre"

In Endlosschlaufen erzählten die Insassen einander ihre Geschichten: Einer hatte Mädchen gekidnappt und in die Prostitution verkauft. Ein anderer hatte seine Frau getötet und schon fast vollständig an seine nichtsahnende Familie verfüttert, als seine Mutter einen Fingernagel in ihrer Suppe fand. Liao, der nur ein paar Verse geschrieben hatte, erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche und versuchte zweimal, sich umzubringen, was ihm den Namen "der große Irre" einbrachte.

Nach seiner Entlassung begann er, unter einer Brücke Kleidung zu verkaufen und in seiner freien Zeit die Geschichten seiner Zellengenossen aufzuschreiben. Aus dem seelischen Verarbeitungsprozess wurde ein literarischer Neuanfang: Aus Liao, dem Dichter, wurde Liao, der Reportageschriftsteller. "Im Nachhinein sehe ich meine Gefängniserfahrungen als ungeheuren Schatz", sagt Liao. Außerdem haben die traumatischen Erfahrungen ihn weitgehend immun gemacht gegen die Angst vor Bestrafung oder materielle Verlockungen. Die Partei kann ihn behindern, aber nicht brechen.

Als nächstes kommt die abgeschnittene Hand

Auf dem Rückweg durch die leeren Straßen von Wenjiang, an denen neue Hochhausburgen mit Namen wie "Perlfluss-Stadt" oder "Küstenvilla" entstehen, zeigt Liao in die Richtung des Marktes, wo er sein Gemüse kauft. Kürzlich hat er dort einen Verkäufer kennengelernt, der im Streit mit einem Standnachbar die rechte Hand abgeschnitten bekommen habe.

"Sobald die Polizei mich wieder in Ruhe lässt, wird das mein nächstes Interview", sagt Liao. Auf dem Markt habe er auch eine Raubkopie des Stasi-Films "Das Leben der anderen" gekauft, die er über das deutsche Konsulat an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschickt hat, zum Dank für ihre Unterstützung bei seinem Versuch, nach Deutschland zu reisen. "Sie hat selbst in einer Diktatur gelebt und wird verstehen, was ich damit meine", erklärt er mit einem Zwinkern.

Dann geht er alleine weiter, um sich bei der Polizei von seinem Spaziergang zurückzumelden.

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Autor:  Bernhard Bartsch
Datum:  3 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
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