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03. März 2010

Begegnung mit Liao Yiwu: "Ich war ein Propaganda-Autor"

 Von Bernhard Bartsch
Der chinesische Autor Liao Yiwu bei seiner Begegnung mit FR-Korrespondent Bernhard Bartsch in Wenjiang. Foto: Bernhard Bartsch/FR

Ein Protest-Gedicht brachte Liao Yiwu nach dem Tienamen-Massaker ins Gefängnis. Dort aber lernte er das Zuhören. Die Geschichten einfacher Menschen wandelten den Lyriker in einen Reportage-Autoren. Von Bernhard Bartsch

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Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. "Hier kommen nicht viele Taxis her", sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. "Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür." Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte.

"Die Beamten haben mich mehrere Stunden verhört und dann auf dem Weg nach Hause gefragt, ob ich ihnen nicht einmal etwas von mir zu lesen geben könne, weil sie gar nicht genau wissen, warum ihre Vorgesetzten sie auf mich angesetzt haben", erzählt Liao lachend. Er überließ ihnen die Bücher, die er eigentlich mit nach Deutschland nehmen wollte.

Vielleicht drückten seine Bewacher deswegen ein Auge zu, als er an diesem regnerischen Morgen in Allwetterkleidung und unrasiert aus dem Haus trat und darum bat, einen kleinen Spaziergang machen zu dürfen. Der 51-jährige Autor gehört zum innersten Zirkel jener kritischen Intellektuellenszene, die Chinas Kommunistische Partei für ihren gefährlichsten Feind hält.

13 Mal durfte Liao Yiwu schon nicht ausreisen

Schon vor Jahren hat die Zentralregierung alle chinesischen Verlage schriftlich angewiesen, von Liao keine Zeile mehr zu drucken. 13 Mal haben die Behörden ihn daran gehindert, Einladungen zu ausländischen Literaturveranstaltungen anzunehmen. Selbst bei Reisen in die Hauptstadt Peking schickt die Provinzregierung Polizisten, um Liao zurückzuholen.

Es heißt, Zhou Yongkang, Chef der chinesischen Sicherheitsdienste und die Nummer neun in der Parteihierarchie, habe Liao auf seiner persönlichen schwarzen Liste, weil er einiges Negative über Zhous Zeit als Parteichef von Sichuan recherchiert habe. Und für das populäre Gedicht "Massaker", mit dem Liao sich 1989 nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Entsetzen von der Seele zu schreiben versuchte, ist er aus Pekings Sicht selbst mit vier Jahren Haft und Folter noch nicht hart genug bestraft worden.

"Immerhin liest so auch Chinas höchste Führung meine Texte", gibt Liao sich geschmeichelt. "Aber gerade deshalb müsste sie doch eigentlich wissen, dass ich überhaupt nicht gefährlich bin." Liao hat Tee und Nudelsuppe bestellt. Während er erzählt, rupft er die Papierhülle seiner Essstäbchen in winzige Stückchen. "Ich habe es nie darauf angelegt, das Regime herauszufordern", sagt er. "Ich gehöre nicht zu den Schriftstellern, die bewusst die Rolle des Dissidenten suchen, weil sie es für ihre Pflicht halten, den Staat zu kritisieren." Zwar habe auch er das Demokratiemanifest "Charta 08" unterschrieben, allerdings vor allem aus Verbundenheit mit deren Verfasser Liu Xiaobo, einem seiner engsten Freunde, der im vergangenen Dezember zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

"Ich habe die Charta 08 nicht mal gelesen"

"Um ehrlich zu sein habe ich die Charta 08 nicht einmal genau gelesen", gesteht Liao. "Ich interessiere mich nicht besonders für Politik, sondern vor für meine Geschichten." Doch wie könnte es unpolitisch sein, in China diejenigen zu Wort kommen zu lassen, deren Stimmen das staatliche Propagandagetöse eigentlich übertönen soll?

Liao hat sich vor allem als Reportageschriftsteller einen Namen gemacht. Einen großen Teil des Jahres wandert er zu Fuß durch die chinesischen Provinzen und dokumentiert das Leben des einfachen Volkes und vor allem der Fortschrittsverlierer. "Meine Texte entstehen nicht am Schreibtisch, sondern in der Realität", sagt Liao, der sich ungeniert mit dem russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn vergleicht. "Wenn wir nicht festhalten, was in China heute passiert, dann ist es für immer verloren."

In seinem vergangenes Jahr auf Deutsch erschienenen Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" beschreibt er das Schicksal von Wanderarbeitern und Bauern, Kloputzern und Prostituierten, Kriminellen und politisch Verfolgten. Ein weiterer Reportageband, in dem er seine Zeit im Gefängnis beschreibt, soll Ende des Jahres auf Deutsch erscheinen - Liao lebt ausschließlich von seinen ausländischen Tantiemen.

"Ich war ein Propaganda-Autor"

Die subversive Freude am Zuhören entdeckte Liao, als er wegen seines Tiananmen-Gedichts "Massaker" zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. "Davor war ich ein Propaganda-Autor wie alle anderen auch, die im staatlichen Schriftstellersystem arbeiten", meint Liao mit einem Seitenhieb auf chinesische Literaturstars wie Mo Yan oder Yu Hua, die einst seine Kollegen waren und sich heute nicht mehr trauen, mit ihm Kontakt zu haben oder öffentlich über seine Werke zu sprechen.

Liao, Sohn einer Lehrerfamilie, verbrachte seine Kindheit während der Kulturrevolution und bekam an Bildung nur das mit, was ihm seine Eltern in den Revolutionspausen heimlich beibringen konnten. Nach Maos Tod versuchte er vier Jahre lang vergeblich, die Universitätsaufnahmeprüfung zu bestehen und begann dann bei einer Zeitschrift zu arbeiten, wo er bald als wortgewandter Dichter auffiel und vom Kulturministerium in die Riege der Staatsschriftsteller aufgenommen wurde.

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